Sichtbar gemacht

Die Synagoge als Herzstück jüdischen Lebens

 Ich möchte nicht verhehlen, dass es mir ungleich lieber wäre, nicht nur einer Ausstellung über die „Synagogen von einst“ beizuwohnen, sondern stattdessen in einer wieder funktionierenden Synagoge in Reichelsheim zu stehen, deren 200. Geburtstag wir dann gemeinsam hätten feiern können. Denn das würde bedeuten, dass wir in Reichelsheim wieder eine lebendige jüdische Gemeinde hätten, und eben nicht nur örtliche Vereine, Initiativen oder Privatpersonen, die sich zur Pflege der Erinnerung selbst verpflichtet haben. Die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Geschichte – und sei sie auch noch so unbequem – nicht nur den Archivaren und Historikern zu überlassen, sondern sie wieder lebendig werden zu lassen, selbst wenn dies angesichts der dunklen und schmerzhaften Vergangenheit um ein vielfaches anstrengender, aufreibender und mühsamer ist, als sie dem Strom des Vergessens zu überantworten. Dass es redliche und aufrichtige Bemühungen gibt, die Erinnerung an das Geschehene in Reichelsheim zu verankern, ist eigentlich eine Ironie der Geschichte. Denn schließlich haben sich die Nazis und ihre zahllosen Helfershelfer ja nach Kräften bemüht, die Juden mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ausmerzen, wie es in der Sprache der Mörder hieß, wollten sie dabei nicht allein die Menschen und ihre geistigen und kulturellen Errungenschaften, sondern alle Spuren ihrer Existenz, also auch die steinernen Zeugen – die Friedhöfe und Gotteshäuser.

Auf dem Weg zu dieser „Endlösung“ wurde am 9. November 1938 auch die Reichelsheimer ­Synagoge geschändet und verwüstet, wie so viele andere Synagogen in diesem Land. Das Gebäude niederzubrennen, das hatte man sich aus Sorge um die angrenzenden Häuser und ihre Bewohner zwar verkniffen, doch vor dem Furor der Bürger blieb das Gebäude dennoch nicht verschont. Wenn schon das Gotteshaus nicht in Flammen aufgehen konnte, so doch zumindest die Heiligen Schriften der jüdischen Gemeinde. Diese brachte man auf die Straße und verbrannte sie, während man Reichelsheimer Juden zwang, um das unheilige und verzehrende Feuer zu tanzen.

Damit traf man die jüdische Gemeinschaft – hier wie überall im Land – mitten ins Herz. Denn seiner­zeit gab es in Deutschland wohl kaum eine Gruppe, die – nachdem man ihr den Zugang in die Mehrheitsgesellschaft erst einmal ermöglicht hatte – so hart darum gekämpft hat, zum Wohl ihrer Umgebung beizutragen. Ob nun unter Aufgabe der eigenen Identität und einer schnellstmöglichen Anpassung oder aber unter Beibehaltung der uralten Traditionen taten Juden das, was sie seit jeher als ihre Aufgabe betrachten: nämlich Segen zu bringen und die Welt zu verbessern. Sei es durch medizinische, ökonomische und kulturelle Entfaltung oder aber durch moralphilosophische, geisteswissenschaftliche und politische Beiträge. Sie verstanden sich zunehmend als gleichberechtigter Teil der deutschen Gesellschaft. Sie kämpften und fielen im Ersten Weltkrieg wie selbstverständlich für das deutsche Vaterland. Und sie hätten nicht im Traum damit gerechnet, dass der alte Hass mit solcher Brutalität wieder aufbrechen könnte.

Es war ein absolutes Trauma, dass sich ehemalige Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn tatsächlich daran machten, jüdische Gotteshäuser in wilder Raserei dem Erdboden gleich zu machen. Ausgerechnet die Synagogen und Betstuben. Ausgerechnet diese geheiligten Orte. Denn trotz aller Repressalien, Diskriminierungen und Demütigungen, die Juden bereits in den Jahren vor der Reichspogromnacht erleiden mussten, hatte der Angriff auf die jüdischen Gotteshäuser eine besondere Symbolik. Spätestens in diesem Moment musste man erkennen, dass der Firnis der Zivilisation zu dünn war und die Barbarei sich ihren Platz zurückerobert hat. Dass auch kultivierte Bürger, treue Christen und gebildete Einwohner keine Garanten für Mitmenschlichkeit, Moral und Anstand waren.

Dieser Angriff auf die Heiligtümer des Judentums, ihre Synagogen und ihre Hebräische Bibel, die Torah, war nur der Anfang all des Grauens, das in den kommenden Jahren folgen sollte. Und doch war er schon schmerzhaft und grausam genug. Denn schließlich richtete sich die Attacke auf das sichtbare Herzstück kollektiven jüdischen Lebens – die Synagoge. Sie ist der zentrale Ort der Versammlung, das Lehrhaus, das Bethaus und also das Gotteshaus. Es ist der Ort, an dem sich das gemeinschaftliche jüdische Leben abspielt.

Zugegeben: Nicht weniger wichtig als die Synagoge ist das jüdische Heim, denn Juden haben über viele Jahrhunderte hindurch ihre Religiosität oft sehr viel stärker mit ihrem familiären Zuhause in Verbindung gebracht als mit der Synagoge. Dorthin gingen sie, um zu studieren und gemeinsam zu beten. Die überwiegende Zahl der religiösen Pflichten betrifft hingegen das persönliche Leben außerhalb der Synagoge: angefangen vom Lichtentzünden zu Beginn des Sabbat, über den Seder-Abend im Kreis der Familie bis hin zu all den umfangreichen Vorschriften der Kaschrut, der koscheren Lebensführung. Von dem Verhältnis der Eheleute mitein­ander, von Eltern und Kindern untereinander sowie dem zwischenmenschlichen Zueinander.

Mit anderen Worten: Wenn wir gezwungen würden, alle unsere Gotteshäuser zu schließen (was in unserer langen Geschichte im Übrigen mehr als einmal vorkam), so würde jüdisches Leben doch noch immer intakt bleiben, weil das religiöse Leben in unseren Häusern stattfände. Wenn man uns hingegen zwänge, unsere Traditionen zu Hause aufzugeben, dann würden uns alle Synagogen dieser Welt nicht helfen, unsere Gebote mehr als eine oder zwei Generationen lang am Leben zu halten. Was letztlich auch nicht weiter verwundern muss, denn gläubig ist ein Mensch nicht dadurch, dass er in die Synagoge, die Moschee oder in die Kirche geht. Gläubig ist er, wenn er seinen Glauben und seine religiöse Überzeugung lebt, nicht nur an den Feiertagen, sondern gerade im Alltag.

Und doch ist die Synagoge seit dem Verlust des Zentralheiligtums, also des Tempels von Jerusalem im Jahre 70, gewissermaßen ein miniaturisierter Ersatz. Es ist der Ort, an dem die jüdische Gemeinschaft mit Leben erfüllt wird. An dem die Keimzelle einer Gesellschaft, also die Familie, in ihre nächstgrößere Einheit geführt wird. An dem tausende Jahre alte Traditionen gelehrt und gelernt, diskutiert und debattiert werden, weswegen man im Jiddischen auch von einer „Schul“ – also Schule – spricht. Es ist der Ort, an dem wir Juden uns Gott im gemeinschaftlichen Gebet nähern. An dem wir Woche für Woche seine heiligen Texte lesen, seine Feste feiern, seine Nähe suchen. Synagogen sind also Orte, an denen man Gott in Gemeinschaft nahekommen kann. Orte, die nicht unbedingt durch Größe und Pracht auffallen, sondern eher durch Schlichtheit und Funktionalität. Orte, die aufgrund des biblischen Bilderverbotes, welches man aus den Zehn Geboten kennt, keine Skulpturen, Abbilder oder sonstige Bildnisse haben, sondern die Struktur des Tempels von Jerusalem widerspiegeln. Also Orte, die auf das Wesentliche reduziert einen Begegnungsort schaffen, in dem der Betende oder die Gemeinschaft Gott beinahe auf Augenhöhe gegenübertreten. In denen das ambivalente Verhältnis des Juden zu Gott, welches durch Nähe und Distanz, durch Allmacht und Ohnmacht, durch Gehorsam und Widerspruch gekennzeichnet ist, sichtbar wird. Synagogen sind damit unser zweites Zuhause.

Und dieses Zuhause wurde uns damals genommen. Wurde zerstört, niedergebrannt oder verwüstet. Obwohl das Synagogengebäude hier in Reichelsheim die Pogromnacht überlebte, wurde es in den darauffolgenden Jahren erst arisiert und anschließend zweckentfremdet und durch Teilabrisse und Umbauten soweit unkenntlich gemacht, dass nichts mehr die eigentliche Nutzung erahnen lässt. Es war eine besondere Form der Geschichtsentsorgung, wie sie deutschlandweit in unzähligen Fällen stattgefunden hat.

Anlässlich des 200. Jahrestages der Einweihung der Reichelsheimer Synagoge werden diese und viele weitere jüdische Gotteshäuser in künstlerischer Form der Vergangenheit entrissen und vor dem Vergessen bewahrt. Mehr noch: Die heutige Ausstellung rückt „die Synagogen von einst“ mitten hinein in die Gegenwart, in den Mittelpunkt des Geschehens, gibt ihnen Form und Gestalt, hilft, die verblassende Erinnerung zu bewahren und wieder mit Leben zu füllen. Dafür danke ich dem Künstler, Herrn Alexander Dettmar, den Initiatoren und allen Unterstützern.

Von

  • Daniel Neumann

    Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt

    Alle Artikel von Daniel Neumann

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