Esthers Geschichte

Ich bin die Tochter von Max Meyer aus der Darmstädter Straße 50 in Reichelsheim. Mein Vater hat nicht über damals gesprochen, aber er und mein Großvater müssen Hitler und seine­ Re­gierung lautstark abgelehnt ­haben. Gleich nach der Machtergreifung wurde er in das Arbeitslager Osthofen gesteckt, allerdings nach sechs Wochen entlassen.

Also verließ er Deutschland und floh nach Ame­rika. Er wollte unbedingt Arbeit finden und Geld in die alte Heimat senden, um seine Familie zu retten. Wie viele Juden damals war er deshalb gezwungen, am Sabbat zu arbeiten. Weil er die orthodoxen Regeln nicht mehr einhalten konnte, wurde aus ihm ein sogenannter „konservativer Jude“.

Er ent­schied sich, nie wieder Deutsch zu sprechen, er kaufte keine deutschen Produkte und hat auch nie wieder deutschen Boden betreten, noch nicht einmal um das Grab seines Vaters zu besuchen.

Ich bin 1950 in New York geboren und wuchs in dieser wenig frommen Umgebung auf. Als junge Frau begann ich zu reisen und kam auch nach Israel. Dort setzte ich mich ernsthafter mit dem Judentum auseinander. Ich lernte eine Gruppe von jungen Juden kennen und ihr Glaube steckte mich an. Darunter war auch mein späterer Mann Yissachar, mit dem ich heute in einer Siedlung im Westjordanland in einer ultraorthodoxen ­Gemeinschaft lebe. Wir haben zwölf Kinder und sechsundsechzig Enkelkinder. Sie sollen leben und es möge ihnen wohlergehen.

Seit einigen Jahren treibt mich etwas um, das umzusetzen mir nicht leichtgefallen ist, denn ich befürchtete, dass es meinem Vater missfallen hätte. Als fromme Jüdin handele ich ungern gegen das, was mein Vater gewollt hätte. Dennoch bin ich zum deutschen Konsulat in Tel Aviv gegangen und habe für meine Kinder und Enkelkinder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Unsere Familienakte ist die dickste, die es dort je gab. Immer, wenn ein Vorgang abgeschlossen war, kamen die Unter­lagen eines neuen Enkelkindes dazu. Irgendwann wurde die Akte einfach geschlossen und jetzt erhalten alle Granitsky-Nachfahren automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Nazis haben 80 Mitglieder der Meyer-Familie umgebracht. Ich habe beschlossen, wieder 80 Juden zum deutschen Volk hinzuzutun. Jetzt bin ich bei 78, und wir sind noch nicht fertig!

Ich freue mich über die Gedenktafel an dem Gebäude, das einst die Synagoge der Reichelsheimer Juden war. In den Tagen unseres Aufenthalts hier ist uns so viel Liebe entgegengebracht worden und haben wir so viel Versöhnung erlebt, dass ich sicher bin, dass mein Vater mir nicht nur verziehen hätte, sondern stolz auf uns wäre.

Als er starb, war ich noch jung, und ich habe immer bedauert, dass ich von ihm nichts über seine Kindheit und meine Familie in Deutschland erfahren habe. Nie hätte ich zu hoffen gewagt, dass ich nun Menschen begegne, die meine Großeltern, meinen Vater und seinen Bruder noch gekannt haben. Hildegard Berg ist heute 86. Sie ist in der Herrnmühle, in direkter Nachbarschaft zu meinem Elternhaus aufgewachsen und kann sich daran erinnern, dass ihre Großeltern und mein Großvater Isidor Freunde waren: „Sie haben oft abends beisammen gesessen. Meine Großeltern wussten, wie sehr er von den Nazis bedrängt wurde und versteckten ihn in der Futterraufe unterm Stroh.“ Die Nazis verlangten von meinem Großvater, sich entweder selbst zu töten oder getötet zu werden. Es war furchtbar, als wenige Monate nachdem mein Vater Deutschland verlassen hatte, sein Bruder, mein Onkel Irwin, seinen Vater in der Scheune aufgehängt fand. Hildegard erinnert sich daran, dass ihre Eltern der Witwe und meinem Onkel über den Zaun Lebensmittel schickten, um ihnen zu helfen. Nur wenig später floh mein Onkel nach Schweden und gelangte dann auch nach Amerika.

Am letzten Tag vor meiner Abreise durfte ich Wiltrud Lein (geb. 1938) kennenlernen, die im Nachbarhaus in der Darmstädter Str. 48, geboren ist. Sie besitzt noch heute ein besticktes Taschentuch, das meine Großmutter Blanda ihrer Mutter zu ihrer Geburt geschenkt hatte. Ein kostbarer Fund sind für mich die Briefe, die sie schon in den 1980ern mit Onkel Irwin gewechselt hatte, der im Gegensatz zu meinem Vater an die Vergangenheit angeknüpft hatte. Mein Vater hatte jegliche Wiedergutmachung aus Deutschland zurückgewiesen, aber ich überlege, ob ich das Erbe anzutreten versuche, um es für künftige Begegnungen einzusetzen.      

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