Die Augen des Vater - Eine Bildmeditation
von Irmela Hofmann
Wir kennen den Meister nicht, der es gemalt hat, und wissen nicht, unter welchen Umständen es entstanden ist. Was mich an diesem seltsamen Bild ergriffen und nicht mehr losgelassen hat, sind die Augen des Vaters. Eine ungewöhnliche Darstellung: Gott, der Vater, hält seinen toten Sohn aufrecht in beiden Händen und weist mit dem Finger auf die Wunde, aus der noch Blut strömt, als wolle er sagen: Erkenne doch, dass allein dieses Blut dich von aller Sünde reinigen kann, dich von allen Bindungen löst, dich zu einem neuen Leben befreit. In diesem für dich und für viele vergossenen Blut liegen versöhnende, bewahrende, heilende und Gemeinschaft stiftende Kräfte.
Es ist das Blut des neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen.
Während seine Hand dies andeutet, schauen seine Augen den Menschen an, dem seine Liebe ein solches Opfer wert war.
Wenn ich mich darauf einließe, was würde das bedeuten? Nichts weniger als dies: Ist Gott für uns, wer vermag wider uns zu sein? Er, der seinen einzigen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für alle hingegeben - in die Hände der Menschen - wie sollte Er uns mit IHM nicht alles schenken? Wer will dann noch die Auserwählten Gottes verklagen?
Gott selbst ist es ja, der sie gerecht spricht. Wer ist es, der verdammen will? Christus Jesus ist an unserer Stelle gestorben, ja noch mehr:
Er ist auferweckt worden, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein! Wer oder was kann uns von solcher Liebe Gottes trennen?
Traurigkeit oder Angst?
Verfolgung oder Hunger?
Entwürdigung, Gefahr oder Todesdrohung?
Mag sein, dass man uns um seinetwillen wie Schlachtschafe behandelt.
Der, der uns mehr liebt als sein Leben, lässt uns alles überwinden in der Gewissheit, dass
weder Tod noch Leben,weder Engel noch Mächte,
weder Gegenwart noch Zukunft,
noch Mächte aus der Höhe
oder aus der Tiefe
noch irgendein anderes unter den
Geschöpfen uns zu trennen vermag von der
Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar
geworden ist, unserem Herrn.(Röm 8,38-39)
Darum sangen unsere Väter:
Dein Kampf ist unser Sieg,
Dein Tod ist unser Leben,
in deinen Banden ist
die Freiheit uns gegeben.
Dein Kreuz ist unser Trost,
die Wunden unser Heil,
Dein Blut das Lösegeld,
der armen Sünder Teil.
Wer anerkennt, dass das die realistische Beschreibung seiner Lage ist, dass er als "armer Sünder" in der Verlorenheit der Gott-Ferne außer seinem Stolz, an dem er noch hartnäckig festhält, nichts mehr zu bringen hat, und dann in die Augen des Vaters schaut, der begegnet der Liebe, die nichts beschönigt, nichts kleiner macht, als es ist, und doch versteht und verzeiht.
Und wenn uns unser Herz verklagt, ist Gott größer als unser Herz.
Es geht um das Wagnis, sich dieser Liebe für den Rest des Lebens anzuvertrauen.
Das kostet den Stolz, aber es bedeutet auch, Anteil zu bekommen am Sieg des Ostermorgens.

- Irmela Hofmann, 1924 - 2003
Irmela Hofmann (1924-2003) gründete 1968 mit ihrem Mann Horst-Klaus die Großfamilie der Offensive Junger Christen. Sie war als Bibellehrerin, Seelsorgerin und Schriftstellerin über die Landesgrenzen hinaus bekannt.
Dieser Text ist erschienen im Salzkorn 3/2009 - "Sünde kann tödlich sein" unter dem Titel: "Die Augen des Vaters", S. 134-135.
