Wer bin ich für dich?

- Point of View – Spiegelung. Farbholzschnitt auf Japanpapier © Hans Christian Rüngeler
Wie ein Stein sinkt die Frage
auf den Grund meiner Seele
und auf ihrer krausen Spur
verzittert mein Spiegelbild.
Wer du für mich bist?
Als ich, meiner sicher, dich den Gesalbten nannte,
Sohn des lebendigen Gottes,
sprachst du das Wissen mir ab:
Nicht mein wär‘ das Zeugnis, sondern des Geistes.
Als ich mein Leben drauf setzte, bereit,
für die Sache zu streiten, da hieß es,
ich sei ein einziges Nein,
ein dreifaches Leugnen!
Als dann der Hahn schrie,
war meine Lüge zur Wahrheit geworden:
Nein, ich kannte dich nicht,
verstand nicht, wer du bist – für mich.
Ein Fremder wusch mir die Füße,
ein Fremder brach mir den Brotlaib,
fremd blieb er, als er den Bundeskelch reichte,
fremder noch, als er den Häschern sich stellte.
Und wer bin ich für dich? frage ich, verwirrt.
Für dich, der mich nicht in Angst ertrinken lässt,
der nach gescheitertem Fischfang die Netzte mir füllt,
mein Gestammel ermächtigt, zu lösen und zu binden,
mich ruft, seine Schafe zu weiden, seine Lämmer zu hüten.
Ob ich dich liebe?
Ein einziges Ja, ein dreifaches Flehen.
Im Erwidern klärt sich mein Blick.
Wer ich für dich bin?
Erkannter, der beginnt, zu erkennen,
Geliebter, der beginnt, zu lieben.
Wer du für mich bist?
Antlitz, das auf meiner bis auf den Grund
erschütterten Seele sichtbar wird.
Bildmeditation von Írisz Sipos
Erschienen im
Salzkorn 3/2010 Krisen verändern. S. 160-161.
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