Ein Schrei der Freude
Feiern jenseits der Norm
von Jean Vanier
Unsere westliche Kultur weiß nicht mehr, was Feiern heißt. Sie weiß, was eine Party ist, wo man trinkt und isst und Kollegen trifft. Sie weiß, was Freizeit ist: Fernsehen und Theater, Bücher und Spiele. Sie weiß, was Ferien sind: tun und lassen, was man will. Aber sie weiß nicht mehr, was Feiern heißt.
Wirklichkeit
Das Fest ist ein Schrei der Freude und der Dankbarkeit, weil man einander verbunden ist, weil man zu demselben Leib gehört, weil Verschiedenheit Reichtum bedeutet – und weil man alles Trennende fallen lassen konnte. Man freut sich, dass man endlich zeigen kann, was am tiefsten und am verwundbarsten ist: dass man miteinander verbunden ist in gegenseitigem Vertrauen.
Das Fest ist eine gemeinschaftliche Wirklichkeit. Sein Ziel ist nicht, irgend etwas beweisen zu wollen, sondern entsteht aus der inneren Verbundenheit der Glieder einer Gemeinschaft. Es ist der Gipfel gemeinsamen Lebens, Ausdruck und Quelle der Einheit.
Zum Fest gehört der ganze Mensch mit all seinen Sinnen. Zum Fest gehören Musik und Tanz, Instrumente und Lieder, Farben und Kleider, Blumen und Schönheit, auch ein gutes Essen und viel Ausgelassenheit, Freude und Humor: jede menschliche Wirklichkeit hat ihren ganz eigenen Platz.
In der Arche (siehe Autorenportrait) lernen wir zunächst, die Geburtstage zu feiern: jemandem durch ein Fest zu sagen, dass er ein Geschenk für die Gemeinschaft ist. Wir erinnern uns an seine Geschichte, zählen seine Gaben auf und sagen, warum wir uns freuen, dass er da ist, und wie er uns hilft, die Gemeinschaft zu bauen. Der Gefeierte steht im Mittelpunkt des Festes, man schenkt, was ihm Freude macht, man kocht, was ihm schmeckt, man spricht, was ihm Spaß macht.
Geborgenheit
Wir feiern Weihnachten, Ostern und Pfingsten, all diese Feste, die uns daran erinnern, wie sehr Gott sein Volk liebt – und wie nahe er ihm ist. Er lässt die Menschen nicht allein mit all ihren Leiden, Ungerechtigkeiten und Ängsten. Und auch die Gemeinschaft ist nicht allein: Gott wacht über sie und leitet sie. Jeder ist geborgen in der Hand des Vaters. Niemand ist allein.
Man feiert, wer seit zehn Jahren in der Arche ist. Man feiert auch das Jahresende, indem man sich der Ereignisse erinnert und dafür dankt – man nutzt jede Gelegenheit zum Feiern.
Wenn wir feiern, dann singen wir zusammen, lachen und beten zusammen. Im Herzen des einzelnen entsteht das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gruppe, zur Gemeinschaft. Gott selbst hat uns zusammengefügt. Aber dieser Bund erstickt uns nicht, ist keine Behinderung unseres persönlichen Wachstums. Nein, er bestätigt uns, mahnt uns, weiterzugehen, er befreit uns. Gott hat uns aus der Isolierung befreit, um zusammen zu leben. Er hat jedem seine Gabe gegeben, die er ausüben soll, damit der gemeinsame Bau immer schöner wird.
Intuition
Menschen mit einer geistigen Behinderung haben eine besondere Fähigkeit zu feiern. Viele von ihnen haben keinerlei Hemmungen: sie tanzen, singen und spielen ein Instrument vor einem ganzen Auditorium. Sie drücken ihre Beziehungen gern auf eine nicht vom Verstand her bestimmte Art aus. Sie spielen und lachen gern. Bei unseren Festen sind die Menschen mit einer geistigen Behinderung schnell bereit zu singen, zu klatschen und zu tanzen, während die sogenannten vernünftigen Menschen steif und verkrampft dasitzen: sie bringen kein Lächeln über die Lippen, manchmal kaum ein Lied. Wollen wir zum Beispiel Szenen aus dem Evangelium spielen, dann haben die Assistenten meist Hemmungen, die Rolle von Jesus zu übernehmen, sie sind oft viel zu selbstbewusst dazu. Menschen mit einer geistigen Behinderung sind da viel unkonventioneller – und freier.
Man versucht heute die Normalisierung der Menschen mit einer geistigen Behinderung zu fördern. Das ist ausgezeichnet, solange man unter Normalisierung die Ausübung der Grundrechte versteht: Anspruch auf Arbeit, Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, des städtischen Schwimmbades usw. Aber es wäre ungerecht, darüber die eigene Kultur und die eigenen Bedürfnisse von Menschen mit einer geistigen Behinderung zu missachten. Diese werden niemals intellektuell sein, und ihre Bedürfnisse sind sehr viel stärker intuitiv als verbal.
Je nach Form und Typ der Gruppierung verweist die Feier die Glieder auf sich selbst oder öffnet sie für Gott und die Menschen. Das Zugehörigkeitsgefühl kann sehr ausschließlich sein oder auch ganz offen. Exklusivität führt meist zu Elitebildung, dann ist die Feier aber nur eine Demonstration der Macht: „Wir sind die Besten, die Stärksten, die Geretteten. Wir sind die Auserwählten.“ Das ist dann aber schon keine Feier mehr. Denn zur offenen Feier gehören Armut und Demut: niemand ist ausgeschlossen. Im Mittelpunkt der Feier stehen der Ärmste und Kleinste. Echt ist die Feier, wenn sie offen ist für alle, die in einem Bund leben, diesen Bund feiern wollen und Gott dafür danken.
Intimität
Im Herzen der christlichen Gemeinschaft steht die Feier: die Eucharistie. Im Herzen dieser Feier steht Gott, der klein und arm geworden ist für uns, der verborgen ist unter den Gestalten von Brot und Wein. Er kommt, um sich den Kleinsten hinzugeben. Die Eucharistie ist die Feier der Liebe Jesu und seiner Auferstehung. Sie ist die Verkündigung seiner Wiederkehr in Herrlichkeit, Zeichen der Hoffnung. Aber die Eucharistie ist auch Gegenwart des Leidens Jesu: sein Leben ist hingegeben, sein Blut vergossen, sein Leib gebrochen. Sie ist die Annahme allen Leids, allen Elends, aller Gebrochenheit. Sie ist Zeichen der Fruchtbarkeit allen Leidens in Verbindung mit dem Leiden Jesu. Denn das Leiden Jesu heilt, rettet und befreit.
Die Eucharistie gipfelt in dem intimsten Akt des menschlichen Herzens, den Leib Gottes aufzunehmen, damit er in uns lebt: „Wer meinen Leib isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.“ Die zwei werden eins. Sie werden ein Fleisch: „Leib Christi“. Sie ist die Feier der Einheit, die uns das Gefühl der Zugehörigkeit zu Jesus und seinem mystischen Leib, der Kirche, gibt – und zu jener Zelle der Kirche, welche unsere Gemeinschaft bildet. Das besondere an der Eucharistie ist, dass sie eine gemeinschaftliche Feier und zugleich eine sehr persönliche, ja intime ist. Sie beginnt mit gemeinsamen Liedern und Gebeten und endet in der Stille mit Gott.
Eucharistie
Die Eucharistie ist beständige Erinnerung daran, dass die Gemeinschaft kein Ort der Leichtfertigkeit ist, sondern des Wachstums im Herzen Gottes. Sie ist Stärkung auf dem Weg der Liebe und der Befreiung. Sie verbindet in geheimnisvoller Art die dargebrachten Freuden und Leiden, den Bund, das Wort und die Kommunion mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern.
Eine Gemeinschaft, die die Freude nicht mehr feiert, zusammenzusein mit Gott, verbunden und offen für die anderen, wird notwendig sterben. Sie lebt nur noch von Regeln und Rechten – vielleicht auch noch von Versprechen und Gelübden. Aber sie hat ihre Seele verloren: sie ist nur noch ein Skelett. Die Seele einer Gemeinschaft, die sich in ihren verschiedenen Festen offenbart, ist die Liebe, das Vertrauen und die Freude, zusammenzusein: Brüder und Schwestern, die gemeinsam unterwegs sind zum selben Ziel.
Dieser Text ist ein Auszug aus: Jean Vanier, Heilende Gemeinschaft, Beziehung zwischen Behinderten, Otto Müller Verlag Salzburg, o.J., S. 162-165.
Dr. Jean Vanier (*1928), Philosoph und Theologe, ist Gründer der „Arche“ , einer internationalen ökumenischen Organisation, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. In der von ihm mitgegründeten Bewegung „Glaube und Licht“ treffen sich Behinderte mit Freunden und Verwandten zu regelmäßigem Austausch, Gebet und Feiern. Von den 135 Archen weltweit sind drei in Deutschland (Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg am Lech).
Erschienen im
Salzkorn 2/2010 - was bLEIBt, Ein Schrei der Freude, S. 112-115.
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