Menschgewordener
Du
Gott
ein Mensch
Wie war es wohl für dich, auf der Erde zu leben,
die du selbst geschaffen hattest?
Dich den Gesetzen des Werdens und Vergehens,
der Schwerkraft einer gefallenen Welt zu unterwerfen?
So sehr hast du sie geliebt; deshalb bist du zu uns gekommen.
Die Welt im Frühling, zartblühende Apfelbäume, aufkeimendes Leben
ist leicht zu lieben.
Aber das Andere, das Zerstörte, Beschmutzte, Entstellte, Furchterregende –
wolltest du davor nicht auch manchmal nur fliehen?
Ich frage mich, ob du Heimweh gespürt hast nach der Welt,
die du verlassen hattest. Heimweh nach der himmlischen Herrlichkeit,
nach Klarheit, nach Vollkommenheit?
Aber der Himmel war ja nicht mehr vollkommen.
Nicht mehr, seit der erste Adam den Einflüsterungen des Anklägers glaubte und Misstrauen und Selbstsorge die Erde wie Dornen überwucherten.
Seitdem leidet ihr im Himmel wie wir auf der Erde.
Und nicht eher kann euer Schmerz und unser Schmerz gestillt werden, bis der Mensch – Adam – den Platz, der ihm von Ewigkeit bestimmt ist, einnimmt, bis die Menschheit in ihr wahres Wesen verwandelt sein wird.
Deshalb bist du Mensch geworden und – das vielleicht noch größere Wunder – Mensch geblieben:
Als der Tyrann die blutige Hand nach dem Säugling ausstreckte und deine Familie heimatlos machte.
Als du aus dem Kreis der Gelehrten in deines Vaters Haus wieder hinabgingst nach Nazaret, um Handwerker zu werden.
Als Satan dir in der Wüste anbot, dich mit übernatürlichen Fähigkeiten auszustatten.
Als Petrus vorschlug, sich mit dir auf dem Berg der Verklärung niederzulassen.
Als deine besten Freunde schworen, dich nicht zu kennen.
Als Nägel deine Hände durchbohrten und der Atem unter dem Gewicht deines sterbenden Körpers erlosch.
Als sie den schweren Stein vor die Öffnung des Grabes schoben und mit dir
die Hoffnung begruben.
Und dann Ostern: Auferstanden von den Toten! Halleluja!
Dennoch: an deinem Leib bleiben Wundmale,
ewige Zeichen der gottvergessenen Bosheit deiner Mit-Menschen. Die nahmst du mit,
als du in den Himmel zurückkehrtest.
Seitdem sitzt du zur Rechten des Vaters:
Christus, immer noch wahrer Mensch – wahrer Gott mit durchbohrten Händen und Füßen.
Mein Menschenbruder auf dem himmlischen Thron.
Einer von uns! Mir schwindelt bei dem Gedanken:
Einer von uns im Allerheiligsten! Schon jetzt.
Mit dir, neuer Adam, werden wir den Platz,
der uns von Ewigkeit bestimmt ist, einnehmen.
Damit werden Himmel und Erde heil.
Und bis dahin?
Leben wir im Noch-nicht.
Doch wie lang es auch dauert, wie viele Wunden wir uns und dieser Welt noch schlagen,
wie unmenschlich der Mensch noch wird;
ich will meine Schmerzen in und an dieser Welt
in deinen Wundmalen bergen,
will festhalten an der Gewissheit,
dass du, Menschenbruder,
mit ihnen vor dem Vater für uns einstehst,
will reden von der Hoffnung auf die Herrlichkeit.
Meditation über die Inkarnation Christi von Rebekka Havemann
Erschienen im
Salzkorn 2/2010 - was bLEIBt, Menschgewordener, S. 72-73.
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