Froh!
Ein Eremiten-Experiment auf Schloss Reichenberg
von Silke
Mit Freude hatte ich gar nicht gerechnet! Vor mir standen drei Monate Auszeit im schnuckeligen „Hüttchen“ bei der OJC nach einem sehr erfüllten, aber auch gefüllten Leben als Diakonin in der Kinder- und Jugendarbeit.
Ich freute mich auf die vor mir liegenden Monate, keine Frage! Ich freute mich darauf, mir den größten Luxus unserer Generation einfach gönnen zu dürfen: ZEIT! Aber ich hatte auch Angst vor der leeren Zeit: Was mache ich eigentlich, wenn ich mittags vom Dienst im Jugendzentrum in mein Hüttchen zurückkehre? Ohne für irgendjemanden oder irgendetwas wichtig zu sein? Ich wusste, dass dieses „Eremiten-Experiment“ die größte Herausforderung für mich darstellte. Und gleichzeitig ahnte ich, dass ich dringend lernen musste, meinen Wert niemals am Grad meiner Nützlichkeit zu messen.
Ich bekam gleich in der ersten Woche einen Volleinstieg in mein Thema, als Gott meinem Gehirn einen entlarvenden „Versinger“ sandte – das heißt, ich verhaspelte mich beim Singen. Ich sang lauthals „Herr, gebrauche mich“, und merkte dann, dass der Liedtext „Herr, beschenke mich“ lautete. Sofort wusste ich: Hier ist das Programm für meine Auszeit. Ich darf mich beschenken lassen, ich darf einfach nur sein! Das hat mich sehr berührt.
Und damit kam die Freude! Mein Blick wurde offen für das Schöne der Odenwaldlandschaft: Den glitzernden Schnee bei ausgedehnten Spaziergängen. Die aufgehende Sonne an den für mich ungewöhnlich früh beginnenden Tagen, das Staunen über die Kräfte der Natur. Manchmal saß ich beim Mittagsgebet einfach nur da und genoss den von Herzen kommenden Gesang der Jahresmannschaft. Ich entdeckte, wieder voll Genuss und Dankbarkeit zu essen, mit anderen Gemeinschaft zu haben oder in Ruhe ein, zwei gute Bücher zu lesen. Leere Zeit erlebte ich in keiner Sekunde. Diese Auszeit war eine Verführung zur Freude!
Stillhalten und Wahrnehmen
Freude braucht Raum, Stillhalten, Wahrnehmen und Mut zu feiern und zu genießen.
Gott ist die Freude – er ist reich, verschwenderisch und hat viele kleine Gesten der Überraschung bereit. Freude ist verspielt und ist nicht planbar. Ihre Auslöser bewegen sich außerhalb der Nützlichkeitsfrage. Am liebsten hätte ich all die Geschenke konserviert und an meinen neuen Lebens- und Wirkungsort mitgenommen, weil ich Angst hatte, dass der Alltag das bunte Leben wieder grau macht. Aber Freude ist nicht „konservierbar“. Was ich mitnehme, ist die Gewissheit, dass Gott mich als sein Gegenüber geschaffen hat. Er gibt mir einen unschätzbaren Wert. In dieser Gewissheit bin ich jetzt auf Entdeckungsreise durch meinen Alltag in Dresden. Ich baue mir „heilige Momente“ ein, fahre langsam mit dem Fahrrad am Fluss entlang und genieße die Spiegelung. Ich versuche nicht mehr zu viel in einen Tag zu packen, dafür anderen Menschen wirklich zu begegnen. Das Schönste ist: Ich habe neu Lust bekommen, Zeit mit dem zu verbringen, der der Grund meiner Freude ist.
Die Zeit bei der OJC wird mir als Schatz in Erinnerung bleiben, mit den Menschen, die mich bereicherten.
Erschienen in:
Salzkorn 2/2011 „Himmel grüßt Erde. Der Garten, die Vernunft und die Kreatur“, S. 82-83.
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