Es gilt in Krieg und Frieden
Tante Elses Geheimnis. Ein Zeugnis
von Rebekka Havemann
Ihr Herz ist so groß wie ihr Haus klein ist und ich bin froh, darin neben vielen anderen Menschen einen festen Platz zu haben. Was macht's, dass Tante Else in Wirklichkeit gar nicht meine Tante ist, nur acht Jahre zur Volksschule ging und nie aus dem kleinen Städtchen am See herausgekommen ist? Mit ihrem schlichten und handfesten Gottvertrauen ist sie mein großes Vorbild in Sachen Treue halten und nicht aufgeben.
Schon als Kinder besuchten wir Tante Else gern in ihrem verwinkelten Häuschen am Bahndamm, um zu basteln oder Stricken und Häkeln zu lernen, denn darin war sie eine Meisterin. Unsere wahre Begeisterung galt ehrlich gesagt eher dem gemütlichen Beisammensein und dem „Bauchpflaster“ hinterher – Westschokolade, so viel man wollte, und im Winter Bratäpfel aus dem grünen Kachelofen.
Tante Else schien alle Leute der Stadt zu kennen und viele kamen, um einfach ein wenig da zu sein, von Freude oder Kummer zu erzählen, ein Kochrezept, praktische Hilfe oder geistlichen Rat zu erbitten. Bis heute hat sie für jeden ein offenes Ohr und ein Gläschen „Kommodenlack“, so nennt sie ihren Spezial-Kräuterlikör. Als ich sie nach ihrem Geheimnis frage, sagt sie schlicht: „Gott hat mich durch Leid und Krankheit reifen lassen. Außerdem hatte ich gute Vorbilder.“ Und dann erzählt sie mir ihre Geschichte:
Das Versprechen
Ich wurde im April 1928 geboren, damals war mein Bruder Friedrich fünf Jahre alt. Unser kleines Haus war voller Menschen: Vier Großeltern und Cousine Gerda lebten mit uns, außerdem nahmen meine Eltern mehrere Pflegekinder auf. Seit 1929 fanden in unserem Wohnzimmer die Gemeinschaftsstunden der Landeskirchlichen Gemeinschaft statt. So bin ich in einer behüteten Familie und unter Gottes Wort aufgewachsen.
Seit 1934 hielten fast alle im Ort zu den „Deutschen Christen“, doch es gab auch eine kleine Bekennende Kirche. Weil wir keinen Pastor hatten, spielte sich das Gemeindeleben hauptsächlich bei uns ab. Ich war die Einzige, die nicht bei dem „braunen“ Pastor konfirmiert wurde. Das war schwer, es gab Spott und Hohn, aber meine Eltern blieben konsequent. Beim Konfirmandenunterricht saßen alle Gemeindeglieder um den großen Wohnzimmertisch, und konnte ich Fragen des Pastors nicht beantworten, halfen sie mir aus. Danach gab’s Kaffee und Kuchen.
Mein Bruder diente als Sanitäter im Warschauer Lazarett. Im Mai ’43 war er auf Urlaub. Da nahm er mich zur Seite und sagte: „Else, ich weiß, dass ich fallen werde. Bitte, versprich mir, bei den Eltern zu bleiben und sie nicht zu verlassen.“ Ich versprach es ihm. Dann gab er mir ein selbstgeschriebenes Gedicht, das ich den Eltern geben sollte, wenn er tot war. Niemandem habe ich von diesem kurzen Gespräch erzählt, aber es lag schwer auf mir; ich war ja erst 15 Jahre alt. Friedrich fiel am 28. August. Das war mein erster großer Verlust; damals konnte ich noch weinen.
Die Chance
Dann erlebte ich die erste große Liebe, ich war 17. Auch Walter war beim Militär, bei der Marine. Die Briefe gingen hin und her. Er bestürmte mich, ihn bei seinem nächsten Fronturlaub zu heiraten. Ich versprach es, ich hatte ihn ja so lieb. Doch kurz vor Kriegsende fiel auch er. Damit brach meine Welt zusammen. Doch viel Zeit zum Trauern blieb nicht, denn im Mai ’45 kamen die Russen, da gab es andere Sorgen. Mein Vater war arbeitslos, zum Glück hatten wir eine kleine Landwirtschaft, davon konnten wir uns und die vielen Menschen im Haus ernähren.
Obwohl ich so eng mit Gottes Wort aufgewachsen war, erlebte ich mit 20 Jahren so etwas wie eine Bekehrung. Zwar konnte ich zur Generalbeichte kein langes Sündenregister aufweisen, aber die Entscheidung, eine persönliche Beziehung zu Jesus zu haben, veränderte mein Leben.
Als wir erfuhren, dass die Schwester meiner Mutter und ihre Familie in der Blockade von Berlin große Not litten, schickte man mich 1948 mit Lebensmitteln zu ihnen. Ich kam sicher durch und blieb einige Zeit im Haus meiner Tante. Dort lernte ich einen jungen Mann kennen. Wir fanden Gefallen aneinander, wollten heiraten und in Berlin leben. Als ich das zu Hause erzählte, fing meine Mutter an zu weinen. Mit ihren Tränen und Vorwürfen hat sie mich dazu gebracht, zu verzichten und bei ihnen zu bleiben, aber es fiel mir sehr schwer. Ich habe lange mit dem Schicksal gehadert, hatte aber keine innere Freiheit, nach Berlin zurückzugehen. Erst später ging mir auf, dass ich das Versprechen an meinen Bruder gebrochen hätte.
So blieb ich in Krakow und half in der Landwirtschaft, bis ich mit 23 Jahren eine schwere Lungentuberkulose bekam. Sechs Monate war ich in einer Heilstätte. Als ich entlassen wurde, sagte der Chefarzt: „Wir haben nicht mehr geglaubt, dass Sie durchkommen. Es ist ein Wunder.“ 1963 bekam meine Mutter den ersten Schlaganfall und wurde bettlägerig. Ich pflegte sie 13 Jahre lang.
Ich war 33, als mir ein kinderloser Witwer einen Heiratsantrag machte. Da hätte es noch mit einer eigenen Familie klappen können. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, drei Kinder zu haben. Doch ich konnte meine Mutter nicht im Stich lassen. Ich sagte ihm ab; diesmal fiel mir die Entscheidung leichter und war ohne große Schmerzen und Bitterkeit.
Das Ja
In unserem Haus war immer viel los, die Menschen gingen ein und aus. Die Tür zwischen Wohn- und Schlafzimmer wurde ausgehängt, damit Mutter an den Gemeinschaftsstunden teilhaben konnte. Abends setzte sich mein Vater an ihr Bett und spielte mit der Ziehharmonika Lieder aus der alten Heimat. Überhaupt war er ein fröhlicher Mann, voller Lieder, Gedichte und lustiger Geschichten.
Dass ich sein fröhliches Naturell geerbt habe, hat mir über viele Enttäuschungen und einsame Stunden hinweggeholfen. 1972 feierten meine Eltern Goldene Hochzeit. Drei Jahre später starb meine Mutter in Frieden. Mein Vater lebte danach noch elf Jahre. Ich bin so dankbar, dass wir vor ihrem Tod alles klären und aussprechen konnten, was zwischen uns stand, so dass wir zum Schluss voller Frieden und Dankbarkeit waren für die Wege, die Er uns geführt hat. Er hat alles gut gemacht.
Nun bin ich selber alt und durch viele Krankheiten geschwächt, aber ich bin nicht einsam, sondern nach wie vor mit vielen Leuten verbunden. Die Familie unseres Pastors ist wie meine eigene. Sie kümmern sich sehr um mich und haben sogar einen Platz für mich in ihrem Familiengrab vorbereitet. Das bedeutet mir sehr viel. Auch mit den Kindern bin ich eng verbunden. Neulich erst waren die kleinen Mädchen da, um mit mir zu basteln und hinterher „Bauchpflaster“ zu essen.
Manch einer hat mich gefragt: „Wie konnte dein Bruder so ein schweres Versprechen von dir erbitten?“ Man muss bedenken: Wir waren jung und es war eine schlimme Zeit. Er hatte seine Eltern lieb und war in Sorge um sie. Und für mich lag damals alles in Trümmern. Es stimmt, ich habe viel herunterschlucken müssen, viele Wünsche, Pläne und Hoffnungen wurden mir durchkreuzt und einige Zeit hegte ich Bitterkeit. Doch als es mir mit Gottes Hilfe gelang, ein Ja zu meiner Ehe- und Kinderlosigkeit zu finden, wurde es leichter. In meiner Not habe ich viel gebetet und gelernt, Gottes Wort ernstzunehmen, Vergebung zu gewähren und selbst anzunehmen. So hat Jesus meinen Kummer getragen und mit der Zeit meine Wunden geheilt. Wenn später wieder Selbstmitleid oder Bitterkeit in mir hochsteigen wollten, konnte ich mich darauf berufen: geheilt ist geheilt.
Jetzt kann ich oft nachts nicht schlafen; dann nehme ich mein altes Reichsliederbuch zur Hand und singe laut die schönen Choräle und bete für all die Menschen, denen es schlecht geht. Anders kann ich ja heute nicht mehr helfen. Aber ich weiß schon lange: Gottes Plan für mein Leben war gut und richtig und Er hat mich wohl geführt. Ich habe ein erfülltes Leben, auch wenn ich nie aus Krakow herausgekommen bin. Müsste ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich wieder so entscheiden. –
Darauf stoßen wir mit einem Gläschen Kommodenlack an. Bevor ich mich wieder auf den Weg mache, gibt mir Tante Else diese Liedverse von Paul Gerhardt mit, die ich seitdem oft und – weil von ihr verbürgt – mit großer Gewissheit singe:
Wird‘s aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst, / so wird er dich entbinden, da du‘s am mindsten glaubst. / Er wird dein Herze lösen von der so schweren Last, / die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.
Wohl dir, du Kind der Treue, du hast und trägst davon / mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron; / Gott gibt dir selbst die Palmen in deine rechte Hand / und du singst Freudenpsalmen dem, der dein Leid gewandt.
Befiehl du deine Wege, EG 361, 10+11
Rebekka Havemann, seit 1999 in der OJC, gehört zum Redaktionsteam.
Erschienen in Salzkorn 4/2011 „Ich bin treu und das ist gut so“, S. 164-166.
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Übersicht über die Artikel im Salzkorn 4/2011
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