Im ständigen Umgang mit Gott
Bruder Lorenz von der Auferstehung
Bruder Lorenz von der Auferstehung wurde 1608 im lothringischen Ort Hériménil bei Lunéville geboren. Der junge Mann, mit bürgerlichem Namen Nicolas Herman, zog als Soldat in den Dreißigjährigen Krieg, mußte seine militärische Laufbahn jedoch wegen einer schweren Verwundung abbrechen. Nach einigen Jahren im Dienst eines Adeligen trat er ins Kloster der Unbeschuhten Karmeliten in Paris ein. Er starb am 12. Februar 1691 in Paris.
Dr. Reinhard Körner, der dem gleichen Orden angehört, schreibt über ihn:
"Wäre ich Prediger, würde ich vor allen anderen Themen dieses eine verkünden: die Übung der Vergegenwärtigung Gottes. Wäre ich Seelenführer, würde ich jeden zu ihr hinführen, so notwendig scheint mir diese Übung. Zudem ist sie leicht“ (Dritter Brief). Bruder Lorenz war kein Prediger. Den größten Teil seiner Ordensjahre verbrachte er in der Küche und in der Schusterwerkstatt. Er war auch kein Seelenführer, jedenfalls nicht von Amts wegen. Dennoch gehört dieser Laienbruder aus Lothringen zu den „Großen“ in der Geschichte des geistlichen Lebens. 16 Briefe und 7 Blätter mit geistlichen Notizen sind uns von ihm erhalten, dazu noch eine knappe Zusammenfassung von vier Gesprächen – eine Fundgrube für Menschen, die ihren Glauben von innen heraus leben möchten.
Die „Vergegenwärtigung Gottes“ war das große Thema seines Lebens. Gott ist da – Er, der mich kennt, ist ständig anwesend. Sich dies bewußt machen und mit dieser Tatsache leben, das erst ist für Bruder Lorenz lebendiger Glaubensvollzug. Sich Gott „vergegenwärtigen“ heißt zunächst, bewußt daran denken, daß das Wirklichkeit ist, was ich glaube: Gott ist da. Ich versuche, mich einen Augenblick zu sammeln, innerlich ich selbst zu sein, so wie ich mich gerade vorfinde, und denke daran, daß Gott so wirklich da ist, wie jede andere anwesende Person – wenn auch für die Sinneswahrnehmungen verborgen.
Dann folgt der eigentliche Schritt: Ich rede Gott an, von innen heraus. Ich sage „du“ zu Gott, zu diesem unfaßbar großen Gott, den ich nur ahnen kann. Aus dem „Du“-Sagen wird eine Hinwendung von Wesen zu Wesen, ein „Sich-Anblicken“, ein Entgegen-Warten“ zu dem großen Geheimnis hin, das mich und alle Existenz umfängt, so verborgen und so nahe zugleich.
Übt man sich – nicht nur während besonderer Gebetszeiten, sondern so oft man daran „denkt“ in diese „Vergegenwärtigung Gottes“ ein wenig ein, verändert sich das ganze Lebensgefühl. Bisher brachliegende Kräfte der Seele werden wach, man bekommt für alles einen tieferen Blick. Aus der „Übung“ wird allmählich eine gute Gewohnheit: ein beständiges Leben in der Gegenwart Gottes. Glaube wird eine Lebensweise, ein Mitleben, Mitlieben, Mitleiden mit Jesus und seinem Gott.
Wer wie Bruder Lorenz Glauben als Leben in Beziehung verstehen und in Gott einen Freund und Weggefährten sehen kann, findet wie von selbst dahin, daß das auch noch so gewöhnliche, oft so „profane“ Tagewerk nicht nur vom Gebet umrahmt und von Gott „geweiht“, sondern auch mit Gott gestaltet sein will.
Und Bruder Lorenz ist überzeugt: „In der Welt gibt es kein Leben, das so wunderbar und unbegreiflich ist, wie der ständige Umgang mit Gott. Das begreifen nur jene, die diese Nähe bei Gott suchen und seine Herrlichkeit an sich erfahren. Suchen Sie aber Gott nicht wegen seiner Gaben! Suchen wir ihn aus reiner Liebe, weil er selbst es ist, der mit uns Menschen verkehren will.“
Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift des Karmeliter-Ordens Birkenwerder, den "Karmel-Impulsen"
erschienen in:
Salzkorn 3/2004, "Spielend dem Himmel entgegen", S. 121-122
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