Buchbesprechung von
Lernen als Lebensstil. Die Herausforderung der Homeschool-Bewegung.
Georg Pflüger
Verlag deutsche fernschule e.V. 2004, 11,80 €
Ein Buch über Homeschooling, auf Deutsch Unterricht zu Hause, verwundert zunächst. In Deutschland gehen die Kinder zur Schule, alle, ohne Ausnahme – und das finden wir selbstverständlich. Dabei ist die Bundesrepublik der einzige Staat in der EU, in deren Verfassung statt der Bildungspflicht die Schulpflicht verankert ist. Die Schule besitzt das Bildungsmonopol, und Eltern, die ihre Kinder nicht einschulen, begehen eine Ordnungswidrigkeit. Die wenigsten wissen, daß die Schulpflicht im Zuge der NS-Gleichschaltungsbestrebungen eingeführt worden war und seither unhinterfragt als der einzige Weg zur Ausbildung von Kindern gilt.
Erst seit sich vereinzelt Eltern – meist um ihre Kinder gemäß der eigenen religiösen Vorstellung selbst zu unterrichten – diesem Gesetz widersetzen, und erst, seit die Pisa-Studien die Defizite des deutschen Schulunterrichts offengelegt haben, wird die Frage nach alternativen Bildungsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit diskutiert. Zu dieser Debatte leistet das Buch Lernen als Lebensstil einen informativen Beitrag.
Schule zu Haus
Der Autor Georg Pflüger ist Direktor der deutschen fernschule in Wetzlar, einem privaten Bildungsträger, der es deutschsprachigen Familien im Ausland seit über 30 Jahren ermöglicht, ihre Kinder selbst zu Hause zu unterrichten. Die hierbei entwickelte pädagogische Methode heißt „Schule zu Haus“. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung diskutiert Pflüger kenntnisreich und umsichtig das Für und Wider des Homeschooling, speziell im Kontext des deutschen Schulwesens. Er führt zehn Gründe an, die Eltern zu der folgenschweren Entscheidung bewogen haben, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Wer würde nicht aufhorchen, wenn vom entspannenden Schutzraum gesprochen wird im Gegensatz zu dem enormen Lärmpegel an einer öffentlichen Schule, oder davon, daß die Kinder zu sich selbst finden, Zeit sparen und individuell gefördert werden? Es zeigt sich, daß immer mehr Eltern ein neues Bewußtsein für ihre Rolle nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Ausbildung ihrer Kinder entwickeln: „daß sie etwas, daß sie viel, daß sie alles für die Erziehung ihrer Kinder tun können“ – wie Pestalozzi sagte.
Eltern als Lehrer?
Pflüger argumentiert nüchtern, gut verständlich und veranschaulicht seine Thesen mit vielen Beispielen. Auch kritische Punkte werden nicht ausgespart, so zum Beispiel der häufig erhobene Einwand, daß es Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, möglicherweise an sozialen Fähigkeiten mangeln wird, oder daß diese Methode insgesamt gegen das Kindswohl verstosse.
Im Anhang finden Interessierte auch Leseproben aus dem Lehrmaterial der deutschen fernschule nebst einer ausführlichen Literaturliste und Informationen über den Verein Schulunterricht zu Hause (SCHUZH).
Ich habe als Mutter und als Lehrerin viel Bedenkenswertes im Buch gefunden. Es ist nicht nur wachsamen, einsatzbereiten Eltern, sondern auch Pädagogen und Bildungsplanern als Diskussionsgrundlage sehr zu empfehlen.
Ute Paul
erschienen in:
Salzkorn 3/2004, "Spielend dem Himmel entgegen", S. 133
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