Himmel und Straßenstaub

- Zwei philippinische Kinder auf den Müllhalden von Manila. © Christian Schneider, Onesimo.
Ein Buch, das den Bogen schlägt
von Dominik Klenk
Aus dem Fernsehsessel sind sie uns vertraut: Wenigstens ein- bis zweimal im Jahr schwappt eine bildreiche Informationswelle von den Philippinen in die wohltemperierten Wohnzimmer Mitteleuropas. Weltbekannt sind dann für ein paar Momente die Müllhalden von Manila; legendär die Aschesäule des Pinatubo; einmalig die Wildwetterküste vor den Philippinen als Rekordregion für Wirbelstürme und Überschwemmungen.
Weltbekannt, aber weit weg. Christian Schneider und Christine Schneider-Tanner holen uns ganz nah heran. Wer mit ihnen durch den Slum watet, wird mitgenommen in eine ganz besondere Sinnesschule – durch ein verloren gegangenes Paradies. Man riecht förmlich die Notdurft zwischen den Zeilen, hört das Kratzen der Schaben unterm Bett und spürt den Zorn in der eigenen Brust angesichts der Ungerechtigkeit, die Menschen im Slum widerfährt. Dennoch bleibt die gemeinsame Tour nicht auf den Parcours für die Sinne beschränkt, sondern sie wird zu einer Herzensreise. Nicht nur Abgrund und Ekel, sondern immer neue Sendboten der Hoffnung erreichen uns durch Gestank und Schummerlicht hindurch: Bic, der Kronzeuge, Mariebell, die Todgeweihte, James, der Gewerkschafter, Joshua, der Aktivist, Dona, die Milliardärin, Terry, der Bandenführer, Joan, der Nachtclubtänzer, Noel, der Widerstandskämpfer, Diego, der Einäugige, Shionny, die Borderlinerin, Harry, der Menschenrechtsanwalt, Arol, der Vergewaltiger, Bo-Boy, der Mehrfachmörder, Felix, der Lehrer.
Sendboten der Hoffnung sind sie. Weil sie keine Chance haben und trotzdem kämpfen. Weil sie verloren scheinen und trotzdem glauben. Weil sie schwach sind und trotzdem lieben, so wie sie es eben vermögen. Weil sie auf dem schmalen Grat wandeln zwischen Leben und Tod, Himmel und Straßenstaub. Jene Sendboten sind uns Ermutigung und Herausforderung. Sie fordern uns heraus zum Registerwechsel: mehr zu sehen von unserer Welt als die Bildschirme in unsere Wohnzimmer transportieren; mehr zu erwarten vom Leben, als die befestigten Karrierewege einer selbstreferenziellen Gesellschaft; mehr zu wagen als bei einer Geldanlage auf einem zinssicheren Konto.
Ja, selber wieder zwischen Himmel und Straßenstaub leben lernen! Das eigene Leben wieder geräumiger machen für das Unerwartete, für den Umweg, für das Leben als Bedürftige. Nur der Bedürftige ist angewiesen auf Engel und Wunder.
Der Registerwechsel, den das Buch provoziert, bezieht sich aber nicht nur auf die Manuale des eigenen Herzens. Das Buch von Christian und Christine ist auch wegweisend für eine neue Epoche der Mitverantwortung in einer globalen Welt. Nachhaltige Entwicklungshilfe kann heute keine Einbahnstraße mehr sein. Das Leiden in der Welt schreit nicht zuerst nach Lösung, sondern nach der Fähigkeit mitzuleiden, näher heranzurücken und mitzuerleben, was gebraucht wird. In den zwei Jahrzehnten als Projektpartner von Onesimo haben wir in der OJC durch die Arbeit von Christine und Christian wesentliche Anstöße zur Überarbeitung unseres weltweiten Engagements als NGO bekommen: echte Partnerschaft auf Augenhöhe suchen, die einheimische Verwurzelung von Initiativen stärken, Selbsthilfekräfte und eigenverantwortliches Handeln vor Ort fördern, um Abhängigkeiten aller Art zu vermeiden. In all dem Gottes Geist genügend Raum lassen, um das Unerwartete zu wirken.
„Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“, lehren uns die Kirchenväter. Vielleicht ist es für den einen oder anderen von uns an der Zeit, Fernbedienung und Maus mal aus der Hand zu legen und, ermutigt durch dieses Buch, das eigene Herz zu prüfen. Auf Sendboten der Hoffnung kann man warten; man kann sich aber auch aufmachen, sie aufspüren – oder selbst einer werden. Es ist viel Raum in unserer Welt zwischen Himmel und Straßenstaub.
Himmel und Straßenstaub
Christine und Christian Schneider
Himmel und Straßenstaub
Unser Leben als Familie in den Slums von Manila
Brunnen Verlag 2011. 16,99 € (D)
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Erschienen in
Salzkorn 1/2011, Bekenner schreiben. Steilvorlage für Debatte um Kirche, Sex und Schriftverständnis, S. 36-37.
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