Von Menschen und Göttern
Märtyrer in unserer Zeit
Ein einprägsames Kinoerlebnis
Von Bernd Sobolla
red. Die Meldungen über zahlreiche Attentate auf christliche Einrichtungen weltweit überschatteten den Jahreswechsel. Ja, das Zeugnis von Jesus hat seinen Preis, zuweilen kostet es das Leben. Erwartungsvoll und bange zugleich sahen wir, eine kleine Gruppe kinobegeisterter OJC-Mitarbeiter, dem Start eines Filmes entgegen, der sich dieser Thematik annimmt. Der von Xavier Beauvois gedrehte Film „Von Menschen und Göttern“ beschreibt ein kleines Trappistenkloster im algerischen Atlasgebirge im Jahr 1996. Der Terror islamistischer Eiferer versetzt die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Unaufdringlich und gar nicht frömmelnd geht der Film der Frage nach, warum Menschen, die das Leben so offensichtlich lieben, letztlich das Martyrium in Kauf nehmen.
Das Feature von Bernd Sobolla vermittelt einen Eindruck davon, wie sich authentisches Material, szenischer Dialog und schauspielerische Reflexion zu einem überzeugenden Werk verdichten. Er sprach mit Lambert Wilson, dem Darsteller des ermordeten Pater Christian de Chergé, auf dessen Tagebuchaufzeichnungen die Handlung basiert. Ein Film, der Christen und Zweifler gleichermaßen ins Nachdenken führt.
– Ah, das sieht gut aus. Ist schon fast trocken. Ein Pflaster müssen wir nicht drauf machen, das lohnt sich nicht. Aber, bitte, sie darf damit nicht in die Sonne. Das ist gefährlich, verboten.
Bruder Luc versorgt die Brandwunde eines kleinen Kindes. Er und die anderen Mönche des Klosters Tibhirine in den Bergen Algeriens sind für viele Belange ansprechbar: Wenn es um neue Schuhe geht, um Bildung oder auch um Liebe.
– Sag mal, wie merkt man, dass man wirklich verliebt ist? – Tja, da ist dann dieses Gefühl in dir, das dich aufwühlt. Etwas in deinem Innersten. Das auch nicht kontrollierbar ist und dein Herz höher schlagen lässt ... Es ist eine Sehnsucht. Es ist ein schönes Gefühl.
Doch die Idylle trügt. In Algerien kämpfen Fundamentalisten für einen islamistischen Staat und gegen die Regierung, die gemeinhin als korrupt gilt. Im Land häufen sich die Gewalttaten, auch in der Nähe des Klosters. Junge Frauen, die im Bus ohne Kopftuch unterwegs sind, werden umgebracht. Ebenso nichtmuslimische, kroatische Bauarbeiter. Christian, der Prior des Klosters, ist entsetzt. Aber als ihm der Gouverneur militärischen Schutz anbietet, lehnt er ab.
– Ich glaube, das ist nicht angebracht. Nein. – Wie können Sie das sagen? Ihr Kloster ist nur 20 Kilometer vom gestrigen Tatort entfernt. Die Gewalttaten werden sich wiederholen.
Christian will nicht mit einer Armee kooperieren, die berüchtigt dafür ist, das Volk zu unterdrücken und zu erpressen. Alle Mönche im Film haben historische Vorbilder. Christian de Chergé diente 1959 als Offizier in der Französischen Armee in Algerien. Damals rettete ihm ein muslimischer Freund das Leben, zwei Tage später wurde dieser von radikalen Muslimen ermordet. Für Christian der größte Liebesbeweis in seinem Leben.
Lambert Wilson: „Ich glaube, man hätte ähnliche Momente von allen Charakteren zeigen können. Irgendwie hatten sie alle ein ‚Damaskus-Erlebnis‘. Aber in dem Film geht es nicht so sehr darum ‚wer sie waren‘, sondern ‚wozu sie sich entschlossen‘. Es geht um ihre Entscheidung, ihre Zweifel, ihre Ängste.“
Doch Christians Ablehnung, den Schutz des Militärs anzunehmen, spaltet die Mönchsgruppe: die Mitbrüder fühlen sich bei der Entscheidung übergangen, und nicht alle teilen seine Meinung.
– Es ist das Grundprinzip gemeinschaftlichen Entscheidens, das du mit deiner Haltung in Frage stellst. – Bitte! Also! Wer wünscht ab sofort die Präsenz der Armee in unserem Kloster? – Du willst das, was wir sagen, einfach nicht verstehen. Was machen wir denn, wenn sie ins Kloster kommen? Lassen wir uns lächelnd umbringen?
Plötzlich geht es grundsätzlich um die Frage, ob die Mönche Algerien verlassen sollen. Denn als Fundamentalisten gewaltsam ins Kloster eindringen, ist eine weitere Eskalation absehbar. Das, was den Film zu einem großen Erlebnis macht, ist das Wechselspiel: Hier einerseits der Klosteralltag mit Arbeit, Gebet und Gesang, da andererseits die Auseinandersetzungen, die die Mönche führen, z. B. wenn sie mit den Dorfbewohnern reden. Eine Frau aus dem Dorf sagte ihnen:
Das Dorf steht und fällt mit diesem Kloster.? – Ja, aber wir werden vielleicht demnächst fortgehen von hier. Wir sind wie die Vögel auf einem Baum. Wir wissen nicht, ob wir weiterziehen. – Die Vögel sind wir, Sie sind der Baum. Wenn Sie fortgehen, wo sollen wir Kraft schöpfen?
Noch intensiver sind die Momente, in denen die Mönche miteinander diskutieren und ihre Ängste offenbaren. Das Ganze in großer französischer Tradition: intellektuell scharfsinnig, sprachlich geschliffen, in langsamen, ruhigen Bildern, jede Szene voller Kraft und Mitgefühl. Dass der Film in Frankreich so erfolgreich läuft, hat viele Gründe. Am wichtigsten jedoch erscheint zumindest Lambert Wilson die Tatsache, dass der Film das Zusammenleben von verschiedenen Menschengruppen thematisiert – und verloren gegangene Werte.
Lambert Wilson: „Ich denke, die Leute lieben diesen Film, weil er bestimmte Werte bringt, die wir heute brauchen: Liebe, Brüderlichkeit, auf den Nachbarn zugehen. Der Film sagt: Habe keine Angst vor anderen! In einer Zeit, in der alle sagen – insbesondere in Frankreich: Habe Angst vor den Roma! Habe Angst vor den Arabern! Pass auf! Pass auf! Pass auf! Diese Männer zeigen dir, was man mit einer gegensätzlichen Philosophie erreichen kann. ‚Geh, und hilf den anderen!’ Und dann gibt es noch etwas, was meines Erachtens den Erfolg ausmacht: Diese Männer leben in einer anderen Zeit. Die Zeit läuft langsamer für sie. Es ist eine menschlichere Zeit als die Zeit der modernen Welt. Das fühlt sich gut an.“
Und nicht zuletzt überzeugt der Film, weil er das Heldenmuster zwar bedient, aber doch in einem ganz anderen Sinne, als wir es gewohnt sind.
– Sterben? Jetzt? Hier? Hat das wirklich einen Sinn? Ich habe das Gefühl, ich werde verrückt. – Es ist wahr, hier auszuharren ist ebenso verrückt, wie Mönch zu werden. Aber vergiss nicht! Dein Leben hast du ja schon gegeben. Du hast es getan, um Christus zu folgen. – Ich weiß nicht, ob das noch wahr ist. Ich bete, aber kann nichts mehr hören. Und mir fehlt das Verständnis. Zum Märtyrer werden? Wofür? Für Gott? Um Helden zu sein?
Aus dem Testament von P. Christian
Ich habe lange genug gelebt, um mich mitschuldig zu wissen am Bösen, das in der Welt vorzuherrschen scheint, und sogar an jenem Bösen, das blindlings gerade mich treffen könnte.
Ich möchte mir wünschen, dass mir, wenn der Augenblick gekommen ist, noch jener Moment geistiger Klarheit bleibt, der mir erlaubt, die Vergebung Gottes und meiner Brüder hier auf Erden zu erflehen und selbst von ganzem Herzen dem zu vergeben, der Hand an mich gelegt hat.
Da werde ich, wenn es Gott gefällt, meinen Blick in den des VATERS tauchen, um mit Ihm zusammen seine Kinder aus dem Islam zu betrachten, so wie Er sie sieht: ganz erleuchtet von der Herrlichkeit CHRISTI, ausgestattet mit der Gabe des GEISTES, dessen heimliche Freude es immer sein wird, Gemeinschaft zu stiften und die Ebenbildlichkeit wiederherzustellen.
Dieses verlorene Leben, ganz das meine und ganz das ihre: Ich sage Gott Dank dafür, der es anscheinend ganz und gar haben wollte für jene Freude dort, gegen alles und trotz allem.
Christian-Marie de Chergé, Prior von Notre Dame de l’Atlas, Testament, Algier, 1. Dezember 1993; Tibhirine, 1. Januar 1994
Bernd Sobolla
Freier Filmjournalist (u.a. Deutschlandradio, Deutschlandfunk, Deutsche Welle). Dieser Text erschien u.a. bei DeutschlandRadio Kultur.
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Erschienen in
Salzkorn 1/2011, Bekenner schreiben. Steilvorlage für die Debatte um Kirche, Sex und Schriftverständnis, S. 21-23.
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