Wer bin ich vor Gott? - Ein FSJ-Bericht
Antworten gefunden im gemeinsamen Leben
von Johanna Köhler
Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, doch als ich im Herbst 2007 in die Frauen-Wohngemeinschaft auf Schloss Reichenberg einzog, war ich an einem Punkt gelandet, an dem ich mich sehr fern von Gott erlebte. Motiviert startete ich einen neuen Versuch, ihn durch Bibelarbeiten, Gottesdienste und den Austausch in mein Leben zu integrieren.
"An so einen Gott kann ich nicht glauben"
Durch das gemeinsame Leben und Arbeiten lernte ich mich mit der Zeit immer besser kennen und Themen wurden wichtig, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Sehr intensiv lebte ich in der Erinnerung und im Nachdenken über meinen Bruder, der vor ein paar Jahren starb. Ich hatte Gott aus diesem Thema ganz herausgehalten, damit konnte er nichts zu tun haben. So war ich geprägt: bloß nicht Gott anzweifeln oder in Frage stellen. Bis hierhin hatte ich durchgehalten, aber jetzt konnte und wollte ich das nicht mehr.
Es war ein Lernprozess, mir Fragen und Zweifel zu erlauben: Wie konnte Gott das zulassen, wenn er doch die Liebe ist? Mein Bruder hatte mit seinen 22 Jahren sein Leben noch vor sich - warum hat Gott nicht eingegriffen?
Viele Fragen und keine glaubhaften Antworten. Mir wurde klar: An so einen Gott kann ich nicht glauben. Mein Kopf mochte vieles aus der Bibel für wahr halten, mein Herz aber sträubte sich zu glauben, dass Gott wirklich etwas mit mir und meinem Ergehen zu tun hat. Und ich wollte mich nicht ständig bemühen, in seine Nähe zu kommen. Ich hatte keine Kraft mehr. Eines Tages sagte ich laut: "Gott, ich will mich nicht mehr um dich bemühen. Wenn du etwas mit mir zu tun haben willst, musst du mir das zeigen. Von mir kommt nichts mehr."
Das hätte ich mir früher nie zugestanden, ich wollte doch wenigstens nach außen immer ein guter Christ sein. Jetzt erkannte ich, dass mein Glaube nur noch eine Leistung war, die ich erbringen musste. Deshalb war dieses bewusste Mich-von-Gott-Entfernen eine wahre Befreiung. Zwar ertappte ich mich dabei, wie ich mich in Gedanken an Gott wandte und betete, aber sobald es mir auffiel, setzte ich ein Stoppschild: Ich wollte meine gewohnten Vorstellungen von Gott ablegen, denn sie stimmten nicht mit meinem Erleben überein.
Das war gar nicht so leicht mitten in einer christlichen Lebensgemeinschaft. Regelmäßig "Stille Zeit" zu halten hätte mir auch geholfen, mich stärker mit den Frauen aus meiner WG verbunden zu fühlen. Doch ich wollte mir keine frommen Pflichten auferlegen. Wenn überhaupt, müsste der Ansporn zu einer Beziehung mit Gott freiwillig in mir erwachen.
Gott als Gentleman
Während dieser Zeit spürte ich trotz aller Zweifel: Gott ist da. Es war das Bild, dass er wie ein Gentleman ist, der vor der Tür steht und wartet, bis ich ihm öffne. Er würde nicht gewaltsam hereinplatzen, aber auch nicht fortgehen. Dieser Freiraum half mir, mich erneut auf meine ursprünglichen Fragen einzulassen: Wer ist Gott für mich? Und: Wer bin ich für Gott? Ich wollte gar keine schnellen Antworten und auch keine theologischen Richtigkeiten, sondern Gott durch mein Leben erfahren.
Ausgelöst durch den Satz Erzähle Gott dein Leben! entdeckte ich ihn als Zuhörer. Ich begann, wenn mir danach war, Gott zu erzählen, was mich bewegt, was ich erlebt hatte, was meine Sehnsüchte und Wünsche sind - einfach alles. Das war meine "Stille Zeit". Und ich bekam Antworten als Impulse in meinem Herzen, vor allem aber durch Dinge, die ich erlebte: Schönes Wetter für einen Ausflug wünschte ich mir, und obwohl schlechtes angesagt war, schien die Sonne! Bibelverse, die ich zog, drückten genau das aus, was meinem Inneren entsprach. An diesen vergleichsweise kleinen Dingen spürte ich, dass ich ihm wichtig bin. Dass er weiß, was tief in meinem Herzen ist und sich darum sorgt.
Der Gedanke, dass Gott in unsere Haut geschlüpft und mit allen Bereichen unseres Menschseins konfrontiert worden war, tat mir gut. Einmal konnte ich nachts wieder nicht einschlafen und überlegte: "Gott, du hast keine Schlafprobleme." Doch dann fiel mir eine Geschichte aus der Bibel ein, in der Jesus keinen Schlaf fand, weil er die ganze Nacht gebetet hatte. "Da warst du bestimmt auch todmüde", dachte ich und fühlte mich Jesus, dem Menschen, plötzlich viel näher. Auf diese Weise lernte ich ihn allmählich als meinen Freund kennen und ihm zu vertrauen.
Am Anfang meiner Beziehung zu Gott
Einmal hatte ich einen frustrierenden Tag. Nichts war mir gelungen. Die bekannten Selbstzweifel kamen auf: Kann ich überhaupt etwas? Bin ich gut genug? Wie ich es inzwischen gewohnt war, erzählte ich Gott diese negativen Gedanken, statt ihnen einfach nachzugeben. Plötzlich tauchten Erinnerungen auf an eine Situation, in der ich sehr wohl meine Fähigkeiten genutzt hatte, um jemandem zu helfen, der allein nicht weitergekommen wäre. Mir war bewusst, dass Gott mir half die tollen Gaben zu sehen, die er mir gegeben hat: dass ich durchaus Kraft habe, mein Leben zu gestalten. Die negativen Gedanken lösten sich auf und ich empfand tiefen Frieden.
Seitdem erfahre ich immer wieder, dass es sich lohnt, mit allem zu Gott zu gehen und ihm Anteil zu geben. Es interessiert ihn wirklich, wie es mir geht. Ich bin ganz am Anfang dieser neuen Beziehung. Sie muss noch wachsen und es gibt viel zu entdecken, aber das Wissen, dass ich ihm wichtig bin und er Einfluss auf die Dinge nimmt, die in unserem Leben geschehen, ist für mich zur festen Grundlage geworden.
Johanna Köhler aus Ratzeburg war von 2007 bis 2009 im OJC-Jahresteam auf Schloss Reichenberg. In Kürze beginnt sie ihr Pharmaziestudium.
Dieser Text ist erschienen im Salzkorn 3/2009 - "Sünde kann tödlich sein" unter dem Titel: "Wer bin ich vor Gott? Antworten gefunden im gemeinsamen Leben", S. 144-145.




