Vom Erleben zum Leben -
Wie uns das Spiel den Ernstfall lehrt
von Ute Paul
Spielen ist wie eine Insel, auf der das wahre Leben stattfindet, nur kleiner, weniger komplex und mit einfachen Regeln. Wenn es gut geht, ist es ein Trainingslager für den Ernst des Lebens.
Auch unser Erfahrungsfeld - Team probt den Ernstfall: Kleine Gruppen durchlaufen – mitten auf der Baustelle – erste Stationen des Erlebnisparcours. Der religions-pädagogische Grundansatz hat sich bewährt, aber wir suchen weiter nach kreativen Wegen, um den Übergang vom Erleben zum Verstehen zu gestalten. Ohne umständliches Erklären und komplizierten Transfer, aber mit Assoziationen, die die Besucher möglichst unmittelbar mit ihrem Leben und Glauben in Verbindung bringen können.
Wichtig ist, dass, wer sich auf die „Wege zum Leben“ begibt, nicht nur etwas von unserem Glauben, sondern auch über uns und unser Leben in der OJC-Kommunität erfährt. Das geht nur, wenn wir uns als Mitarbeiter nicht vorenthalten und ebenso erwartungsvoll in die Begegnungen gehen wie die Gäste. So verstehe ich meine Aufgabe, Spiele anzuleiten. Ich schaue den Menschen reihum in die Augen, lese darin, lächle ihnen zu und versuche, sie mit kurzen, einladenden Worten in die Aktion hineinzunehmen. Im Ohr habe
ich Friedrich Schiller: „Der Mensch ist dann ganz Mensch, wenn er spielt.“
Wer sich traut, der taucht ein – tief hinein ins Menschsein. Heute fasse ich die, die sich trauen, fest ins Auge: „Wir spielen jetzt Vertrauen!“ Als gäbe es nichts Leichteres. Wir bilden zwei Reihen, einen Gang dazwischen, und je zwei fassen mit beiden Händen eine dicke Holzlatte. So entsteht ein Lattengang auf Hüfthöhe. Etwas mehr zusammenrücken, fertig. Jetzt einmal oben entlanglaufen. – Kleine Schrecksekunde, ungläubiges Raunen, Achselzucken.
Um Mut zu machen, steige ich auf und gehe los. Will losgehen. Mein Herz pocht. Einen Fuß auf der einen, den anderen auf der nächsten Latte überschlage ich unwillkürlich, wie viel Last wohl jeweils auf einer liegt. Ob sie mich halten können, die wenigen Männer und die zarten Frauen? Mir bleibt nur die Flucht nach vorn. Die Latte unter mir biegt sich, und ich spüre die Anspannung der Träger. Am Ende springe ich hinunter und stelle mich mit in die Reihe der Träger. Die ersten Freiwilligen folgen.
Vertrauen kann man lernen. Nach dem Lattengang lagern wir uns auf der
Wiese und ich lese aus dem Neuen Testament vom heldenhaften Petrus, der seinen Meister auf dem Wasser kommen sieht und es ihm gleichtun möchte. Als sein Blick auf die Wellen fällt, bekommt er es mit der Angst zu tun und versinkt. Da packt Jesus ihn an der Hand und fragt: „Hast du kein Vertrauen?“
Ich frage die Teilnehmer, welchen inneren Bogen sie vom Lattengang zum See Genezareth spannen. Die Antworten sind offen und persönlich. Das Spiel hat Spuren und Bilder hinterlassen, Gefühle geweckt. „Es war gut, dass ich mich auf den Schultern der anderen abstützen konnte.“ „Es war nicht leicht, mich auf die anderen zu verlassen.“ „Im Vertrauen auf Gott möchte ich einen Schritt vor den anderen setzen.“ Ich höre zu und bin dankbar.
So soll es entstehen, unser Erfahrungsfeld für den Glauben: vom Erleben zum Leben. Erst viel später wird mir bewusst, was der Lattengang mit mir gemacht hat. Ja, es fiel mir schwer, mich er-tragen zu lassen. Ich wäre gern leichter gewesen. Wenn sich doch nie einer über mich ärgern müsste... aber das gibt es nicht, schon gar nicht im gemeinsamen Leben. Sinnlos, meine Unzulänglichkeiten verbergen zu wollen.
Was hilft, ist die Ermutigung: Einer soll dem anderen helfen, seine Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz Christi. (Galater 6, 2)




