Geschichte von Schloss und Kapelle
Zusammengefasst von Angela Ludwig
Da Teile des Archivs der Grafen von Erbach in Darmstadt in der Bombennacht 11./12. September 1944 verbrannt sind, weiß man wenig über die Kapelle von Schloss Reichenberg.
13. Jh - Gründung durch die Erbacher Schenken
Um 800 n.Chr. wird Richoltsheim im oberen Gersprenztal zum ersten Mal erwähnt. (Die Endung "-heim" lässt den Ort als fränkische Siedlung erkennen). Der wichtigste Punkt war der Reichenberg, der sich gut für eine Befestigungsanlage eignete. Die Burg selber entstand aber nicht vor Mitte des 13. Jahrhunderts. Als ihr Erbauer gilt der Erbacher Schenk Johann I. (gest. 1296).
Am 8. Dez. 1307 wird Burg Reichenberg zum ersten Mal urkundlich erwähnt (als Richenburg bzw. Rychenburg). Zwei zerstrittene Linien der Schenken von Erbach schlossen darin einen Burgfrieden miteinander. Schenk Eberhard von Erbach und sein Vetter Schenk Eberhard Rauch "machten sich verbindlich in der Burg friedlich bei einander zu wohnen, dieselbe keinem Dritten zu verkaufen oder zu verpfänden, bevor sie dieselbe einem Mitbesitzer zum Kaufe angeboten...".
Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Kernburg an der Nord- und Ostseite um die Vorburg mit weiträumigen Wirtschaftsgebäuden erweitert.
14. Jh - Gotische Michaelskapelle
Zugleich entstand in der Südwestecke die gotische Burgkapelle, erbaut vom frommen Schenken Eberhard X und seiner Frau Marie von Bickenbach. Ihre beiden Wappen befanden sich auf den Gewölbeschlußsteinen. Ihr Sohn Dietrich wuchs auf dem Reichenberg auf, wurde 1434 sogar Erzbischof von Mainz und Kurfürst.
Die Kapelle wurde nicht wie üblich im Herzen der Burg erbaut, sondern neben dem äußeren Tor. Sie ist Bestandteil der äußeren Wehrmauer. In der Vorstellung des Bauherren sollte diese Lage die Wehrhaftigkeit der Burg stärken. Es ist möglich, dass zuerst das Langhaus mit flacher Balkendecke entstanden ist; später der Chor mit dem Kreuzgewölbe.
"Auf dem Reichenberge befand sich vor der Reformation eine Schlosskapelle, von welcher jedoch im übrigen nur wenige Nachrichten vorhanden sind. Sie ist noch in ihren Trümmern sichtbar. Nach dem Baue ihrer Fenster zu schließen stammt sie aus dem 15. Jahrhundert" (aus G. Simon, Dynasten und Grafen zu Erbach).
16. Jh - Säkularisierung der Kapelle
Bereits nach der Reformation wurde die Kapelle als Gotteshaus aufgegeben.
1531 fiel die Burg vollständig an Schenk Eberhard XIII. Er wurde 1532 von Kaiser Karl V. in den Reichsgrafenstand erhoben. Sein Sohn Graf Georg III. (gest. 1569) machte eine Großbaustelle daraus und ließ sie zu einer landesherrlichen Festung im Renaissancestil umbauen. 1557 ließ er den berühmten, bis heute erhaltenen Ziehbrunnen errichten mit den erbachischen und pfälzischen Wappen darauf.
Im 16. Jahrhundert wurde auch die Kapelle wiederhergestellt. Aus dieser Zeit stammen zwei spätgotische Eingangstüren, eine für den Burgherren (der Emporeneingang) die andere für gewöhnliche Gottesdienstbesucher.
Im 30jährigen Krieg diente Schloss Reichenberg als Zufluchtsort für die Reichelsheimer und umliegenden Dörfer, was ein äußerst beengtes Wohnen zur Folge hatte. So zum Beispiel 1622. Der Angriff der Kroaten und Franzosen konnte zwar abgewehrt werden. Dafür wurden aber 16 Häuser in Reichelsheim eingeäschert.
"...Das Kirchenbuch von Reichelsheim enthält viele Einträge von Geburten mit dem Vermerk, dass die Eltern des in der Burgkapelle getauften Säuglings wegen der Kriegswirren auf die Burg hinauf geflohen waren. Diese Tatsache bekundet im höchsten Maße die Verbundenheit zwischen Burg und Gemeinde."
1723-31 Barocke Grafenresidenz
Graf Georg Wilhelm machte den Reichenberg 1723 zu seiner Residenz und baute die Vorburg zum Amtshaus um. 1731 fand die endgültige Übersiedlung der Erbacher Grafen ins neuerbaute Erbacher Schloss statt. Von da an verfiel der Reichenberg. Die Gebäude dienten nur noch als Rentei, Getreidelager oder Steinbruch für die Bewohner der Umgebung.
1825 finden sich drei Belege (Umbauanträge), die nahelegen, daß das Dach der Kapelle abgebaut und das Material anderweitig verbaut wurde.
Erst um 1865 stellte Graf Eberhard XV. Mittel zur Sicherung und Ausbesserung des Bestands bereit.
1876-1923 - Knabenerziehungsanstalt
1876 errichtet der Pfarrer Georg Anthes eine Knaben-Erziehungsanstalt. Sein Internat wurde weltweit bekannt. Söhne reicher Eltern aus ganz Europa und darüber hinaus kamen in die "Deutsche Familien-Schule Schloss Reichenberg". Sie bestand bis 1923, mußte dann wegen der Inflation geschlossen werden.
1863-90 - "Renitenten"-Gemeinde
1863 übernahm Georg Anthes die Pfarrstelle Reichelsheim. Weil er 1874 die von der Evang. Kirche des Großherzogtums Hessen herausgegebene "unionistische Kirchenverfassung" nicht unterzeichnete, wurde er als Pfarrer abgesetzt. Die Familie kam in große Not. Der altlutherische Patronatsherr der Evang. Kirche, Graf Eberhard zu Erbach-Erbach gab der Familie auf seiner leerstehenden Burg Reichenberg Unterkunft und einen Gottesdienstraum. Anthes hatte die wenigen "Renitenten" um sich gesammelt und die "unabhängige lutherische Gemeinde Reichelsheim im Odenwald" (SELK) gegründet. 1876 begann er mit der "Knaben-Erziehungsanstalt", um einen Broterwerb zu haben. 1890 weihte er die Christuskirche der SELK im Reichelsheimer Krautweg ein.
1924-1979 Altenheim, Flackstützpunkt, Posterholungswerk
1924 ging die Schlossanlage in den Privatbesitz von Herrn Jakob Siefert vom Fronhof über, der den Krummen Bau vor dem Verfall rettete und im Amtsbau ein Kur- und Erholungsheim einrichtete.1940 war es Altenheim und Station zur Luftbeobachtung.
1947 ließ J. Siefert die Kapellenruine wieder bedachen.
1963 verkaufte J. Siefert das Amtshaus und anschließendes Gelände mit Kapelle an die Deutsche Bundespost als Posterholungsheim. Der obere Teil der Burg blieb bei Frau Elisabeth Siefert.
1973-1980 Musikeratelier in der Kapelle
1973-1978 vermietete die Post die Schlosskapelle an den Frankfurter Kurt Reichmann als Atelier für den Bau historischer Musikinstrumente. Reichmann baute die Kapelle zur Werkstatt und Ferienwohnung aus und nutzte sie für Konzerte.
An Pfingsten 1975 ist in der "Neuen Presse - Am Sonntag" (Nr.20) unter der Überschrift: "Neuer Spaß mit der alten Leier" von Günter Tilliger zu lesen:
"Noch ist die Pflege und Wiederentdeckung der Renaissancemusik... auf Schloss Reichenberg ein Hobby. Dass auch Liedermacher gekommen sind, die wie der politische Bänkelsänger Wolf Biermann (Ostberlin) Texte der Gegenwart mit einer Drehleier begleiten, ist vielleicht das aufschlussreichste Erlebnis beim Festival in der Schlosskapelle, wo hoch droben im Dachgebälk noch eine Eule haust."
seit 1979 Tagungsstätte der OJC-Kommunität
Juli 1979 kaufte die Offensive Junger Christen-OJC e.V. Schlos Reichenberg - heute Begegnungs- und Tagungsstätte und öffentliches Café.
Im Mai 1980 übernimmt die Gemeinschaft der Offensive junger Christen die Kapelle von der Musikinstrumentenbau-Gruppe, um sie zu renovieren und wieder als Gotteshaus in Dienst zu nehmen. Von 1982-1988 wird die Michaelskapelle durch Steinmetz Erich Schneider und einem OJC-Team renoviert. Während des Baus wird die Kapelle schon oft wie möglich als Gottesdienstraum benutzt.
1988 Einweihung und Indienstnahme der Kapelle
Am 12. Mai 1988 wird die renovierte Kapelle neu eingeweiht und wieder in Dienst genommen durch den offiziellen Vertreter der EKHN, Prof. Karl Dienst, Darmstadt.
Interessant sind die Maße: 14 m Gesamtlänge der Kapelle, 1,4 m Fensterbreite, 1,4 m Boden-Fenster-Abstand.Original Buckelquader (an der Südwestecke der Kapelle), Kalksumpf für Glattputz der Kapelle innen und außen gefunden, sowie winzige Farbreste in der Kapelle lassen die Farbe vom ursprünglichen Sandstein und Verputz noch erkennen.
Die Fundamente der Kapelle reichen bis auf den massiven Felsen herunter. Zusätzlich wurden zwei Fundamentreste gefunden, die wahrscheinlich zu einer alten Toreinfahrt gehörten. Sie könnten aber auch die Fundamentreste einer heidnischen Kultstätte gewesen sein, denn oft wurden Kapellen zur Zeit der Christianisierung über alten - auf Höhen gelegenen - heidnisch-germanischen Kultstätten errichtet. Die Michaelskapelle (siehe auch Michaelskirche in Reichelsheim): benannt nach Michael, dem Engelfürst, hebräisch "Wer ist wie Gott?" ist eine Kampfansage an den Widersacher Gottes. Michael (mit Speer in der Hand den Drachen tötend) steht für das Gottesvolk ein und führt es am Ende zum Sieg. (Off. 12)
2006 "Wege zum Leben"
Nach dem Verscheiden der vorherigen Eigentümerin, die lebenslanges Wohnrecht im Palais hatte, beginnt die OJC das Areal zu erschließen. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten hat man überraschendes Zutagegefördert: u.a. die Fundamente der ursprünglichen Schildmauer aus dem 13. Jh. sowie einen der wenigen erhaltenen Renaissance-Rittersäle, deren älteste Säulen und Trägerbalken aus der Reformationsszeit stammen.
Auf dem Gelände der Oberen Burg, die von Grund auf saniert werden muss, entsteht nun das religionspädagogische Projekt "Wege zum Leben".





