Wenn sich die Balken biegen ...

Der Rittersaal auf Schloss Reichenberg erhält eine neue Statik

Zwei massige Eichenpfeiler liegen zwischen Latten, Balken und Zementsäcken im Fenstervorsprung der zwei Meter dicken Wand des Rittersaales auf Schloss Reichenberg. Die stolzen Säulen, die über die letzten 250 Jahre die Decke mit den wuchtigen Querbalken getragen haben, wurden vorübergehend von ihren Sandsteinsockeln gestoßen. Sie mussten Eisengerüsten und Holzstützen weichen, die provisorisch dafür sorgen, dass den Bauarbeitern die sprichwörtliche Decke nicht auf den Kopf fällt. Wie bereits berichtet, soll der vor zwei Jahren wiederentdeckte historische Saal zusammen mit dem gesamten mittelalterlichen Palais von Grund auf saniert, gesichert und nach Vorgaben des Denkmalamtes restauriert werden. Erst dann kann der Besitzer der Schlossanlage, die ökumenische Kommunität Offensive Junger Christen (OJC), das von ihr geplante bibelpädagogische Erfahrungsfeld errichten und die obere Burg der Öffentlichkeit zugänglich machen.


50 Tonnen drücken aufs Gewölbe

Der inzwischen nahezu komplett entkernte "Krumme Bau" erhält nun eine neue Statik. Hermann Klenk, Chefarchitekt der OJC und verantwortlicher Bauleiter, erklärt, welche Maßnahmen zur Sicherung des insgesamt dreistöckigen Baus notwendig sind: "Im Zuge  der Restaurierungsarbeiten haben wir entdeckt, dass die Last des Obergeschosses und des hohen, gekrümmten Daches über zwei wuchtige Eichenpfeiler auf das Tonnengewölbe des Kellers geleitet wird. Das sind insgesamt gute 50 Tonnen, denn beide Pfeiler tragen gegenwärtig je eine Last von ca 25 Tonnen. Hierzu kämen später die einzuziehenden Decken und schließlich die Einrichtung der Räume. Eine statistische Katastrophe!" Jetzt werden Stahlstützen durch die Kellerdecke gezogen, um das Gewölbe zu entlasten und das Gewicht des Obergeschosses auf den felsigen Kellergrund zu leiten.


Wenn sich die Balken biegen

Aber damit ist erst einmal nur der Boden des Rittersaales vor dem Einstürzen gesichert. Klenk erläutert: "Die Decke selbst ist von der Eigenlast bereits stark beeinträchtigt. Nachdem die beiden Pfeiler raus genommen sind, kann man deutlich erkennen, dass sich die Balken in der Raummitte bis zu 20 cm tief durchgebogen haben. Die ältesten Balken stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert. Um dem entgegenzuwirken, hatte man wohl Mitte des 18. Jahrhunderts einen Längsbalken mit drei massigen Querbalken eingezogen und sie mit dem beiden Holzpfeilern abgestützt. Auf dieser Konstruktion ruhte bis vor wenigen Tagen das Obergeschoss."


Neu beschuhte Balkenfüße

Ein weiteres bauliches Ungemach: Die auf dem oberen Mauernkranz aufliegenden Enden der ursprünglichen Balken waren allesamt eingemauert und dadurch der Feuchtigkeit im Mauerwerk ausgesetzt. Das Holz war dermaßen zersetzt, dass die Balken saniert, eines sogar komplett ausgetauscht werden mussten. In akkurater Präzisionsarbeit hat die Erfurter Firma Denkmalbau Ettersburg die Balkenenden angeschuht: marode Teile wurden rausgesägt und mit massivem Eichenholz ersetzt. Jetzt sind die Holflächen kraftbündig verleimt und treffen komplett ohne Fugen aufeinander. Jeder einzelne Balken wurde dazu statisch verrechnet oben mit Metallstiften verdübelt. Für die sichere Statik sorgt jetzt ein Stahlträger als U-Eisen oberhalb des Längsbalkena, in dem die Querbalken aufliegen. Im Obergeschoss arbeiten Schreinermeister Reinhard Westerfeld (OJC) und sein Team, sie gleichen das Niveau der durchgebogenen Decke aus und decken sie mit Latten ab.


Umlastung im Dachstuhl

Auch im Dachstuhl wurde die Statik "umgelastet". Zuvor trugen Holzpfeiler die Sparren, auf denen die Ziegel aufliegen, und drückten auf die Decke des Obergeschosses. Nun leiten je zwei Streben das Gewicht über die Kehlbalken auf die massiven Burgmauern. Sobald die Holz- und Stahlarbeiten denkmalgerecht und statisch einwandfrei abgeschlossen sind, Elektrizität, Wasser und Heizung installiert werden. Wenn die Arbeiten am Innenausbau so zügig wie vorgesehen voranschreiten, dürfte der feierlichen Präsentation des Rittersaales am 15. September am "Tag des offenen Denkmals" nichts mehr im Wege stehen.