Wer dankt, gewinnt!

Silvester feiern - eine Liturgie zum Ausprobieren

Kleine Liturgie zum Jahreswechsel - zum Nachmachen

Feste feiern gegen das Vergessen
Von Rebekka Havemann und Hermann Klenk

Im Hebräischen hat das Wort vergessen die Bedeutung von "etwas so aus seinem Besitz verlieren, als hätte man es nie besessen". Wir Menschen, auch wir Christen, sind von Natur aus sehr vergesslich. Kaum ist die Weihnacht vorüber, verblassen schon die kostbaren Erinnerungen an das große Geschenk, das Gott uns machte. Bereits nach wenigen Wochen ist es, als hätten wir es nie besessen. Vergessen macht arm.

Gegen diesen Verlust hilft nur Danken, denn darin verinnerlichen wir das Empfangene. Wie hilfreich sind da die Feste des (Kirchen-)Jahres! Alle Anlässe, vom eigenen Geburtstag bis hin zu Weihnachten, erinnern uns daran, dass Gott unser Leben und die ganze Menschheitsgeschichte in seiner Hand hält und uns durch die Zeiten führt.

Wiederkehrende Feste müssen keineswegs verstaubt wirken oder langweilig sein! Wenn wir uns auf sie einlassen, werden sie - auch ohne großen Aufwand - zu belebenden und inspirierenden Denk- und Dankstützen im geschäftigen Einerlei des Alltags. Seit vier Jahrzehnten feiern wir in der OJC-Kommunität Silvester und Neujahr. Im Laufe der Zeit haben wir verschiedene liturgische Elemente entwickelt, von denen wir uns einstimmen lassen auf den Dank für das Vergangene und die Ausrichtung auf das Kommende.

Hier beschreiben wir in sechs Schritten einen gemeinschaftlichen Jahreswechsel mit Vorbereitung, Ablauf und kleinen Einlagen - eine Handreichung für den geistlichen Jahresabschluss mit Familie, Freunden oder Hauskreis.
 

 
1. Die Wege bereiten

Zum gemeinsamen Schritt ins neue Jahr gehört auch die gemeinsame Vorbereitung: Kochen, Einkaufen, Putzen, Dekorieren. Einige üben Musikstücke ein und suchen Lieder aus, andere bereiten Spiele vor. Dabei macht sich Festtagsstimmung breit.

Auch innerlich machen wir uns auf den Weg, indem wir - jeder für sich - in der Stille mit Hilfe einiger Fragen Rückschau halten und das hinter uns liegende Jahr bedenken:

• Was habe ich in diesem Jahr Gutes erlebt? Wo habe ich Gottes Hilfe erfahren? Wofür bin ich dankbar?

• Mit wem oder was bin ich nur schwer zurechtgekommen? Welche Zeiten habe ich als schwer und bedrückend erlebt? Gibt es ungeklärte Schuld und Verletzungen zwischen mir und anderen?

• Worauf freue ich mich im nächsten Jahr, was macht mir Sorgen? Wo wünsche ich mir Veränderung? Welchen Teil kann ich dazu beitragen? Nicht viele "guten Vorsätze" fassen, sondern lieber eine konkrete Entscheidung treffen!
 

2. Den Mittelpunkt finden

Wir treffen uns im Wohnzimmer, singen Weihnachtslieder und lassen Arbeit und Geschäftigkeit hinter uns, um das vergehende Jahr zu verabschieden und die neue Zeit willkommen zu heißen. Die "gute Zeit" ist uns am Christfest nahegekommen. Daran erinnern wir uns mit dem Kanon:

Seht, die gute Zeit ist nah,
Gott kommt auf die Erde.
Kommt und ist für alle da,
kommt, daß Friede werde.
Hirt und König, groß und klein,
Kranke und Gesunde,
Arme, Reiche lädt er ein,
freut euch auf die Stunde. (EG 18)

In allem, was wir an diesem letzten Abend des Jahres tun, soll Gott im Mittelpunkt stehen. Ihn, unseren Vater, wollen wir feiern. Er hat uns in seiner Güte, Treue und Barmherzigkeit durch dieses Jahr geführt. Er hat es mit uns begonnen und wir wollen es mit ihm beschließen. Wir singen das Lied "Ich steh an deiner Krippe hier", in dem es heißt

"...ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dirʼs wohlgefallen..." (EG 37)
 

3. Die Schätze teilen

Der Dank soll an erster Stelle stehen. In dieser vertrauten Runde kramt jeder von uns in seiner "Schatztruhe" des vergangenen Jahres. Was da zum Vorschein kommt, sind fröhliche Erinnerungen, mutmachende Begegnungen, Bewahrung und Hilfe, die uns im letzten Jahr geschenkt worden sind. In der Gegenwart Gottes breiten wir diese Schätze voreinander aus, bestaunen sie und danken Gott für sein Handeln in unserem Leben. Jeder kommt zu Wort und zündet dabei als ein sichtbares Zeichen des Dankes ein Teelicht an. So wird der dunkle Raum zusehends heller und wir spüren, wie es durch das Danken in uns selbst heller wird. Immer wieder stimmt jemand spontan ein Weihnachtslied oder einen Dankchorus an, in den alle andern mit einstimmen.
 

Zur gemeinsamen Feier des neuen Jahres gehören Musik und Gesang

4. Das Alte zurücklassen

Neben all dem Guten und Gelungenen wollen wir auch das Unfertige und Schwere dieses Jahres in Gottes Hände zurückgeben. Dazu gehen wir nach draußen in den Hof, wo schon ein Feuer brennt. Wir stehen im Kreis und jeder kann das, was er nicht mit ins neue Jahr hineinnehmen will - Sorgen und Lasten, Schuld und Versäumnis -, Gott anvertrauen und mit einem Holzscheit ins Feuer werfen. Dazu hören wir auf ein Gedicht von Jochen Klepper:

"Sieh nicht an, was du selber bist
in deiner 
Schuld und Schwäche.
Sieh den an, der 
gekommen ist,
damit er für dich spreche...
Sieh 
nicht, wie arm du Sünder bist,
der du dich 
selbst beraubtest. 
Sieh auf den Helfer Jesus 
Christ!
Und wenn du ihm nur glaubtest,
dass 
nichts als sein Erbarmen frommt 
und dass er 
dich zu retten kommt,
darfst du der Schuld 
vergessen,
sei sie auch unermessen...
"

Aus Jochen Kleppers Weihnachtslied, © Luther Verlag
 

Dieses Abgeben und Loslassen macht tatsächlich frei und leicht, so dass wir gelassen in das Kommende schauen und miteinander das Lied "Nun vergesst der Traurigkeit" anstimmen können:

1. Nun vergesst der Traurigkeit, / kommt mit freudigem Verlangen,
euer Stern ist aufgegangen, / euer Trost bereit.

2. Die gewartet und gewacht, / Wanderer im Tal im Dunkeln,
blickt empor und schaut das Funkeln / mitten in der Nacht.

3. Seht den Boten, seht den Stern! / In die Schatten, ins Gefängnis
eurer Blindheit, eurer Bängnis / schallt der Ruf des Herrn.

4. Fürchtet nicht und seid gewiss: / weil ihr euch verloren wähntet,
trat das Licht, das ihr ersehntet / vor die Finsternis.

5. Bringt dem Sohn die Gaben dar, / Seufzer, Drangsal, Angst und Plagen 
werft auf ihn, er will sie tragen, / er heißt: Wunderbar.

6. Kniet zur Krippe, da er liegt, / Gott aus Gott, für euch gegeben,
euer Bruder, Heil und Leben, / der den Tod besiegt,

7. euern Tod und allen Tod, / eure Sorg und alle Sorgen:
Krippe, Kreuz und Ostermorgen, / was hatʼs weiter not!

(Rudolf Alexander Schröder, Neue Weihnachtslieder 1966)
 

5. Das Neue feiern

Das geschieht zuerst einmal durch ein ausgedehntes, fröhliches Festessen. Dann sammeln wir uns wieder im Wohnzimmer, wo wir ausgelassen feiern mit Musik, Geschichten und Spielen. Wir haben viel zu lachen, denn die Sorgen sind entmachtet und die frohen Erinnerungen an die Schätze des vergangenen Jahres sind noch ganz nah. Das macht es leichter, mit kindlichem Vertrauen in das Neue zu blicken und von Gott Gutes zu erwarten. Mit dem Kanon "Es hat nun die Nacht ihre Macht verloren" singen wir es uns gegenseitig tief in das Herz hinein, denn diesen Schatz wollen wir nicht wieder verlieren. In der letzten halben Stunde des Jahres versuchen wir, noch einmal ruhig zu werden und warten auf das Läuten der Kirchenglocken, die das neue Jahr ankündigen.
 

Wir beten miteinander:
 

Dein ist das Jahr, Dein ist die Zeit,
Dein, Gott, ist alle Ewigkeit.
Dein ist die Welt, auch wir sind Dein;
kann keins hier eines andern sein!

Dein ist der Tag und Dein die Nacht,
Dein, was versäumt, Dein, was vollbracht.
[...]
So gehn wir, Gott, aus dem, was war,
getrost hinein ins neue Jahr,
ins Jahr, dem Du Dich neu verheißt,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.

(Arno Pötzsch*)
 

Und während die Kirchen glocken um Mitternacht läuten, singen wir gemeinsam "Großer Gott, wir loben dich" (EG 331). Wir gehen hinaus in die Nacht und wünschen einander Gottes Geleit im neuen Jahr. Die Feuerwerke durchbrechen das Dunkel des Himmels, als wollten sie dem ersten Morgen des neuen Jahres zuvorkommen und unseren Dank in den Himmel tragen. Mit Fackeln treten die Freunde den Heimweg an.
 

6. Der Zusage trauen

Zurück in der warmen Stube, gibt es noch ein ganz besonderes Geschenk zu Beginn des neuen Jahres. Aus einem Beutel mit Bibelversen darf sich jeder unter Gebet ein persönliches Wort als Gottes Zusage ziehen. Es ist spannend, was Gott jedem einzelnen sagen will. Manch einer kann mit dem Wort sofort etwas anfangen, anderen erschließt es sich erst im Laufe des Jahres - in jedem Fall ist die Zusage Gottes der erste und größte Schatz in der "Schatztruhe" des neuen Jahres. Der Sekt ist eingeschenkt. Auch heißer Punsch steht bereit. Die erste Stunde des neuen Jahres hat begonnen.

Weitere Liturgie-Anleitungen zum Nachfeiern

Hier finden Sie eine Anleitung zur Feier der Sonntagsbegrüßung »

* Arno Pötzsch: Dein ist das Jahr

Arno Pötzsch: Im Licht der Ewigkeit

Quellenhinweis: Arno Pötzsch, Im Licht der Ewigkeit. Geistliche Lieder und Gedichte. Gesamtausgabe. Leinfelden-Echterdingen: Verlag Junge Gemeinde (2008), S. 79

Die Lyrik von Arno Pötzsch berührt bis heute, weil er darin Lebensthemen, Fragen und Erfahrungen anspricht, die jeder kennt, aber selbst nicht so in Worte fassen kann. Er beschreibt die Schönheit von Gottes Schöpfung. Er spricht über eigene Grenzen und Versäumnisse und stellt sich den Herausforderungen von Krankheit und Tod. Diese erste Gesamtausgabe seiner Gedicht hat Marion Heide-Münnich mit großer Sorgfalt und philologischem Können zusammengestellt. Den Gedichten hat sie eine kurze Biographiedes Liederdichters vorausgestellt und gibt zudem eine gute Einführung in das Verständnis des Werkes sowie seiner breiten Wirkung im deutschen Protestantismus. Der tiefe und ehrliche Glaube, der aus den Gedichten von Pötzsch spricht, ist eine geistliche Nahrung, von der man gerne zehrt.