Was folgt auf Scheitern, Zerbruch und Tod?

Was folgt auf Scheitern, Zerbruch, Tod?

Maria Magdalenas Schritt ins Leben

Die Situation

Maria von Magdala gehörte zu den Frauen, die ­nahezu von Anfang an Jesus begleiteten und an seinem Dienst Anteil hatten. Als Jesus alles auf eine Karte setzte und nach Jerusalem zog, um Israel zur Entscheidung zu zwingen, da zog sie mit ihm. Sie begleitete ihn, als die Leute ihn als Messias Israels priesen und ihm begeistert zujubelten. Der große Traum, für den auch sie lebte, schien in Erfüllung zu gehen. Jesus war auf dem Gipfel seines Einflusses angekommen. Und sie war dabei. Auch die letzten Tage in Jerusalem erlebte sie unmittelbar mit. Dann kam plötzlich die Botschaft, dass man ihn mitten in der Nacht verhaftet hatte. Und sie wurde Augen­zeugin seines langsamen, qualvollen Sterbens.

Die Herausforderung

Damit war auch ihr Leben zu Bruch gegangen. Mit diesem Mann war die Quelle ihres Seins gestorben, ihrer Würde, ihrer Berufung, ihres Sinns im Leben. Es war so viel schmerzhafter als früher, denn inzwischen hatte sie das Leben geschmeckt: Hoffnung, Liebe, Glauben, Heil. Nun war es vorbei, zerbrochen am Kreuz. Ihr Rabbi und Heiler, der Prophet und Messias Gottes war tot. Die Gemeinschaft, die er ­gestiftet hatte, lag in Trümmern. War es nicht alles doch nur im Letzten eine große, berauschende Illusion gewesen, ein Traum, der der Realität nicht standhalten konnte?

Wie auch immer, ein Letztes kann sie noch tun: Sich um eine ordentliche Beerdigung kümmern und so endgültig Abschied nehmen. Sich der Realität des Scheiterns stellen, dem Bittersten ins Auge blicken. Und so macht Maria sich auf und geht ans Grab, zusammen mit den anderen Frauen.

Halten wir hier kurz inne. Versuchen wir, von Maria zu lernen: Sie befindet sich in der größten Krise ihres Lebens. Ihr neues Leben, ihr Glaube, ihre Gottes­beziehung sind zerbrochen. Obwohl sie enger an Jesus dran gewesen war, obwohl sie seine Gnade, seine Liebe und seine Autorität tiefer und reicher ­erlebt hatte als viele seiner Jünger. Es war noch nicht einmal ihre eigene Schuld gewesen. Sie hatte geglaubt, sie hatte geliebt, sie hatte gehofft. All das war gescheitert. Ihr Glaube und ihr Leben lagen in Scherben.

Und hier macht sie den ersten Schritt in das Neue. In ihren Augen ist es allerdings der letzte Schritt, der endgültige: Sie geht zum Grab, sie stellt sich. Sie sucht keinen billigen Trost, kein „Festhalten im Glauben“. Sie leugnet nicht. Sie trinkt den bitteren Kelch bis zur Neige. Aber so – und nur so! – geht sie den Weg, den Gott für sie hat. Nur so kann Gott ihr begegnen. Nur so kommt das Neue, Unerwartete, Unfassbare, das, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist (1 Kor 2,9).

Ohne diesen Schritt geht es nicht weiter. Auch für uns nicht. Wachstum und Reife heißt, sich dem ­Leben stellen. Der Realität des Scheiterns, des ­Zerbruchs, des Todes. Wer die Realität leugnet, wer sie nicht wahrhaben will – und sei es, um seinen ­Glauben zu retten! – der bleibt stecken. Der wird Gefangener einer Illusion, und sei diese auch noch so fromm. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube (l Joh) – ja! Aber erst im Durchgang durch die Realität, im Durchleiden, nicht im Vermeiden.

Dass diese Sicht auf Maria richtig ist, zeigt sich an einer schlichten Beobachtung: Als sie das Grab leer findet, läuft sie zu den anderen Jüngern. Und tatsächlich reagieren Petrus und Johannes, Jünger Jesu und zukünftige Leiter der Urgemeinde. Auf Marias Nachricht hin, dass der Leichnam Jesu verschwunden sei, laufen sie zum Grab. Aber sie können die ­Situation nicht einordnen. Sie kehren umgehend wieder „nach Hause“ zurück – in den Schutzraum der eigenen Gruppe, die sich abschottet und sich in sich selbst verschließt. So verpassen sie das Neue, das Entscheidende: Die Engel und Jesus selbst sind draußen am Grab. Maria aber blieb draußen vor dem Grab stehen; sie weinte.

Anders als die beiden Jünger bleibt Maria beim Grab und lässt ihren ganzen Schmerz zu. Das ist der Schlüssel; deshalb beginnt der Neuanfang Gottes bei ihr. Und so ist sie es, der die beiden Engel erscheinen. „Engel“ in der Bibel sind immer „Boten“, nämlich Boten Gottes – das ist die Bedeutung dieses Wortes. Weil Maria sich dem Unerträglichen nicht verweigerte, sandte Gott ihr seine Boten. Er tut es auch bei uns, wenn wir in Hoffnungslosigkeit und Schmerz versinken. Er sendet uns Boten, die sich um uns kümmern, die nachfragen, die das Tor zu Neuem aufstoßen – so wir sie an uns heranlassen, so wir noch etwas anderes außer uns selbst und unserem Leid hören und sehen wollen. Entscheidend ist, dass Maria trotz ihres Leids und ihres Schmerzes offen bleibt für die Anrede von außen, für das Reden Gottes. Erst wenn wir uns dem verschließen, wird eine Situation wirklich ausweglos.

Der Aufbruch

In ihrem Schmerz wundert sich Maria noch nicht einmal darüber, dass in der vorher leeren Grabkammer jetzt zwei Personen sitzen, und zwar auf der Steinbank, auf der der Leichnam Jesu gelegen hatte. Schon gar nicht erkennt sie, dass es sich um Engel handelt. Sie ist allein auf Jesus konzentriert; er ist ­alles, was sie beschäftigt. Und dann kommt anscheinend auch noch der Gärtner. Er fragt sie das gleiche wie die Engel; er erhält auch die gleiche Antwort. Er stellt aber noch eine scheinbar harmlose Zusatz­frage: „Wen suchst du?“ Jetzt könnte Maria aufmerken, denn das ist genau die Frage, die Jesus an Jünger richtet, die ihm nachfolgen wollen (vgl. Johannes 1,38). Aber noch übertönt ihr Schmerz diese Wahrnehmung. Alles was sie will ist, ihn wiederzuhaben, und sei es auch nur seinen Leichnam. ... 

Die Begegnung

Und nun wird eine der tiefsten persönlichen Begegnungen geschildert, die sich in der gesamten Bibel finden. Wegen dieses Moments hat sich die Geschichte von Maria Magdalena in das Gedächtnis der Christenheit eingebrannt. Jetzt blicken wir in ihr Herz – und in das Herz Jesu. Denn Jesus spricht das eine Wort, das alles ändert. Er ruft ihren Namen: „Maria!“

Da ist sie wieder, diese vertraute und geliebte Stimme, die sie oft so gerufen hatte! Die Stimme des ­Heilers, der sie aus ihrem unsäglichen Leid herausgeholt hatte. Die Stimme des Lehrers, der sie der Nachfolge und des geistlichen Dienstes für würdig befunden hatte, der ihr Würde und Sinn verliehen hatte. Die Stimme dessen, der ihr Lebensinhalt ­geworden war. Mit diesem einen Wort ist alles wieder da. In diesem Wort liegt ihre Identität. Scheitern, Zerbruch und Tod sind ausgelöscht. Er ist wieder bei ihr. Und sie hat ihren Lehrer wieder. Sie ist wieder eine Jüngerin, hat wieder einen Sinn und ein Ziel im Leben. Und so bricht es aus ihr heraus: „Rabbuni, mein Lehrer!“ Die alte, vertraute Anrede, die Anrede des Jüngers für den geliebten Rabbi. ­Alles, alles ist wiederhergestellt.

Aber genau an diesem Punkt widerspricht Jesus: „Halte mich nicht fest!“ Hier geht es um etwas ganz anderes als das Verbot einer körperlichen Berührung.1 Es geht um die gesamte alte Existenz Jesu, um alle früheren Erfahrungen, die Maria mit ihm gemacht hatte. Ja, er war der Prophet und Wunder­täter gewesen, der sie gerettet hatte. Ja, er war ihr Rabbi und Lehrer, der sie in die Nachfolge berufen hatte. Ja, sie verdankte ihm ihr ganzes Leben. Ja, da war eine tiefe persönliche Beziehung gewachsen, ­eine Freundschaft, die alles in ihrem Leben übertraf.

Aber jetzt war eine Wende eingetreten. Etwas, das niemand sich auch nur im Entferntesten hatte ­vorstellen können. Jesus war gestorben und auf­erstanden. Und deshalb ist er jetzt auf dem Weg, von Gott über alles erhöht zu werden: Ich bin noch nicht zum Vater aufgestiegen! Er ist dabei, zur Rechten Gottes Platz zu nehmen und alle Macht im Himmel und auf Erden2 übertragen zu bekommen. Jesus ist dabei, die Weltherrschaft anzutreten. Er ist ein ­anderer geworden, unvorstellbar anders.

Wenn Maria am Alten festgehalten hätte, an ihren alten Erkenntnissen, so tief und bewegend sie gewesen waren, dann hätte sie etwas viel Größeres verpasst. Dann hätte sie Jesus in der Vergangenheit ­fixiert, mittels ihrer Erfahrungen. Sie hätte ihn definiert, also „eingegrenzt“. Sie hätte ihn begriffen – in den Griff bekommen. Jesus wäre zu einem Bestandteil ihres geistlichen Lebens, einem Element ihrer Spiritualität geworden: erhebend, beglückend, tröstlich, motivierend. Und sein Reich zu einer Vision, für die sich jede Anstrengung gelohnt hätte. Später wäre Jesus dann vielleicht sogar zu einem Gegenstand ihrer religiösen Verehrung geworden.

Wenn sie ihn aber loslässt, öffnet sie sich für etwas Neues, Größeres. Für einen Jesus, den sie noch überhaupt nicht kennt. Für den Herrn der Welt. Sie hat keine Vorstellung davon, was das bedeutet. Sie hatte zwar von Jesus selbst gehört: Aber glaubt mir, es ist gut für euch, dass ich fortgehe; denn sonst wird der Helfer nicht zu euch kommen. Wenn ich aber fort­gehe, dann werde ich ihn zu euch senden und er wird meine Stelle einnehmen!3

Aber sie kann es sich nicht vorstellen – wie auch? Dass Jesus selbst Herr der Welt wird und zugleich durch seinen Heiligen Geist in ihr Wohnung nehmen wird, ist im wahrsten Sinn noch unvorstellbar. Aber es wird geschehen. Wenn sie loslässt und sich dem Neuen überlässt: dem Unverfügbaren, dem Heiligen Geist.

Das Alte geht ihr dabei nicht verloren. Sie bleibt nicht innerlich oder äußerlich verwaist zurück: Denn Jesus hat gesagt: Ich lasse euch nicht wie Waisenkinder allein; ich komme wieder zu euch.4 Das, was sie mit Jesus erfahren hatte, bleibt ihr erhalten. Es vertieft und erweitert sich, aber es verschwindet nicht wieder. Es reift zur Fülle des Lebens heran.

Aber wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch anleiten, in der vollen Wahrheit zu leben. Was er euch sagen wird, hat er nicht von sich selbst, sondern er wird euch nur sagen, was er hört. Er wird euch jeweils vorbereiten auf das, was auf euch zukommt. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen; denn was er an euch weitergibt, hat er von mir (Johannes 16,13b-14 GNB).

Das Kommen des Heiligen Geistes bedeutet aber auch das Ende unseres eigenen geistlichen Wegs. Es bedeutet das Ende dessen, dass wir ihn seelisch erkennen: mit unseren Gefühlen und Erlebnissen, mit unseren Konzepten und Vorstellungen. Das gilt für unser persönliches Leben, aber auch für unsere Gemeinden und Bewegungen.

Oft speist sich unsere Sehnsucht nach Erweckung aus früheren Erfahrungen, und seien es die vorheriger Generationen. Wir idealisieren sie und sehnen uns danach. Und merken nicht, dass wir rückwärtsgewandt leben. So „machen wir uns ein Bild“ von Gott, was schon in den Zehn Geboten verboten worden war.5 […]

Maria lässt sich ein und sofort bricht das Neue herein. Jesus schickt sie zu den Jüngern in der Stadt, die sich im Alten eingeschlossen haben. Jesus sendet sie mit einem klaren Verkündigungsauftrag: Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Damit macht Jesus Maria von Magdala zu seiner ersten „Gesandten“, zu ­einem ,,Apostel“. Denn für einen Apostel, einen „Gesandten Jesu“ –  das ist die Bedeutung des Begriffs im Neuen Testament – gelten drei Kriterien: Er muss Jesus vor seiner Auferstehung begleitet ­haben; er muss den Auferstandenen leibhaftig gesehen haben; und er muss vom Auferstandenen selbst persönlich und unmittelbar gesandt worden sein. All das trifft auf Maria von Magdala zu: Sie hat den irdischen Jesus seit Galiläa begleitet, sie hat ihn, den Auferstandenen – als erste! – gesehen, und sie wird von ihm gesandt: zu den Jüngern, die erst noch Apostel im Vollsinn werden sollen.

Das Neue hat begonnen: Wenn es für eine Frau damals schon undenkbar war, dass sie als Zeugin in Frage kam und Schülerin eines Rabbis sein konnte, dann war es erst recht undenkbar, dass sie eine Gesandte des Messias – des Königs Israels! – sein konnte. Und trotzdem sendet Jesus sie. Er hält sich nicht an gesellschaftliche Einschränkungen, wenn sie dem Reich Gottes widersprechen. Und damit verstört er konservative Geister bis heute, nicht nur in patriarchalen Gesellschaften. Aber er ist der Herr der Welt – er hat alle Freiheit, das zu tun. Das war mehr als ungewöhnlich, es war undenkbar. Aber der Auferstandene tat es.

Der bedeutendste lateinische Theologe des Mittel­alters, Thomas von Aquin, erkennt: „Sie ist dadurch Apostel der Apostel geworden, dass ihr die Aufgabe zuteil wurde, den Jüngern die Auferstehung des Herrn zu verkünden.“6

Maria, die sich der Herausforderung gestellt hat, wird zur Lehrerin der Lehrer, zum Apostel!

Und so erhält auch die Frage Jesu „Wen suchst du?“ ihren Tiefgang. Diese Frage rahmt bewusst die Jünger­berichte des vierten Evangeliums ein. Es ist die Frage an die allerersten Jünger, die Jesus nachfolgen: Andreas und Simon (1,38); es ist auch die Frage an die allererste Jüngerin Jesu nach der Auferstehung: Maria von Magdala (20,15).

„Eva wird Apostel!“, so staunt Hippolyt von Rom7 im 3. Jahrhundert – die gefallene Frau ist erlöst und wiederhergestellt. Das Neue hat begonnen. In ihr. Mit ihr. Und für sie.

Anmerkungen:

  1. Die herkömmliche Übersetzung „Rühre mich nicht an!“ (z. B. LUT) ist zwar sprachlich korrekt, trifft aber den Sinn nicht. Es geht nicht um eine Art leibliche Zwischenexistenz Jesu, die ein physisches Tabu nötig macht, sondern um das Festklammern. Später wird das ganz deutlich (Joh 20,27)
  2. Mt 28,18
  3. Joh 16,7
  4. Joh 14,18
  5. 2 Mo 20,4
  6. Thomas von Aquin, In Ioannem Evangelistam Expositio, c. XX, L. III., Zitiert bei Johannes Paul II., Mulieris Dignitatem, Über die Würde und Berufung der Frau, 1988, Anmerkung 38. Die erste erhaltene Erwähnung von Maria als „Apostel der Apostel“ findet sich bereits bei Hippolyt von Rom (ca. 170-235 n. Chr.), einem Vertreter des konservativen Flügels, Kommentar zum Hohenlied, 25,6-7.
  7. Er schreibt über die Frauen am Grab: „… und Apostel der Apostel wurden sie, von Christus gesandt … Eva wird Apostel!“ G. N. Bonwetsch, Hippolyts Kommentar zum Hohenlied, 25,6-7; in: Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, Heft 2, Leipzig 1902, S. 67-68.

Leicht gekürzt aus: Ursula und Manfred Schmidt. Die größere Perspektive. Vom Abenteuer geistlicher Reife. GGE-Verlag, ISBN 978-3-9816293-9-2, Hannoversch-Münden 2016, S. 84-92

Von

  • Manfred Schmidt

    Er und seine Frau Ursula sind geistliche Begleiter der OJC-Kommunität und stehen in einem deutschlandweiten Lehr- und Reisedienst.

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  • Ursula Schmidt

    Theologin. Sie und ihr Mann Manfred halten Seminare, Vorträge und Schulungen in Gemeinden und Kirchen unterschiedlicher Prägung.

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