Liebe Mitchristen,

wenn wir tief in unser Herz hineinhören, dann stellt das Leben viele Fragen. Und wenn wir wirklich auf das hören, was unser Innerstes spricht, dann werden wir manchmal als Flüstern, dann unüberhörbar als Schrei, eine Sehnsucht feststellen und spüren, die nach etwas verlangt, das trägt. Wir sehnen uns danach, in einer chaotischen Welt Halt, Orientierung und Sinn zu finden. Denn der Mensch braucht Sinn und eine Vorstellung davon, was Sinn ist. Nur wo der Mensch Sinn erkennt, da erhält er Frieden. Wo der Mensch keinen Sinn findet, da wird er auch kein Glück finden. Viele definieren sich von dem her, was sie haben. Und erleben, dass sie nie genug haben, immer mehr wollen. Und am Ende stehen wir da und haben nichts, so wie in dem Märchen vom „Fischer und seine Frau“. Der Fischer ist machtlos, weil seine Frau von Habgier besessen ist. „Myne Fru, de Ilsebill, will nich so, as ik wol will.“ Die Maßlosigkeit der Frau des Fischers führt ins Nichts. Denn alle Dinge dieser Welt können den Wert eines Menschen nicht begründen.

Es ist im Menschen ein Verlangen, ein Sehnen, das von all dem Glück auf Erden, von all dem, was einem sonst noch guttut, nicht abgedeckt, nicht gestillt werden kann. Damit soll all das, was zu unserem irdischen Glück beiträgt, in seinem Wert nicht gemindert werden, wie z. B. die Pflege meiner Gesundheit und meines Leibes, ein gesundes Selbstwertgefühl, erfüllende Beziehungen, die Erfahrung von Liebe, die Freude über Erfolg, kindliche Ausgelassenheit und Befriedigung, die von Kreativität und Schaffenskraft ausgehen kann. Das alles gehört zu einem ganzen Leben.

Zum ganzen Leben gehört aber auch in Beziehung mit dem zu sein, was über uns hinausweist, was uns wie die Äste eines Baumes nach obenhin ausstrecken lässt, weil wir von dort die Luft und das Leben erwarten, die Nahrung und den Segen,der unseren Leib und unsere Seele nährt. Dies erscheint um so drängender in Lebenslagen, in die wir, ohne es zu wollen, geraten und die wir kaum selbst beeinflussen können. Dazu zählen allen voran gesundheitliche Leiden und Unglück. Jedes Leiden fragt ganz automatisch nach seinem Sinn: Warum? Der an Gott Glaubende schaut bei dieser Sinnsuche unweigerlich auf Gott. Von der Welt her ist das menschliche Leiden im Letzten untröstbar. Nichts kann ihm wirklich helfen. Wie wir damit umgehen können, zeigt uns Jesus Christus selbst. Aus seiner Leidenshaltung am Kreuz, inmitten seines Todeskampfes, bleibt die Frage nach dem Sinn seines Leidens eine offene und so ruft er, der Sohn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In dieser Hinwendung sagt sich Jesus nicht von Gott los, sondern er drückt ein tiefes Vertrauen aus. Auch wenn ihm selbst der große Plan Gottes im Moment seines Leidens verborgen bleibt, im Vertrauen auf Gott weiß er sich vom Sinn Gottes umfangen. Seit dem Leiden Christi ist das so. Wenn wir zusammen mit Christus leiden, wird das alte Dasein ins neue umgewandelt. Wenn der Mensch dieses Geheimnis versteht und sich ihm anvertraut, gelangt er in die Mitte aller Dinge, und alles wird gut.

Am Ende ist alle menschliche Erfahrung, die der Glaubende in der Welt macht, an Gott rückgebunden. Glauben heißt nichts anderes, als die Erfahrung Gottes, das Bekenntnis seiner Anwesenheit, in unsere Lebensvollzüge hineinzunehmen und diese daraus zu deuten. Mögen unsere Beiträge in diesem Heft Sie ermutigen, in diesem Horizont Ihr Leben noch tiefer zu verstehen und zu gestalten.

Mit dem ganzen Redaktionsteam bleibt Ihnen mit solcher Zuversicht von Herzen verbunden,
Ihr
Rudolf M. J. Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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