Das größere Ziel im Blick

Sehen lernen in der Schule des Vertrauens

Ein Anruf mitten am Tag: Kannst du was über Hingabe schreiben? Da ich hingebungsvoll gerne schreibe, sage ich sofort zu – und bekomme auch sofort kalte Füße. Denn ich weiß, dass ich nicht die Richtige bin. Hingabe ist etwas, mit dem ich mich schwer tue. Ich kenne Menschen, die ganz hingegeben sind und die unterscheiden sich von mir, die ich egoistisch bin, mich schnell zu kurz gekommen fühle und heimlich auch ein bequemer Typ bin. Zudem hört sich Hingabe nach Konzentration auf eine Sache an und ich bin eher zentrifugal veranlagt.

So frage ich meinen Mann: Was fällt dir zum Thema Hingabe ein, auch so in Bezug auf mich? Und er sagt: das Wissen, für eine größere Sache unterwegs zu sein. Und nach einer Weile schiebt er nach: Ich finde, du lebst zum Beispiel Hingabe für deine Familie. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln – und merke, dass zur Hingabe wohl die Liebe gehören muss. Das macht mir das Wort Hingabe wieder sympathischer, denn beim Hören des Wortes klang mir immer etwas schweres, aufopferungsvolles mit. Womöglich Selbstaufgabe, Selbstverlust! So mache ich mich auf die Suche, um diesem Wort und seiner Bedeutung für mich näher zu kommen.

Loswerden, was mich quält  

Meine Gedanken gehen weiter zu einem Buch über ignatianische Exerzitien, mit dem ich seit einer Weile unterwegs bin. Da geht es zum Beispiel darum, seine dunklen Stellen anzunehmen und Gott hinzuhalten. Sie ihm hinzugeben. Es gibt in meinem Leben Dinge, über die ich nicht zur Ruhe komme: Zeiten, in denen ich mich zermürbe wegen Verhaltensweisen, Versagen und Umständen, die zum Beispiel meine Kinder für ihr ganzes Leben geprägt haben. Ich arbeite daran, dies Gott hinzugeben und ihm damit zuzutrauen, dass sich diese Prägungen nicht negativ auf ihr Leben auswirken. Ich gebe meine Unvollkommenheit hin, meine Grenzen, mein Bild von mir selber: Da gibt es vergoldete Stellen, auch übertünchte und abgeblätterte. Das wegzugeben macht frei! Denn ich gebe mich nicht einem Gesetz oder einem Ideal hin, sondern der erlösenden Liebe, die darin besteht, dass ich ganz und gar sein darf, wie ich bin. Auf dass ich nicht so bleibe... Hingabe also nicht als Minus, sondern als Plus sehen, zum Beispiel: Zugewinn an Freiheit!

Meiner Sehnsucht auf der Spur  

Ich höre bei Hingabe auch das Wort Gabe. Das heißt, mir meiner Gabe, Begabung bewusst sein, sie mit Leidenschaft einsetzen, sie hergeben für eine größere Sache. Und da dockt meine Sehnsucht an. Ja, das will ich, das kenne ich auch aus meinem Leben: Etwas mit Leidenschaft tun, mich für etwas ganz einsetzen, das habe ich erlebt, sowohl in der „Familienarbeit“ als auch in der erfüllenden Zeit als Missionarin in Costa Rica. An diese Aufgaben konnte ich mich hingeben, die Arbeit wurde mir nicht zu viel, ich tat sie gerne, weil ich ganz dabei war. Weil es mir entsprach, meiner Gabe, meiner Bestimmung. Nichts Schöneres, als die eigenen Gaben hinzugeben, damit sie weitergereicht werden an andere und etwas Neues entstehen kann.

Könnte diese Sehnsucht ein Zeichen dafür sein, dass wir Menschen uns im Tiefsten hingeben wollen? Die Sehnsucht, an etwas teilzuhaben, das mehr als ich selber bin – weist das nicht auf unsere Veranlagung hin, uns nach Transzendenz auszustrecken? Wir suchen etwas, das uns aus der Selbstumkreisung holt. Und wir wollen an etwas glauben. Sinn des Lebens, Spuren hinterlassen, sichtbar werden! Wir wollen uns im Tiefsten verbinden und verbünden, mit anderen und mit Gott, wir sind uns nicht selbst genug. Hingabe schließt das demütige Erkennen ein, dass ich alleine nicht sonderlich wirksam bin, sondern die Herausforderung, die Aufgabe, die Anfrage von außen brauche. Ich will mich engagieren – da steckt das englische engaged drin im Sinne von: beschäftigt, verlobt sein, sich binden, sich hingeben.

Und ich denke an die Bibelworte, die davon sprechen, dass man sich findet, wenn man sich verliert, dass man aber verliert, was man festhält. Hingabe also ist ein unabdingbarer Schritt für die Entwicklung der Identität, für das Finden seiner selbst.

Mit Haut und Haar  

So langsam klingt das immer besser, jetzt ist Hingabe auf einmal etwas, das mich weiterbringt und nicht etwas, das mich ausbremst!

Gut, sich in und durch seine Gaben hinzugeben, dürfte nicht allzu schwerfallen. Auch das Hingeben meiner Ecken und Kanten klingt eher nach Befreiung. Wie sieht es aber mit meinen Wünschen aus? Mit meinen Zielen, meinen Ambitionen? Mit der Kontrolle über mein Leben? Da bringe ich manchmal die Worte „Dein Wille geschehe“ nur sehr stockend über die Lippen. Ich spüre: mich ein bisschen hingeben, das geht nicht. Hingabe meint schon mit Haut und Haaren. Das ist riskant! Und die Aussage, dass Gott uns einen Wunsch nicht erfüllt, weil er etwas Besseres für uns hat, hilft nicht weiter. Das klingt nach Schönreden, denn ich habe es doch gar nicht in der Hand. Und eigentlich wäre das Loslassen eines Wunsches dann keine Hingabe mehr, sondern ein Tauschgeschäft. Nein, Hingabe ist, wenn man nicht weiß, wie es wird. Und das auch in Kauf nimmt. Ich habe erlebt, dass ich nach langen Jahren einen brennenden Wunsch doch nicht erfüllt bekam – und die Lücke bleibt bestehen. Die Kontrolle über die Erfüllung des Wunsches hatte ich nicht, so sehr ich auch gestrampelt habe. Ich buchstabiere immer noch, was es heißt und wie es geht, dies Gott hinzugeben. Und behutsam lasse ich zu, dass mich die Lücke auf ein anderes, tieferes Bedürfnis hinweist. Die Verheißung: „Er wird dir geben, was dein Herz wünscht“ bekommt eine neue Dimension – aber eben, ich bin noch nicht durch. Hingabe heißt hier, die Kontrolle abgeben und vertrauen.

Am Ende neues Leben

Und es wird deutlich: Hingabe ist nur an eine Person sinnvoll, nicht an eine Idee. Denn nur einer Person kann ich vertrauen. Diese Person sagt zu mir: Es ist nicht dein Problem, es ist meines.

Wie, nicht mein Problem?! Sollen wir die Probleme nicht lösen, unser Leben nicht aktiv gestalten? Ist Hingabe also nur etwas Passives, ein Geschehenlassen?

Bei der ehelichen Hingabe zum Beispiel kommt das Beste überhaupt heraus – neues Leben! Kann es sein, dass dies das Urmodell von Hingabe ist, das auch für alle anderen Lebenssituationen gilt? Moment mal, wenn ich von Urmodell spreche, dann blitzt der Gedanke an die Dreieinigkeit auf: Das Urmodell von drei einander hingegebenen Personen, die zusammen Eine sind. Durch diesen Einen Willen wird Leben möglich. So auch bei mir kleinem Menschen: Nur meine Hingabe macht es möglich, dass ich überhaupt aufnahmefähig werde für Gottes Impulse und seinen Willen. Und das ist ein aktiver Akt, das geht nicht von alleine oder nebenher. Es braucht mein ganzes Ja dazu. Das ging mir bei unserer Eintrittsfeier in die OJCKommunität durch und durch: Mein Ja macht einen Unterschied. Und als dann 40 voll zurechnungsfähige Personen mir ihr „Ja“ erwiderten, war das ein Moment voller Intensität und Ernst. Ein Akt der Hingabe … Meine Aufgabe darin: es anzunehmen. Und in mir verfestigt sich der Gedanke, dass dies unsere Lebensberufung ist: uns lieben zu lassen. Gottes Hingabe ist Grundlage und Voraussetzung meiner eigenen Hingabe, nicht umgekehrt. Meine Hingabe ist also Antwort, nicht Angebot.

Christus, der Restaurator

Ein kurzer Bericht in den Medien über die Restaurierung des Isenheimer Altars hat meine Aufmerksamkeit erregt: Die düstere Kreuzigungsszene ist so dunkel, weil mehrere Firnisschichten über die Jahrhunderte die Farbe getrübt haben. Der Firnis sollte dem Schutz der Farben dienen. Dadurch wurde der Himmel hinter dem Kreuz nahezu schwarz. Nun versucht man, mit Wattestäbchen und Pinselchen diesen Firnis zu entfernen – und siehe da: Der Himmel der Kreuzigungsszene erstrahlt in Azurblau, der ganze Altar ist ein Feuerwerk in leuchtenden Farben! Das ist ein Bild für mein Leben: Wo ich Schutzschichten aufbaue, verdunkeln sich meine Farben, meine Gaben, mein Wesen. Hingabe bedeutet, Christus zu erlauben, mit Wattestäbchen und Pinselchen, manchmal auch mit Schmirgelpapier, die Schichten zu entfernen, damit die ursprüngliche Schönheit wieder sichtbar wird – zur Freude vieler! Ja, ich weiß keinen anderen Restaurator, der mit mir fertig werden könnte, mit meinen Schutzschichten, meiner Patina, meinen zum Scheitern verurteilten Verbesserungsversuchen.

Für alle, denen das Wort Hingabe immer noch zu schwer klingt: Man darf es durch „Vertrauen“ ersetzen. Nicht minder schwierig, nicht weniger schön. Ich kann heute noch das Gefühl nachempfinden, wie es war, wenn meine Kinder ihre kleinen Hände in meine gelegt haben, damit ich ihnen eine Treppe hinaufhelfe. Sollte Gott nicht dieselbe Rührung, dieselbe Freude empfinden, wenn ich meine Hand in seine lege? Ich habe das Wort Hingabe liebgewonnen. Und wage es: Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen, … dann wirft man sich Gott ganz in die Arme. (D. Bonhoeffer)

Von

  • Gerlind Ammon-Schad

    die mit ihrer Familie 18 Jahre in Costa Rica gelebt hat, bevor sie 2014 nach Deutschland und in die OJC kam. Sie und ihr Mann Bernhard sind im Herbst 2018 in die OJC-Kommunität eingetreten.

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