Jesus ist Herr

Sechs Dimensionen der Hingabe

Völlige Hingabe an Jesus Christus beinhaltet

1. eine intellektuelle Dimension

Unser Verstand ist die zentrale Festung unserer Persönlichkeit und regiert unser Leben äußerst wirksam. Jesus Christus beansprucht jedoch die Autorität über unseren Verstand. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, sagte er (Mt 11,29). Seine jüdischen Zuhörer haben ihn sicherlich sofort verstanden, denn sie sprachen für gewöhnlich von dem „Joch der Torah“ (dem Gesetz), deren Autorität sie sich unterstellten. Nun sprach Jesus von seinen Lehren als einem Joch. Seine Nachfolger sollen seine Schüler, seine Jünger werden, die von ihm lernen. Ohne Furcht, denn Jesus ist sanftmütig und von Herzen demütig, und darum werden sie „Ruhe“ für ihre Seelen finden. Wahre Ruhe finden wir unter dem Joch Jesu und nicht, indem wir ihm widerstehen, und echte Freiheit erleben wir nur, wenn wir uns seiner Autorität unterstellen und sie nicht ablehnen. Der Apostel Paulus schrieb später von seiner Entschlossenheit, jeden Gedanken unter den Gehorsam Christi gefangenzunehmen (1 Kor 10,5).

Wer sich als Christ heute bemüht, einfühlsam auf die Anfragen und Herausforderungen der modernen Welt zu reagieren, darf die Autorität Jesu Christi nicht über Bord werfen. Wir Jünger haben nicht die Freiheit, anderer Meinung zu sein als unser göttlicher Lehrer. Was wir in Bezug auf Gott, die Menschen, die als Mann und Frau nach dem Bild Gottes erschaffen wurden, auf Leben und Tod, Pflicht und Bestimmung, Schrift und Tradition, Erlösung und Gericht glauben, lernen wir allein von Jesus. In unseren Tagen, in denen es von wilden und unheimlichen Spekulationen nur so wimmelt, ist es notwendiger denn je, unsere rechtmäßige Position zu seinen Füßen wieder einzunehmen. „Nur die Person, die den Geboten Jesu ohne Vorbehalt folgt“, schrieb Dietrich Bonhoeffer, „und sich widerstandslos seinem Joch ­unterstellt, findet seine Last leicht und unter seinem sanften Druck erhält sie die Kraft, in der rechten Art und Weise auszuharren. Das Gebot Jesu ist hart, unglaublich hart, besonders für diejenigen, die versuchen, sich ihm zu widersetzen. Für diejenigen, die sich ihm jedoch willentlich unterordnen, ist das Joch sanft und die Last leicht.“

2. eine moralische Dimension

In der heutigen Zeit entgleiten überall um uns herum die moralischen Maßstäbe. Der Relativismus hat sich in der Welt ausgebreitet und sickert langsam auch in die Gemeinde ein. Sogar einige evangelikale Gläubige legen die Schrift, was das Gesetz betrifft, falsch aus. Sie zitieren die bekannte Aussage des Apostels Paulus, dass Christus des Gesetzes Ende ist“ (Röm 10, 4) und ihr seid nicht unter dem Gesetz (Röm 6, 14) und übersehen dabei (absichtlich?) den Kontext der beiden Aus­sagen. Sie missdeuten die beiden Verse so, als ob das Gesetz aufgehoben sei, und wir nicht länger dazu verpflichtet seien, ihm zu gehorchen, sondern vielmehr die Freiheit besäßen, ihm gegenüber ungehorsam sein zu können. Paulus meinte jedoch etwas ganz anderes. Er bezog sich auf den Weg der Erlösung und nicht auf den Weg der ­Heiligung. Er betonte, dass wir uns für unsere Annahme bei Gott „nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ befinden, da wir allein aus Glauben gerechtfertigt sind und nicht durch Werke. Wir unterstehen jedoch immer noch dem ­moralischen Gesetz, was unsere Heiligung betrifft. Martin Luther pflegte zu sagen, dass uns das Gesetz zu Christus treibt, um gerechtfertigt zu werden, Christus uns aber an das Gesetz zurückverweist, um geheiligt zu werden.

Der Apostel Paulus betont, dass sowohl das Versöhnungswerk Christi als auch die innewohnende Gegenwart des Geistes dazu dienen, dass wir dem Gesetz gehorchen. Warum sandte Gott seinen Sohn, um für uns zu sterben? Die Antwort lautet: Damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns, die wir ... nach dem Geist wandeln (Röm 8,34). Und warum hat Gott uns seinen Geist gegeben? Die Antwort ist, um sein Gesetz in unsere Herzen zu schreiben (2 Kor 3,3-6). Jesus Christus fordert uns zum Gehorsam auf. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren (Joh 14,21). Das Kriterium der Liebe ist der Gehorsam und der Lohn der Liebe ist eine Selbstoffenbarung Jesu.

3. eine Berufung

Wenn wir sagen, dass Jesus der Herr ist, verpflichten wir uns zu einem lebenslangen Dienst. Dabei ist der Dienst eines Pastors lediglich einer von vielen Diensten, die es gibt. Alle sind zu ­einem Dienst (diakonia) berufen, weil wir Nachfolger dessen sind, der Knechtsgestalt angenommen hat (Phil 2,7), der betonte, dass er nicht gekommen war, um bedient zu werden, sondern um zu dienen (Mk 10,45) und der hinzufügte: Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende (Lk 22,27). Wenn wir behaupten, Jesus nachzufolgen, dann ist es geradezu undenkbar, dass wir unser Leben mit etwas anderem als dem Dienen zubringen. Das bedeutet, dass wir lernen müssen, unseren Beruf als Dienst anzusehen. Unsere tägliche Arbeit soll ein bedeutender Bereich sein, in welchem Jesus seine Herrschaft über uns ausübt. Dann können wir sagen, dass wir von Herzen als dem Herrn und nicht für Menschen arbeiten, da wir dem Herrn Christus dienen (Kol 3,23.24).

4. eine soziale Dimension

Dies bedeutet zunächst, dass die Nachfolger Jesu sowohl soziale als auch individuelle Verantwortungen gegenüber ihrer Familie, der Firma, ihrer Nachbarschaft, ihrem Land und der Welt haben. Das Bekenntnis „Jesus ist Herr“ bedeutet auch, dass wir ihn als Herrn über die Gesellschaft anerkennen, sogar über die Teile der Gesellschaft, die seine Herrschaft nicht anerkennen. Denken wir einmal über die Spannung nach, die uns das Neue Testament vor Augen malt. Auf der einen Seite wird uns gesagt, dass Jesus der Herr ist. Er hat die Fürstentümer und Mächte entthront und entwaffnet, indem er am Kreuz über sie triumphierte (Kol 2,15). Gott hat ihn zu seiner Rechten erhöht und alles seinen Füßen unterworfen (Eph 1,20-22). Daraus folgt mit Recht sein Anspruch, dass ihm alle Macht gegeben wurde (Mt 28,18).          
Auf der anderen Seite müssen wir aber immer noch gegen die Fürsten und Mächte der Finsternis kämpfen. Sie sind besiegt und sogar ihrer Macht beraubt, aber dennoch aktiv, skrupellos und einflussreich (vgl. Eph 6,11-18). Der Apostel Johannes geht ­sogar so weit, dass er sagt, dass die ganze Welt in dem Bösen liegt (1 Joh 5,19).

Wie können wir diese beiden Aussagen miteinander in Einklang bringen? Ist Jesus der Herr oder ist es Satan? Regiert Jesus über seine Feinde, oder wartet er darauf, dass sie kapitulieren? Die einzig mögliche Antwort auf diese Fragen lautet: beides. Wir müssen zwischen dem unterscheiden, was de jure (rechtmäßig) und was de facto (tatsächlich) ist. De jure ist Jesus der Herr, da Gott ihn auf den höchsten Platz erhoben hat. De facto regiert jedoch Satan, da er sich bisher noch nicht geschlagen gibt, noch nicht endgültig vernichtet ist.  

Wie wirkt sich diese Spannung auf unsere Jüngerschaft aus? Weil Jesus – Kraft der göttlichen Ernennung – rechtmäßiger Herr ist, können wir keine Situation dulden, in der diese Tatsache verleugnet wird. Wir setzen uns dafür ein, dass sich seine Werte auch in einer Gesellschaft, welche seine Herrschaft nicht anerkennt, ausbreiten; dass die Rechte des Menschen und die Würde aller Menschen, egal welcher Rasse oder Religion sie auch angehören, gewahrt, dass Frauen und Kindern Ehre erwiesen, dass Gerechtigkeit für die Unterdrückten sichergestellt und dass die Gesellschaft gerechter, mitfühlender, friedfertiger und freier wird.

Warum kümmern wir uns um diese Angelegenheiten? Weil Jesus der rechtmäßige Herr der ­Gesellschaft ist, und weil er sich um sie kümmert. Wir wollen die Wahrheit, dass Jesus der Herr der Gesellschaft ist, ernstnehmen und uns daher darum bemühen, sie ihm wohlgefälliger zu machen.
Abraham Kuyper, der spätere Ministerpräsident der Niederlande, sagte während seiner Einführungsrede bei der Eröffnung der Freien Universität von Amsterdam im Jahre 1880: „Es gibt nicht einen einzigen Zentimeter in sämtlichen ­Bereichen des menschlichen Lebens, über den Christus, welcher der Souverän ist, nicht sein ‚Mein‘ ausruft.“

5. eine politische Dimension

Wir müssen uns daran erinnern, dass Jesus sowohl für ein politisches, als auch für ein religiöses Vergehen verurteilt worden war. Vor dem jüdischen Gericht wurde er der Blasphemie für schuldig befunden, da er sich selbst als Sohn Gottes ­bezeichnet hatte. Vor dem römischen Gericht wurde er wegen Volksaufwiegelung verurteilt, weil er sich selbst als König bezeichnet – also durchaus eine politische Aussage machte – und Rom keinen König außer Caesar anerkannte. ­Seine Aufforderung Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist (Mk 12, 17), mag bewusst zweideutig gewesen sein. Sie beinhaltet jedoch auch, dass es Bereiche gibt, über die Gott der Herr ist und in die sich Caesar nicht einmischen darf.

Die ersten Christen sahen sich einem anhaltenden Konflikt zwischen Christus und Caesar gegenüber. Während des ersten Jahrhunderts legten die Kaiser einen zunehmenden Größenwahn an den Tag. Sie ließen Tempel zu ihren Ehren errichten und forderten göttliche Huldigung von ihren Unter­tanen. Diese Inanspruchnahme führte zwangsläufig zum direkten Widerspruch mit der Herrschaft Christi, den die Christen als König (Apg 17,7), ja sogar als Fürsten der Könige der Erde (Offb 1,5) verehrten. Pliny, der Anfang des zweiten Jahrhunderts Stadthalter von Byzanz war, schrieb in einem Brief an Kaiser Trajan, wie er die Christen, die er der Untreue verdächtigte, vor ­Gericht gebracht und nur zwei von ihnen freiließ, da sie ihm die Anrufung des Standbildes des Kaisers mit Wein und Weihrauch angeboten hatten. Wie konnten die Gläubigen jedoch sagen, dass „Caesar der Herr ist“, wenn sie vorher bereits bekannt hatten, dass „Jesus der Herr ist“? Sie gingen lieber ins Gefängnis und in den Tod, als die Herrschaft Christi zu leugnen.

Die Vergötterung des Staates endete nicht mit dem römischen Reich. Auch heute gibt es totalitäre Systeme, die bedingungslose Ergebenheit fordern, eine Ergebenheit, die ihnen Christen unmöglich entgegenbringen können. Die Jünger Jesu sollen den Staat respektieren, sie werden ihn jedoch weder anbeten, noch ihm die unkritische Unterstützung, die er begehrt, gewähren. Daraus folgt, dass Jüngerschaft manchmal auch Ungehorsam fordert. Tatsächlich handelt es sich bei dem zivilen Ungehorsam um eine biblische Lehre, da es in der Schrift bemerkenswerte Beispiele dafür gibt (2 Mose 1,15-17; 5 Mose 3 und 6; Apg 4,19; 5,29). Dieser Ungehorsam ist die logische Folge der Tatsache, dass Jesus der Herr ist. Das Prinzip ist klar, obwohl seine Anwendung Gewissens­qualen hervorrufen kann. Wir sollen uns dem Staat unterordnen, da er seine Autorität von Gott erhalten hat und seine Beamten Gottes Diener sind (vgl. Röm 13,1-7), jedoch nur bis zu dem Punkt, an dem der Gehorsam dem Staat gegenüber den Ungehorsam Gott gegenüber zur Folge haben würde. Wenn der Staat seine gottgegebene Autorität missbraucht und sich anmaßt, etwas anzuordnen, was Gott verboten hat, oder etwas zu verbieten, was Gott ausdrücklich geboten hat, dann müssen wir dem Staat gegenüber „nein“ sagen, damit wir „ja“ zu Christus sagen können. Petrus sagt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29), und Calvin formulierte: „Gehorsam gegenüber Menschen darf nicht zum Ungehorsam gegenüber Gott werden.“

Lassen Sie mich noch ein Beispiel aus Südafrika erwähnen. Hendrik Verwoerd, der 1957 Minister für Eingeborenenfragen war, kündigte damals den „Zusatzantrag zur Verfassung bezüglich der ­Eingeborenengesetze“ an, dessen „Kirchenordnung“ jeglichen Umgang zwischen den verschiedenen Rassen in „Kirchen, Schulen, Kranken­häusern, Clubs und irgendwelchen anderen Institutionen oder Vergnügungsstätten“ verhindert hätte. Der Erzbischof von Cape Town war zu jener Zeit ein freundlicher Gelehrter mit Namen Geoffrey Clayton. Er und seine Bischöfe beschlossen, obgleich nur ungern und mit Zögern, diesem Gesetz nicht zu gehorchen. Clayton schrieb einen Brief an den Ministerpräsidenten, um ihm mitzuteilen, dass er sich im Falle der Verabschiedung des Gesetzesentwurfes „weder in der Lage sieht, ihm gegenüber gehorsam zu sein, noch seiner Geistlichkeit oder der Bevölkerung zu empfehlen, dies zu tun“. Am folgenden Morgen verstarb er – vielleicht sogar an dem Kummer und den Strapazen seines angedrohten zivilen Ungehorsams. Nachdem der Gesetzesentwurf zum Nachteil der schwarzen Gläubigen ergänzt worden war, wurde in allen anglikanischen Kirchen ein Brief verlesen, der sowohl die Geistlichkeit als auch das Volk zum Ungehorsam aufrief.

6. eine globale Dimension

Das Bekenntnis „Jesus ist Herr“ beinhaltet die Anerkennung seiner universalen Herrschaft. Gott hat Jesus über alle Maßen erhöht (Phil 2,9), wie wir das griechische Wort hyperypsoō, das nur an dieser Stelle im Neuen Testament vorkommt und vielleicht sogar von Paulus geprägt wurde, am ­besten wiedergeben sollten. Es bedeutet, dass Gott ihn „auf die erhabenste Höhe“ erhoben hat. Die Absicht Gottes ist, dass jedes Knie sich vor ihm beugen und jede Zunge ihn als Herrn bekennen soll. Wir dürfen keinesfalls das wiederholte Wort „jede“ in irgendeiner Weise einschränken oder eingrenzen. Wenn es Gottes Wunsch ist, dass ­jeder Mensch Jesus erkennt, dann soll das auch unser Wunsch sein. Hindus sprechen vom „Herrn Krischna“ und Buddhisten vom „Herrn Buddha“, aber wir können diese Behauptung nicht akzeptieren. Allein Jesus ist der Herr. Er hat keine Rivalen.

Es gibt keinen größeren Ansporn für die Welt­mission als die Herrschaft Jesu Christi. Mission ist dabei weder eine unverschämte Einmischung in die Privatsphäre anderer Leute noch eine belanglose Angelegenheit, die einfach außer acht gelassen werden könnte, sondern eine unausweichliche Schlussfolgerung, die aus der universalen Herrschaft Jesu Christi resultiert. Das kurze Bekenntnis Kyrios Jesous, Jesus ist Herr, hörte sich zu Beginn recht harmlos an, aber es weist in seiner Bedeutung weitreichende Verzweigungen auf. Es drückt unsere Überzeugung aus, dass Jesus Gott und Erlöser ist, und weist uns auch auf unsere Hingabe an ihn hin.

Die verschiedenen Dimensionen dieser Hingabe sind intellektuell (indem wir unseren Verstand unter das Joch Christi stellen), moralisch (indem wir seine Maßstäbe akzeptieren und seinen Geboten gehorchen), haben mit Berufung zu tun (indem wir unser Leben für Gott einsetzen), sind sozial (indem wir darauf bedacht sind, die Gesellschaft mit seinen Werten zu durchdringen), politisch (indem wir es ablehnen, irgendeine menschliche Institution zu vergöttern) und global (indem wir für die Ehre und Herrlichkeit seines Namens eifern).

Von

  • John Stott

    (1921-2011), britischer Theologe und Pfarrer der Anglikanischen Kirche. Er gehörte zur evangelikalen Bewegung und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Lausanner Verpflichtung zur Weltevangelisation im Jahre 1974 beteiligt.

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