Keiner ist alles allein

Die Wurzel aller Menschlichkeit

„Alles auf Anfang“ – ein immer wieder gehegter Wunsch. Und doch so unerfüllbar … seit jenem Mal, als wirklich ein Anfang geschah. Der Anfang. Ein wahrer Anfang, ein unüberbietbarer und unwiederholbarer. Bereschit bara elohim – Im Anfang schuf Gott – das war der Auftakt zu allem, was wir Menschen überhaupt kennen und denken können. Alles begann mit Gott.

Gott schuf … –
der Anfang aller Anfänge

Der Anfang war ein Nichts. Und da war Gott! Nicht wir Menschen haben den Anfang gemacht, sondern Gott. Denn: „Schaffen im Sinne von ‚bara‘ kann allein Gott. (…) denn ‚bara‘ ist das neue, unerhörte Schaffen, ohne dass irgendetwas vorgegeben ist.“1 Und Gott macht nicht nur einen Anfang, er ist der Anfang! Dem Wort ‚bereschit‘ (im Anfang) liegt ‚rosch‘ zugrunde: Haupt, Ausgangspunkt. Der Anfang aller Anfänge liegt beim Ewigen – er ist der Auftakt aller Schöpfung. Es ist die Sehnsucht Gottes, sich mitzuteilen, die zur wortwörtlichen ausgesprochenen Tat wird. In Gottes Entschluss beginnt alle Geschichte – auch die von uns Menschen! Alles Zeitliche kommt aus dem Ewigen. Es gibt nichts Zeitliches ohne das Ewige. Gott ist der einmalige Ausgangspunkt und damit der bleibende Referenzpunkt. Auch und gerade für uns Menschen: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie (Gen 1,27f).

… den Menschen –
der Anfang unseres Lebens

Einer der großen Kirchenväter, Clemens von Alexandrien (150-215), sagte: „Der Mensch ist von Gott geschaffen worden, weil er um seiner selbst willen von Gott erwünscht ist.“2 Wir sind, weil Gott uns will – schlicht, aber tief wahr.

Niemand verdankt sein Leben sich selbst. Wir Menschen sind nicht einfach geworden, sondern geschaffen: creatio! Das Leben –  damals wie heute –  ist Gabe, eine Gabe Gottes, die seinem ausdrücklichen Willen entspringt. Bis heute wird uns Menschen das Leben anvertraut.

Der Mensch ist auch nicht einfach ein weiteres Säugetier. Im Gegenteil. Denn mit der Erschaffung des Menschen tritt etwas ganz Neues in Sicht: „Angedeutet wird das durch die feierlich ausholende Anrede Gottes an sich selbst: ‚Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde.‘ Es ist, als müsste der Allmächtige sich selbst erst ermutigen zu dem ganz Großen, dem ganz Wichtigen, das er vorhat (…).“3 Ja, wenn wir zur Welt kommen, sind wir schon wer – das Leben wurde uns geschenkt! Als Gabe, deren Reichtum es zu entdecken gilt!

Weil Gott die Menschheit wollte und bis heute jeden Menschen will, ist die Schöpfung von Anbeginn an auf Beziehung ausgerichtet.4 Gott will den Menschen als sein Gegenüber. „Der Mensch steht im vis-à-vis zu Gott.“5 Man könnte das mit dem Begriff „kommunikative Personalität“ umschreiben6. Gott will den Menschen als hör- und sprachfähiges Gegenüber. Deshalb konnte schon die frühe Kirche davon reden, dass wir Menschen nur „coram Deo“ leben können: nur vor Gott. Gerade in einer Zeit, in der alle Welt meint „coram publico“ – vor der Öffentlichkeit – leben zu müssen, ist dies gleichermaßen ein verpflichtendes wie entlastendes Wort. Ich bin nicht das Ebenbild meiner Mitmenschen und deren Urteile über mich – nicht das meines Erfolges oder Misserfolges – und nicht mal das meiner Eltern … ich bin und bleibe allein Gottes Ebenbild! Daraus erwächst mein „Ich“, so werde ich Person, ja Persönlichkeit – als vom Schöpfer angesprochenes Geschöpf. Denn: „Nicht nur die Schöpfung der Menschheit insgesamt, sondern auch die Entstehungsgeschichte des Einzelnen, ja des eigenen Lebens wird auf Jahwe als Kunstwerk seiner Hände zurückgeführt. Kein Mensch kann sich voll verstehen, wenn er sich nicht dessen bewusst bleibt, dass er von einem Vorgang herkommt, bei dem er ‚kein Mitspracherecht‘ hatte. Auch solche Einsicht führt zum Dialog des Menschen mit seinem Gott.“7

Davon ausgehend, dass wir Menschen allein im „coram Deo“ unser Leben empfangen, wollen wir einen Schritt weitergehen. Gen 1,27f schildert uns nicht nur die Erschaffung des Menschen, sondern enthält auch die drei urmenschlichen Grundfragen, denen sich jeder bis heute stellen muss: Wer bin ich? – Wie kann ich mit den anderen? – Wozu braucht es mich?

Es sind die grundlegenden Fragen nach meiner Identität, meiner Beziehungsfähigkeit und meinem Lebenssinn.

… zu seinem Bilde –
der Anfang unseres Seins

Wer sagt mir, wer ich bin? Wer darf und kann mir das in Wahrheit sagen? Mit dieser Antwort beginnt mein Sein – mit der Antwort auf meine tiefste, letzte und unumstößliche Identität. Karl Barth gibt einen Hinweis, indem er vom „Sein in der Begegnung“ spricht8. Die Begegnung mit dem Schöpfer formt das Geschöpf zu seiner eigent­lichen Identität, seinem eigentlichen Sein. Nochmals ein Satz der frühen Kirche: „Cognitio Dei – cognitio nostri.“ Also: in der Begegnung mit Gott finde ich zur Begegnung mit mir selbst! Ich mache mich mit Gott bekannt und lerne ihn kennen – ebenso mache ich mich mit mir selbst bekannt und lerne mich kennen. So lerne ich mich immer besser zu erkennen. Das ist Identität! Und daraus fließt das Sein!

Unsere letzte Bestimmung als Geschöpf ist deshalb beim Schöpfer zu suchen. Dort – im Verhältnis des Menschen zu seinem Gott – steckt der Schlüssel, um sich selbst zu verstehen und sich selbst zu deuten. Das Verständnis von Gott prägt zutiefst unser Selbstverständnis.

… als Mann und Frau – der Anfang
unserer Mit-Menschlichkeit

Nach der Frage nach dem Ich stellt sich die nach dem Wir. Meine Beziehungsfähigkeit sucht eine Antwort. Denn dort liegt auch die Wurzel aller Mitmenschlichkeit.

Hier wird ausdrücklich betont, dass der Mensch aus zweien besteht. Dahinter steckt, was unsere jüdischen Geschwister die „Dualität des Lebens“ nennen. Im Hebräischen entsprechen den Buchstaben auch Zahlenwerte. Dem Buchstaben „aleph“ entspricht die Zahl 1 – im personalen Bereich allein Gott zugedacht: er allein ist der eine-einzige, der unteilbare. Zum Menschen gehört „beth“ und damit die Zahl 2: Wir sind immer die aufeinander Angewiesenen und nur im Verbund Vollständigen. Alles Göttliche ist in sich komplett – alles Menschliche allein im Miteinander. Es gibt nicht den einen Menschen, die eine Meinung, die eine Kirche, usw. Stets sind wir die Geteilten, die nur miteinander ein Ganzes ergeben. Die jüdische Philosophie hat dies in den Satz geprägt: „In jedem Menschen steckt das Ganze, aber keiner ist alles allein.“ Der Mensch ist eben Mann und Frau in ihrer Verbundenheit! Hansjörg Bräumer weist darauf hin, dass im Schöpfungsbericht zwei unterschiedliche Wortpaare für diese Umschreibung verwandt sind: „Das Wortpaar ‚Mann und Frau‘ ist hebräisch hier nicht ‚isch‘ und ‚ischah‘, sondern ‚sachar‘ und ‚nekebah‘, ‚Männliches und Weibliches‘. Im ersteren überwiegt die Vorstellung des Paares, im zweiten die des sexuellen Unterschiedes“9. Dualität heißt eben auch Polarität – in ihrer vereinten Unterschiedlichkeit liegt das Ganze. „Erst Mann und Frau miteinander stellen einen ganzen und brauchbaren Menschen dar. (…) Gerade indem sie miteinander eins sind, sind sie Bild Gottes.“10 Und der emeritierte Papst erinnert daran, dass sich diese gegenseitige Verwiesenheit gerade in der Adam bei der Erschaffung von Eva zugefügten Wunde zeigt: „(…) die in uns vorhanden ist und die uns zum andern hinführt. (...) Der Mensch bedarf der Ergänzung. Er muss sich im andern suchen und finden.“11

Also: „Nicht Adam ist der Repräsentant des Menschen, sondern Adam im Miteinander mit Eva. (…) Beide, Mann und Frau, empfangen gemeinsam Segen und Auftrag.“12 Das führt uns zur dritten Frage, der nach dem Lebenssinn.

… und segnete sie –
der Anfang allen Lebenssinnes

Wozu gibt es mich eigentlich? Was denkt sich Gott mit meinem, mit unserem Leben? Gott gibt dem Menschen nicht einfach einen Auftrag, den er zu erfüllen hat. Er gibt weit mehr: einen Segen, der sich in meinem und durch mein Leben erfüllen will. Nichts, was ich einfach machen kann, sondern etwas, das Gott durch mich erfüllen will in dieser Welt. Die danach genannten Begriffe werden ansonsten im AT für königliches Herrschen gebraucht: „Königlich herrschen heißt zugleich bewahren, hegen und pflegen.“13 Und: „Sein Herrschaftsrecht und seine Herrschaftspflicht sind nicht autonom, sondern abbildhaft.“14 Sie kommen von Gott und weisen auf Gott hin – sie sind geprägt von Gottes fürsorglichem liebevollem Handeln an uns Menschen. Dies soll abgebildet und verwirklicht werden.

Der Anfang, der auf ein Ziel hinführt

„Alles auf Anfang“ – so habe ich begonnen. Dieser Wunsch ist auch deshalb so präsent, weil die Schöpfungsgeschichte ein Nachspiel hat, das bis heute wirksam ist: der Sündenfall. Danach ist nichts mehr wie es war. Die Schöpfung zeigt: wir sind gewollt und geschaffen – der Sündenfall: wir sind gefallen und bleiben doch geliebt – Karfreitag und Ostern: wir sind gesucht und gerettet – Pfingsten: wir sind lebensfähig, denn wir sind berufen und begabt – und der Hinweis auf die Ewigkeit: wir sind erwartet und sollen vollendet werden.

Otto Weber gibt zu bedenken: „Die natura hominis kann nur einer sehr ahnungslosen Vorstellung als etwas Unproblematisches erscheinen. Selbst die Aufklärung, in deren Umkreis diese Ahnungslosigkeit noch am ehesten geblüht hat, war in ihren bedeutenden Vertretern nicht so töricht, dass sie nicht die eigenartige Widersprüchlichkeit, Bruchstückhaftigkeit und Zerspaltenheit des Menschenwesens geahnt hätte (…).  Denn Gott ist eben auch der Schöpfer des gefallenen Menschen. (…) Ja, wir werden nie vergessen dürfen, dass die Bezeugung unserer Geschöpflichkeit das erste und dann auch wieder das letzte Wort und die Bezeugung unserer Sünde wirklich nur ein zweites und durchaus kein letztes Wort ist.“15

Dies alles weist auf die Vollendung des Anfangs hin. Unser Leben hat nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende. Im Neuen Testament wird dies mit dem Wort „telos“ umschrieben: Ziel, Vollendung. Wo Gott anfängt, gibt es auch ein Ziel – der Ausgangspunkt strebt einer Vollendung entgegen. Im Kirchenlied gesprochen: „Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild.“16 Niemand sieht unser Leben so brutal nüchtern wie unser Schöpfer. Und gleichermaßen sieht niemand unser Leben so herzlich hoffnungsvoll wie Gott. Er sieht, was aus uns werden kann, dass der gute Anfang – und siehe, es war sehr gut – zu einem guten Ende führt und Gottes Schöpfung sein Ziel erreicht!

Anmerkungen

  1. Hansjörg Bräumer, Das erste Buch Mose, Kapitel 1-11, Berlin 1986, S. 32
  2. Joseph Ratzinger Benedikt XVI., Gott und die Welt, Die Geheimnisse des christlichen Glaubens, Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 2000, S. 94
  3. Hellmuth Frey, Das Buch der Anfänge, Kapitel 1-11 des ersten Buches Mose, Die Botschaft des Alten Testaments Band 1, Stuttgart 8. Aufl. 1977, S. 17f
  4. Pöhlmann verweist auf Dietrich Bonhoeffer: „Das tertium comparationis der Gottebenbildlichkeit des Menschen besteht nicht in einer analogia entis, sondern in einer analogia relationis“. Also: Der Vergleichspunkt zwischen Gott und Mensch besteht nicht in einer Entsprechung im Sein, sondern in einer Entsprechung in der Beziehung. Horst Georg Pöhlmann, Abriss der Dogmatik, Gütersloh 19803, S. 165
  5. siehe Bräumer a.a.O., S. 51
  6. Ernst-Joachim Waschke, Untersuchungen zum Menschenbild der Urgeschichte, Ein Beitrag zur alttestamentlichen Theologie, Theologische Arbeiten Band XLIII, Berlin 1984, S. 22 und 33
  7. Hans Walter Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, Gütersloh 19946, S. 148f
  8. Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III,2; zitiert in: Otto Weber, Karl Barths Kirchliche Dogmatik, Ein einführender Bericht, Neukirchen-Vluyn 19189, S. 115
  9. Bräumer a.a.O., S. 53
  10. Wolff a.a.O., S. 145 und 237
  11. Ratzinger a.a.O., S. 69f
  12. Bräumer a.a.O., S. 54
  13. Bräumer a.a.O., S. 52
  14. Wolff, S. 235
  15. alle drei Zitate: Weber Dogmatik, S. 605, 609, 612
  16. EG 56,3: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen. Dieter Trautwein 1963

 

 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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