Herr, du rufst uns wie einst Abraham
immer wieder aus dem Gewohnten heraus zum Aufbruch.
Immer wieder trifft uns dein Ruf,
Gewohntes zu verlassen
und aufzubrechen.

Dein Ruf widerspricht oft
ganz unseren eigenen Überlegungen und Vorstellungen.

Stärke in uns das Vertrauen, deine Weisung zu verstehen und ihr recht zu geben.
Hilf uns in wacher Bereitschaft auf Dein Wort hin zu hören, zu glauben und neu zu beginnen.

Amen.   

Liebe Mitchristen

wer wagt, gewinnt! Wer neu anfangen will, braucht Mut, Entschiedenheit – und ein Ziel, für das es sich lohnt, Altbekanntes zurückzulassen und aufzubrechen in unbekannte Weiten. Und er braucht jemanden, der Rückendeckung und Rückenwind gibt. Jemanden, der durch seine Nähe eine Kraft schenkt, die wir uns selbst nicht geben können. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen (Apg 1,8). Diese Zusage Jesu gilt allen, die – verbündet mit ihm und seinem Geist – wagen, neue Schritte zu gehen. Diese Zusage macht es möglich, nach vorne zu sehen und nach vorne zu gehen ohne hundertprozentig zu wissen, ob es gelingt und wohin der Weg am Ende führen wird.

Dem Kirchenjahr folgend gehen wir auf Ostern zu. Und meine Gedanken gehen zurück. Fast 2000 Jahre ist es her: Jesus scharte seine Jünger um sich, verkündete das Reich Gottes und die Menschen strömten ihm nur so zu. Eine unglaubliche Bewegung setzte ein, alles schien möglich. Und dann: sein Tod am Kreuz. Man muss sich das vorstellen: Der, auf den alle ihre Hoffnungen setzten, schmählich hingerichtet, seine Anhänger verfolgt. Was für ein Ende! Voller Furcht flohen sie, verzweifelt und hoffnungslos. Aus der Traum einer neuen Welt! Doch Jesus lässt sie nicht allein: Er kehrt zurück, rüttelt sie auf, erinnert sie an ihren Auftrag. Die Botschaft muss sich verbreiten. „Menschenfischer zu werden“ war Jesu Auftrag an seine Gefolgsleute, Menschenfischer für den Vater und das Himmelreich.

Fürchtet euch nicht, seid mutig! Ich bin bei euch! Und ein Ruck geht durch die Jünger: Die, die gerade noch am Verzweifeln waren, verstreut in die entlegensten Winkel, machen sich auf den Weg, die Botschaft in die Welt zu tragen. Auf zu neuen Ufern! Der Geist Gottes ist über sie gekommen: Sie setzen die Segel, lassen Bekanntes hinter sich und verbreiten Jesu Wort mit einer Begeisterung, die vor nichts Halt macht.

Jesus ist ein Mensch auf dem Weg. Er ist der Weg. „Anhänger des Weges“, nicht „Anhänger des Zuhausebleibens“ sind die, die ihm nachfolgen. Gott ist ein Gott, der mitgeht, seit er die Menschen angesprochen hat. Er geht mit, er geht voraus und er geht hinterher. Er sucht, was verloren ist. Er bricht die äußere Schicht auf und sieht tief in die Seele des Menschen, dahinein, wo er verloren, allein, hoffnungslos ist. Dort, wo des Menschen Leben verkümmert ist, tritt er ein, wirbt, lockt und ermutigt, das Falsche zurückzulassen, neu anzufangen und den neuen Weg mit ihm zu gehen.

Für mich ist dieses ein Jahr neuer Aufbrüche – mit meinem Eintritt ins Rentenalter mache ich mich nach Ostern auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Ich fühle mich dahin gerufen und will mich innerlich vorbereiten auf die vor mir liegende neue Lebensphase: betend und überlegend zu bewegen, was Christus mit mir künftig vorhat und wie er mit seiner Botschaft in meinem Leben und Auftrag weiterhin zum Klingen kommen kann. „Altwerden ist ein herrlich Ding, wenn man gelernt hat, was anfangen heißt“, so heißt es in der ‚Grammatik‘ unserer Gemeinschaft. Der Ruf Gottes „Auf zu neuen Ufern“ ergeht an jeden Menschen in jeder Lebensphase. Neue Wege, Neues wagen, das ist keine Besonderheit eines bestimmten Menschentyps. Sich zurücklehnen und sagen „Na, dann schau'n wir mal, was sich so tun wird!“, geht nicht. Nein, wir alle sind angesprochen, im Rahmen unserer Möglichkeiten aufzubrechen.

In diesem Heft erzählen die Autoren von Wagnissen, die sie selbst eingegangen sind, oder von Menschen, deren Initiative und vertrauende Einstellung sie nachdenklich gemacht haben und dann für andere zum Anstoß wurden, ebenfalls Neues zu wagen. Vielleicht ist auch ein „Anstoß“ für Sie dabei? Gerade jetzt?!

Für Lotsen, die anderen helfen, Gott zu finden, bleibt das eine spannende Herausforderung: Nicht auf andere warten, sondern selbst Anstöße geben! Erzählen wir von Gott, erzählen wir mit Begeisterung von ihm, und behalten wir auf dem Weg zu neuen Ufern Jesu letzter Zusage im Ohr: Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,18). Auch wenn um uns her von Katastrophen und Untergängen die Rede ist, kann Gott nie ein Gott des Endes sein. Er gewährt immer Anfänge. Seine Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu (vgl. Klgl 3,23). Und Glauben heißt nichts anderes, als dass man darauf sieht.

So lassen Sie uns bis zuletzt gemeinsam jeden Tag neu mit Gott beginnen und immer wieder ein Leben nach dem Willen Gottes anfangen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Weg: Buen Camino!

Herzlich grüßt Sie mit dem Redaktionsteam,
Ihr

Rudolf M. J. Böhm
Greifswald, den 12. März 2020

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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