Was steht auf deiner Stirn geschrieben?

Nach 18 Jahren in Costa Rica kamen wir im Juli 2014 direkt nach Reichelsheim auf das Schloss. Meine Frau und ich hatten mittlerweile die fünfzig knapp überschritten, und wir wurden nicht über eine Stellenanzeige auf die OJC aufmerksam, sondern weil wir den Rückhalt einer Gemeinschaft suchten. Die ersten fünf Monate durften wir einfach nur da sein, ohne Verpflichtung und ohne Aufgabe innerhalb der OJC.

Urwald ist nicht gleich Odenwald

Meine Aufgaben in Costa Rica waren sehr vielfältig gewesen. Neben der Schulleitung im Ausbildungszentrum für Indigene war ich in allerhand praktischen Bereichen tätig: Wartung von elektrischen Geräten, Waschmaschinen, Kopierern, Haushaltsgeräten. Traktorarbeiten, Wegebau, Wasserversorgung, Fuhrpark und die Ausbildung in Mechanik für die Indigenen gehörten zu meinem umfangreichen Spektrum. Besuche bei den indigenen Schülern, Koordination von Kleinprojekten in den angrenzenden Ländern Nicaragua und Honduras sowie die letzten beiden Jahre in der Gesamtleitung der Ausbildungsstation forderten mir organisatorisch und zwischenmenschlich viel ab.

Und plötzlich Reichelsheim – ganz ohne Verantwortung und Aufgabe. Niemand kannte mich wirklich und tatsächlich stand nicht mehr auf meiner Stirn „Bernhard kann alles“.  Nein, auf meiner Stirn zeigten sich nur Falten. Das war wie sterben.

  „Den Hammer hält man so…!“

Nach den fünf Monaten wurde ich mit viel Geduld und hoher Kompetenz von einem langjährigen Mitarbeiter in die Arbeit der Haustechnik und die Pflege der schönen Schlossanlage eingeführt. Da dieser Mitarbeiter über viele Jahre in der Regel mit den Freiwilligen (frisch von der Schulbank) zusammenarbeitete, war er gewohnt, wirklich sehr gut zu erklären und keine Details auszulassen. Dadurch erlernen unsere jungen Leute Schritt für Schritt selbständiges Handeln und gewinnen so Selbstvertrauen.

Ich hingegen wurde immer unsicherer, zweifelte und schwankte zwischen: „Nein, so lass ich mich nicht behandeln!“ und: „Ich weiß eigentlich gar nichts“, nicht einmal, wie man einen Hammer hält. Und tatsächlich genau dann unterliefen mir Fehler wie nie zuvor. (Schöne Pflanzen fielen dem Rasenmäher zum Opfer, beim Ölwechsel wurde das falsche Öl abgelassen, usw.)  Es dauerte seine Zeit, bis ich die Rolle des Lernenden annehmen konnte. Mir wurde bewusst, Urwald ist nicht gleich Odenwald. Nach und nach konnte ich meinen Standesdünkel bei Jesus ablegen, dem ich in dieser Phase, vielleicht mehr als sonst, in den Ohren lag. Es war ein echter Neuanfang, und das mit über fünfzig.

Zum guten Schluss

In dieser schwierigen Zeit erlebte ich genau das, was mich letztendlich auch dazu bewog, für immer in die Gemeinschaft einzutreten. Fehler werden gerne verziehen. Ich bin als Person wichtig. Wertschätzung und Wohlwollen stehen über allem, ein Nährboden für neues Leben und schöpferisches Gestalten. So konnte ich viel Neues erlernen und eigene Fähigkeiten und bereits Erlerntes einbringen, oder anders gesagt, den Urwald in den Odenwald transponieren.

Auf meiner Stirn sind immer noch Falten… Lachfalten.

Von

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