Ein unfreiwilliger Neuanfang

Von Afghanistan in die Schweiz

Als ich Sami kennenlernte, war er schon zwei Jahre in der Schweiz. Flüchtling aus Afghanistan. Sein Vater und sein Cousin waren von den Taliban getötet worden. Er hatte heimlich angefangen, die Bibel zu lesen und war von der Person Jesu ganz fasziniert. „Nie habe ich solch eine Freiheit gespürt wie bei Jesus,“ bekennt er. „Bis dahin hatte ich Religion nur als Zwang und Unterdrückung erlebt.“ Freunde hatten ihn wegen solch kritischer Aussagen bei den Mullahs angezeigt. Als die Sittenpolizei vor der Tür stand und ihn abholen wollte, musste er Hals über Kopf durch die Hintertür fliehen. „Ich stamme aus einer wohlhabenden Familie und hätte meine Heimat nicht freiwillig verlassen,“ erzählt er, „und ich wusste überhaupt nicht, wohin mein Weg führen würde“.

Eine gefährliche Flucht

Die Flucht war lebensgefährlich. Sami hatte oft nichts zu essen oder zu trinken, schlief im Freien, hatte Zweifel und Ängste. Und doch erlebte er immer wieder wunderbare Durchhilfe. „Ich habe die Gegenwart Jesu auf der Flucht immer wieder ganz konkret gespürt,“ berichtet er. „Er war mein Helfer in der Not.“ Als das überfüllte Schlauchboot kurz vor der griechischen Küste kenterte, konnte er an Land schwimmen und dabei einer Mutter mit ihrem Kind helfen, das Ufer zu erreichen: „Es war ein schrecklicher Moment, ich hatte große Angst, aber spürte in mir auch eine große Liebe zu den Schwächeren, die Hilfe brauchten.“

Ein freundlicher Wink

Samis Ziel war Deutschland. „Man hörte viel Gutes über die Deutschen, ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit.“ Aber es kam anders. Der Schweizer Grenzbeamte, der ihn im Zug ansprach, fragte, was er denn hier suche. „Freiheit und Sicherheit,“ antwortete Sami. „Das findest du bei uns in der Schweiz,“ antworte der junge Polizist. So landete Sami, anders als geplant, in der Schweiz. Zunächst in einem Sammellager in den Bergen, später in einem großen Asylzentrum. „Ich habe mich nützlich gemacht,“ erzählt Sami, „bin früh aufgestanden, habe in der Küche geholfen und bin wegen meiner Zuverlässigkeit zum stellvertretenden Küchenchef aufgestiegen.“ Und er lernte mit großem Eifer Deutsch.

Ein schwieriger Start

Dann wurde Sami unserem Ort als Asylbewerber zugeteilt. Er bekam einen Platz in einer Wohnung zusammen mit anderen afghanischen Flüchtlingen. Alles Muslime. Es war nicht einfach, auf engstem Raum mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Lebenseinstellungen leben zu müssen. Die Konflikte waren vorprogrammiert, das Leben für ihn fast unerträglich. „Das Geld war knapp, ich kannte niemanden, im Haus gab es Stress und ich ging oft den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer. Ich hatte Alpträume und große Angst, in eine Depression abzustürzen.“

Ein unerwarteter Besuch

Eines Tages klingelte es an der Haustür. Als Sami öffnete, stand dort eine Frau aus unserer Kirchgemeinde, die ein fürsorgliches Herz für Flüchtlinge hatte. „Ich wollte Sie bei uns willkommen heißen,“ sagte sie und brachte als Willkommensgeschenk einige Lebensmittel mit. Sami lud sie nach afghanischer Sitte zu einer Tasse Tee ein. „Sie hatte so eine gütige Ausstrahlung, dass mir gleich das Herz aufging.“ Es entwickelte sich eine herzliche Beziehung. Er wurde immer wieder zum Essen eingeladen und zum interkulturellen Bibelgespräch, das in jenem Haus regelmäßig stattfand. Sami lernte die Bibel besser verstehen und entdeckte die Botschaft des Evangeliums. Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch Jesus Christus, unseren Herrn (1 Thess 5,9). Regelmäßig kam er zu uns in den Gottesdienst.

Ein bewegender Neubeginn

„Da ist ein afghanischer Flüchtling, der möchte sich taufen lassen,“ berichtete mein Pfarrkollege im Konvent. „Wer kümmert sich darum?“ So kam ich intensiv ins Gespräch mit Sami. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte und hatte den Wunsch: „Ich möchte das bisherige Leben ausziehen wie ein altes Kleid und ein neues Leben beginnen, mit Jesus Christus als meinem Herrn.“ Deshalb wünschte er sich auch einen neuen Namen, einen Taufnamen. Es war ein besonderer Gottesdienst – mit drei Taufen: ein Baby, eine Zehnjährige und der 28-jährige Sami. Vor der ganzen Gemeinde legte er ein persönliches Zeugnis ab: „Jesus ist das Licht der Welt. Und in diesem Licht möchte ich von nun an leben.“ Die Gemeinde war tief bewegt und hat ihn bis heute ins Herz geschlossen.

Eine hoffnungsvolle Zukunft

Auch für mich hat damals etwas Neues begonnen. Sami hat sich nämlich gewünscht, dass ich sein Pate werde. Ich habe zunächst gezögert, aber daraus hat sich mit der Zeit eine tiefe Freundschaft entwickelt. Ich darf sein Leben begleiten und fördern, und er hat mein Leben bereichert und verändert. Heute sagt Sami, ich sei eine Art „Ersatzvater“ geworden. Wir können sehr offen über Vieles reden und ermutigen uns gegenseitig im Glauben. Inzwischen hat Sami seinen Asylbescheid bekommen und den Einstieg ins Arbeitsleben geschafft. Er hat eine eigene kleine Wohnung und eine Freundin. Als ich ihn damals im Taufgespräch fragte: „Was sind denn deine Wünsche ans Leben?“, hat er geantwortet: „Ich möchte in Frieden und Freiheit leben, meinen Lebensunterhalt selber verdienen und einmal eine Familie gründen.“ Was Gott in uns angefangen hat, das wird er auch ans Ziel bringen.

Der Name wurde aus Personenschutzgründen geändert.

Von

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