Ganz schön verrückt – und bunt!

Aus der Feiertagstracht hinein ins Land der Farben

Nach dem Abitur begann ich eine Ausbildung zur Krankenschwester. Wunderbar: ein Beruf, in dem man ab dem ersten Ausbildungstag ein bisschen Geld verdient und überall in der Welt Menschen in Not beistehen kann!

Leider wurde ich nach dem Examen selbst so krank, dass ich der anstrengenden körperlichen Arbeit vorerst nicht mehr gewachsen war. Meine Schwesternschaft versorgte mich, damit ich ihnen nicht nur auf der Tasche lag, mit diversen Aufgaben: Geschenkpapier bügeln, den Seniorinnen Kaffee einschenken, Silberbesteck putzen.

Anlauf nehmen

In dieser Zeit gewann die immer schon vorhandene Sehnsucht, vielleicht doch ein bisschen mehr Lebenszeit mit der Kunst verbringen zu können, großen Raum. Ich bewarb mich drei Jahre lang bei verschiedenen Hochschulen, erhielt jedoch immer Absagen. Bei der letzten aus der Stuttgarter Akademie beschloss ich, mich auf das Kleingedruckte im Absagetext zu beziehen und legte Widerspruch ein.

Die Zeit der Prüfungen kam. Ich versuchte, nicht daran zu denken.  Irgendwann klingelte morgens das Telefon. Ja, man habe sich gedacht, für das Fach Kunsterziehung könnte es ja gerade noch reichen. Ich könne die Aufnahmeprüfung machen.

Ich war so verdutzt, dass ich meinen Friseurtermin erwähnte, der zur gleichen Zeit anstand.

„Hören Sie, es geht um die Wurst!“ rief der Professor ins Telefon, und ja, ich habe den Friseur mit Freude abgesagt und die Prüfung gemacht und bestanden. Dass man mich sehr von oben herab ansah und mich spüren ließ, dass dies noch nie vorgekommen sei und eine besondere Gnade trotz meiner, wie man fand, nur marginalen Begabung, hat mich gar nicht gestört.

Offene Türen

Jetzt war die Tür zu einem Ort offen, an den ich mich so lange gewünscht hatte. Ich kam mir ziemlich alt vor mit meinen 26 Jahren damals und ins andere Extrem hinein katapultiert: aus der Feiertagstracht mit Haube und preußischer Gesetzlichkeit hinein in ein Land der Farben, Linien, unendlichen Möglichkeiten und dicken Schichten von Farbspritzern auf dem Boden. Was für ein Fest! Und noch heute bin ich rundherum glücklich darüber!

Und wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich danach noch Medizin studieren und all meine wunderbaren Berufe zu einer Rundung zusammenbinden könnte, hätte ich ihn vermutlich für verrückt erklärt. Aber so bin ich einfach Gott unendlich dankbar dafür.

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