Augen auf

Nikodemus trifft Jesus

Auf den Straßen und in den Synagogen Galiläas wenden sich Menschen Gott zu – überrascht durch das Reden und Handeln des jungen Rabbi Jesus. Viele werden an Leib und Seele gesund. Mit seiner Botschaft: „Vertraut Gott. Er ist euch ganz nah“, ist er im verachteten Galiläa unterwegs. Wo immer er hinkommt, schöpfen die Menschen Hoffnung, dass Gott sie nicht vergessen hat.

Die geistlichen Führer des Volkes dagegen werden nervös und fragen sich: „Wer ist dieser Mann? Und woher hat er sein Wissen und seine Vollmacht? Und wie können wir ihn kontrollieren, damit uns die Führung über das Volk nicht entgleitet?“

Und so delegieren sie einen aus ihren Reihen. Der soll das Gespräch mit ihm suchen.

Nikodemus ist ein religiöser Mann und ein „Oberer“, ein Verantwortungsträger im Hohen Rat. Ein Mann, der das Gesetz nicht nur in und auswendig kennt, sondern es mit aller Kraft und Anstrengung umsetzen will. Einer, der es ganz genau nimmt und dessen Ziel es ist, Gott zu gefallen mit einem perfekten Leben. Ein Pharisäer eben.

Im biblischen Zeugnis steht nicht genau, wie alt Nikodemus war, aber wir können annehmen, dass er ein älterer und erfahrender Mann war, berufen in die religiöse und politische Führung seines Volkes. Dazu war ein bestimmtes Alter notwendig. 

Nikodemus trifft Jesus

Warum bei Nacht? Bei Nacht (Joh 3,2) bedeutete nicht, ihn heimlich zu treffen, um von niemandem gesehen zu werden. Bei Nacht wurden vielmehr, nach jüdischer Sitte, die Gelehrtengespräche geführt. Bei Nacht war man auch weniger gestört durch Gäste, die zu bewirten waren, durch Aufgaben und Pflichten oder durch laute Geräusche, die das Leben ausmachten. Bei Nacht war Ruhe und Zeit. 

Auch Jesus hat wichtige Gespräche mit seinen Jüngern bei Nacht geführt. Einmal sagt er zu ihnen: Was ich euch in der Finsternis (in der Nacht) sage, das redet im Licht (am Tag) (Mt 10,27). Also: Erzählt draußen, was ihr im Jüngerkreis von mir bei Nacht gehört habt.

In so einem Lehrgespräch wurden Fragen gestellt und Themen von allen Seiten erörtert, – auch durchaus konträr. Argumente und unterschiedliche Sichtweisen waren erlaubt und erwünscht.

Im Gelehrtengespräch zwischen Nikodemus und Jesus geht es darum, welche Menschen wohl in das Reich Gottes kommen werden. Nikodemus ist überzeugt, Jesus ist ein großer Lehrer, von Gott gesandt, der alles richtig macht und der mit Vollmacht sagen kann, wer hineinzukommen verdient und wer nicht. Jesu Antwort ist eine steile These: Nur wer neu geboren wird, kann überhaupt Gottes Handeln erkennen und in sein Reich hineinkommen!  Nikodemus fragt zurück: Was willst du denn damit sagen? Wie kann man denn neu geboren werden, wenn man schon alt ist? Soll ich vielleicht noch einmal in den Mutterbauch kriechen? Nein, sagt Jesus, diese Neugeburt geschieht durch Wasser und Geist (Joh 3,1-21).

Wasser trifft Geist

Nikodemus hört, dass Menschen nur menschliches Leben und menschliche Gedanken hervorbringen können und somit jede Anstrengung, ­alle Gebote zu halten, bruchstückhaft und unvollkommen sein wird. Nur Wasser und Geist ermöglichen die neue Existenz.

Wasser und Geist waren in der jüdischen Tradition die Elemente des Lebens schlechthin. Schon ganz am Anfang wird berichtet, dass der Geist Gottes über den Wassern schwebte und dass Gott durch den Geist neues Leben aus dem Nichts schuf. 

Wasser, das wusste Nikodemus, war auch zur Reinigung da, zum Abwaschen der Sünden, der „Ausrutscher“ und der verpassten Ziele, so wie Johannes das am Jordan gepredigt hatte und wie es uns heute noch in jeder Taufe zugesprochen wird. 

Und der Geist? Der Geist schafft Neues. Der Geist Gottes spricht uns zu, wer wir in seinen Augen sind: Seine geliebten Söhne und Töchter, an denen er Freude hat. So hatte es Jesus selbst erfahren (Lk 3,22).

Von

  • Hermann Klenk

    Architekt und Liturg der OJC-Gemeinschaft. Er ist verantwortlich für den Bau des Mehrgenerationenhauses und gehört zum Gottesdienstteam.

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