Mir ist ganz und gar nicht nach Abschied zumute!

Letzte Worte an Freya

Vor den dunklen Schatten der Kriegsverbrechen, die der Unrechtsstaat der Nazis immer unverfrorener ausübt, bildet sich ab 1940 um Helmuth James Graf von Moltke die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises. Es ging ihnen darum, sich auf die demokratische Neuordnung Deutschlands nach dem Tag X vorzubereiten. Aus ihrem christlichen Selbstverständnis leiteten sie ihre Forderungen ab: Garantie der Glaubens- und Gewissensfreiheit, Brechung des totalitären Gewissenszwanges und Anerkennung der unverletz­lichen Würde der Person.

Für das Festhalten an diesen fundamentalen Menschenrechten hat er einen hohen Preis bezahlt. Im Januar 1944 wird Moltke festgenommen und zum Tode verurteilt. Das Bekenntnis zum Christentum ist das eigentliche Verbrechen, die Entscheidung zwischen Gott und Abgott. Moltke selbst sieht darin, dass der Auftrag, für den Gott ihn gemacht hat, erfüllt ist. In den bewegenden „Letzten Briefen“ gibt er seiner Frau Freya Anteil an seinen letzten Stunden. Sie bejaht seinen Weg von Anfang bis Ende und sagt später, dass sie immer gedacht habe, „dass sein Opfer nützlich war“. – Den folgenden Auszug haben wir entnommen aus: Helmuth James Graf von Moltke, Letzte Briefe, 13. Auflage, Verlag Henssel, Berlin 1983 (gekürzt).

Mein liebes Herz,

zunächst muss ich sagen, dass ganz offenbar die letzten 24 Stunden eines Lebens gar nicht anders sind als irgendwelche anderen. Ich hatte mir immer eingebildet, man fühle das nur als Schreck, dass man sich sagt: nun geht die Sonne das letzte Mal für Dich unter, nun geht die Uhr nur noch zweimal bis zwölf, nun gehst Du das letzte Mal zu Bett. Von all dem ist keine Rede. Ob ich wohl ein wenig überkandidelt bin? Denn ich kann nicht leugnen, dass ich mich in geradezu gehobener Stimmung befinde. Ich bitte nur den Herrn im Himmel, dass Er mich darin erhalten möge, denn für das Fleisch ist es sicher leichter, so zu sterben.         
Er hat mich die zwei Tage so fest und klar geführt: der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht; es war wahrlich so, wie es in Jesaja 43,2 heißt: Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. – Nämlich deine Seele. …

Dein Mann, Dein schwacher, feiger, „komplizierter“, sehr durchschnittlicher Mann, der hat das erleben dürfen. Wenn ich jetzt gerettet werden würde – was ja bei Gott nicht wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher ist als vor einer Woche, so muss ich sagen, dass ich erst einmal mich wieder zurechtfinden müsste, so ­ungeheuer war die Demonstration von Gottes Gegenwart und Allmacht. Er vermag sie eben auch zu demonstrieren, und zwar ganz unmissverständlich zu demonstrieren, wenn er genau das tut, was einem nicht passt. Alles andere ist Quatsch. …

Ich sollte wohl von Dir Abschied nehmen – ich vermag’s nicht; ich sollte wohl Deinen Alltag bedauern und betrauern – ich vermag’s nicht. Ich sollte wohl der Lasten gedenken, die jetzt auf Dich fallen – ich vermag’s nicht. Ich kann Dir nur eines sagen: wenn Du das Gefühl absoluter Geborgenheit erhältst, wenn der Herr es Dir schenkt, was Du ohne diese Zeit und ihren Abschluss nicht hättest, so hinterlasse ich Dir einen nicht konfiszierbaren Schatz, demgegenüber selbst mein Leben nichts wiegt. …

Wie gnädig ist der Herr mit mir gewesen! Selbst auf die Gefahr hin, dass das hysterisch klingt: ich bin so voll Dank, eigentlich ist für nichts anderes Platz.

Ich denke mit ungetrübter Freude an Dich und die Söhnchen, an Kreisau und all die Menschen da; der Abschied fällt mir im Augenblick gar nicht schwer. Vielleicht kommt das noch. Aber im Augenblick ist es mir keine Mühe. Mir ist ganz und gar nicht nach Abschied zumute. Woher das kommt, weiß ich nicht. – Jetzt sagt mein Inneres: a) Gott kann mich heute genauso dahin zurückführen, wie gestern, und b) und wenn er mich zu sich ruft, so nehme ich es mit. – In einem Liede heißt es: „Denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.“ Genauso fühle ich mich. Ich muss, da ich heute lebe, mich eben lebend zu ihm halten; mehr will er gar nicht. Ist das pharisäisch? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber zu wissen, dass ich nun in seiner Gnade und Vergebung lebe und nichts von mir habe oder von mir vermag. …

Ich habe ein wenig geweint, eben, nicht traurig, nicht wehmütig, nicht, weil ich zurück möchte, nein, sondern vor Dankbarkeit und Erschütterung über diese Dokumentation Gottes. Uns ist es nicht gegeben, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, dass er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und bei Nacht als Feuersäule vor uns hergezogen ist, und dass er uns erlaubt, das plötzlich, in einem Augenblick zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen. …

Mein Herz, mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und ­lebenssatt. Das ändert nichts daran, dass ich gerne noch etwas leben möchte, dass ich Dich gerne noch ein Stück auf dieser Erde begleitete. Aber der Auftrag, für den Gott mich gemacht hat, ist erfüllt. Will er mir noch einen neuen Anfang geben, so werden wir es erfahren. Darum strenge Dich ruhig an, mein Leben zu retten, falls ich den heutigen Tag überleben sollte. Vielleicht gibt es noch einen Auftrag.

Ich höre auf, denn es ist nichts weiter zu sagen. Ich habe auch niemanden genannt, den Du grüßen und umarmen sollst. Du weißt selbst, wem meine Aufträge für Dich gelten. Ich aber sage Dir zum Schluss, kraft des Schatzes, der aus mir gesprochen hat und der dieses bescheidene irdene Gefäß erfüllt: Die Gnade unseres Herren Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Von

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