Mit Heimweh daheim

Im Warten auf Erfüllung

Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Philipper (3,20): „Unsere Heimat ist aber der Himmel“. Das Wort „Himmel“ wird heute vielfach nur noch in diesseitigen Bezügen gebraucht. Da ist die Rede von einem „himmlischen Essen“ oder einem „himmlischen Vergnügen“; Verliebte versprechen sich „die Sterne vom Himmel“ zu holen und sich einander „den Himmel auf Erden“ zu bereiten, usw. Aus dieser verweltlichten Sicht des Himmels ist vermutlich auch die lächerliche Vorstellung entstanden, im jenseitigen Himmel geht es um nichts anderes als um endloses Harfengeklimper. Doch die letzte Wirklichkeit, die uns nach diesem Erdenleben erwartet, ist das ewige Heil, das selige Leben ohne Ende, die ewige Herrlichkeit, unsere Wohnstätte bei Gott im Himmel. Das, was wir uns als erfüllendes Glück wünschen und suchen, das werden wir auf dieser Erde letztlich nur schatten- und bruchstückhaft vorfinden. Unsere tiefste Sehnsucht wird erst dann ganz gestillt, wenn wir das Angesicht Gottes schauen. So ist es uns von Gott verheißen. Und bis zum Ende unseres Lebens ist die Zeit der Erfüllung dessen, was uns verheißen wurde. Wenn wir schließlich dort angelangt sind, werden wir nichts mehr suchen, nichts mehr verlangen. Grund genug also, sich schon zu Lebzeiten mit dem Himmel, dem Ort ewiger Seligkeit, zu beschäftigen. Denn ewiges Leben ist die großartigste Perspektive, um dieses Leben zu meistern. Mit der Aussicht und Vorfreude, dass ich einmal erreiche was ich mir ersehne, kann ich meinen gesamten Alltag positiv umkrempeln, die richtigen Prioritäten setzen, ja selbst in bedrängenden und leidvollen Situationen gelassen und hoffnungsvoll bleiben. „Auf jedem noch so schweren Weg schau ich auf das, was nie vergeht“, heißt es in dem modernen Lobpreislied „Ewigkeit“1.

Was bedeutet das eigentlich: „Ewigkeit“? Es gibt Augenblicke, in denen wir plötzlich spüren: Ja, das wäre es eigentlich – das wahre „Leben“ – so müsste es sein. Daneben ist das, was wir alltäglich „Leben“ nennen, gar nicht wirklich Leben. Wir möchten irgendwie das Leben selbst, das eigentliche, das dann auch nicht vom Tod berührt wird; aber zugleich kennen wir das nicht, wonach es uns drängt. Wir können nicht aufhören, uns danach auszustrecken, und wissen doch, dass alles das, was wir erfahren oder realisieren können, dies nicht ist, wonach wir verlangen. Das Wort „ewiges Leben“ versucht, diesem unbekannten Bekannten einen Namen zu geben.

Mein eigenes Leben vom Ende her zu denken, dafür hat mir meine Großmutter den Grund gelegt. Ich erinnere mich, dass diese tiefgläubige Frau ein großes Heimweh nach dem Himmel hatte. Oft betete sie: „In den Himmel möchte ich kommen, das habe ich mir vorgenommen, mag es kosten was es will, dafür ist mir nichts zu viel.“ Sie malte uns Kindern aus, wie schön es einmal im Himmel sein werde. Ich habe ihr dabei jedes Mal staunend und fasziniert zugehört: „Oma, komme ich auch in den Himmel?“ Ihre Antwort beruhigte mich. Ein noch weitgehenderer Blick auf die Ewigkeit wurde mir geschenkt als ich im Alter von acht Jahren auf meine erste heilige Kommunion vorbereitet wurde. Für mich unvergesslich prägte meine Großmutter mir ein: „Schau, wenn der Priester die Hostie hochhält und spricht: ‚Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt‘, dann schaust du in den Himmel, wo Jesus für immer als das Lamm gepriesen und verehrt wird. Und wenn Du dann zur Kommunion gehst, dann wird Dein Herz zu einem Ort des Himmels.“ Mein erstes Kindergebet lautete: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, darf niemand drin wohnen als Jesus allein.“ So ganz rein war mein Herz mit acht Jahren allerdings nicht mehr. Gereinigt vom Schmutz meiner Sünden wurde es in meiner ersten Beichte am Vortag des großen Festtages. So ging mein Erwarten ganz auf in der wunderbaren Vorstellung, dass Jesus beim Empfang der Kommunion genügend Platz in meinem Herzen vorfinden und sich bei mir wohl fühlen wird. In meiner Pubertätszeit, die gleichzeitig mit dem Beginn der berühmt-berüchtigten „68er“ einsetzte, gewannen vorübergehend ganz andere Einflüsse in meinem Herzen die Oberhand. Der bis dahin mich noch prägende Einfluss meiner Großmutter wich meiner eigenen Suche nach Glück und Lebenssinn. Mitten im Lebensübermut hörte ich Paul McCartneys „When I’m sixtyfour” und wurde von einer anderen Seite mit der Endlichkeit des Daseins konfrontiert. Erst als ich vor 43 Jahren heiratete, brachte sie den Himmel erneut ins Spiel, als sie in den Tagen vor der Hochzeit zu mir sagte: „Als Verheiratete habt ihr die Aufgabe euch gegenseitig in den Himmel zu helfen!“ Worauf es dabei ankommt, haben wir im Laufe unseres Ehelebens mühsam zu verstehen und inzwischen gut gelernt. Vier Jahre nach unserer Hochzeit starb meine Großmutter und ich durfte sie bei ihrem Heimgang begleiten und ihr bis zu ihrem letzten Atemzug nahe sein. Am Abend vor ihrem Heimgang hatte sie noch einen letzten Wunsch. Sie bat mich, dass ich mit ihr noch einmal den Auferstehungs-Rosenkranz bete, wie ich es schon als Kind von ihr gelernt hatte. Ich erfüllte ihr diesen Wunsch, wenn auch nur formal. Erst später erkannte ich, dass sie mir dabei ein geistliches Vermächtnis hinterlassen hatte, das erst 19 Jahre später - ausgelöst durch einen schweren Schlaganfall - zur Auswirkung kommen sollte. Gerade „dem Tode entronnen“ fühlte ich plötzlich ein unsagbar großes Heimweh nach der Kirche, in der Gott mir einmal so nahegekommen war, v. a. in der Eucharistie und den vertrauten Gebeten meiner Kindheit. Ohne eigene Absicht und ohne mein geringstes Zutun ließ Gott diese in meiner Seele versunkene Himmelssehnsucht wieder emporsteigen, die bis heute nicht mehr aufgehört hat und mein Leben derart bestimmt, dass ich mich auf dieser Welt nur noch ‚mit Heimweh daheim‘ fühle. Vielleicht hört sich das an als sei ich weltflüchtig geworden, aber so ist es keineswegs. Ich habe nicht aufgehört, mich an Gottes Welt zu erfreuen und sie zu genießen. Aber zugleich kann ich die vielen Hinweise nicht übersehen, dass sie nicht unsere eigentliche Heimat ist, dass es noch eine bessere Welt jenseits ihrer Grenzen gibt, dass man es wagen darf, darauf zu hoffen, diese bessere Welt einmal zu betreten und zu bewohnen.

Von den letzten Dingen

Die Theologie verweist in diesem Zusammenhang auf das sogenannte eschatologische Element des christlichen Daseins. Die „Eschata“ - die „letzten Dinge“: Tod, Auferstehung, Gericht und Ewigkeit stehen nicht bloß am Ende, sondern wirken in den ganzen Verlauf des Vorausgehenden herein. Das bedeutet, dass sich nicht zuerst das irdische Dasein vollzieht, dann der Tod folgt, und nach diesem das Ewige beginnt, sondern schon jetzt, in der Zeit, Ewigkeit ist. Wenn Paulus sagt „Unsere Heimat ist im Himmel“ heißt das, dass die größere Zukunft noch vor uns liegt; gleichzeitig hat die Zukunft im Heute schon begonnen. Im Heute in Vorfreude leben auf das Morgen der Ewigkeit. Der Christ ist der Mensch von morgen; er lebt heute schon das, was sich am Ende für alle Menschen als Wahrheit herausstellen wird. So sieht das aus, wenn man Christi Wiederkunft liebt. Die Heilige Schrift macht es uns in Bildern klar. Da ist die Braut, die sich schmückt für den Bräutigam; da sind die Jungfrauen, die aufgebrochen sind, um dem nächtlichen Hochzeitszug mit Lichtern festlichen Glanz zu geben und so miteinzugehen in die Freude des Bräutigams.

Noch einigen anderen Gleichnissen gemeinsam ist, dass da Menschen sind, die auf eine kommende Wirklichkeit hin leben, an der ihr ganzes Dasein sich orientiert und um die beständig ihr Denken kreist. So auch im Gleichnis vom unredlichen Verwalter (vgl. Lk 16,1-8), den Jesus lobt. Doch nicht sein Charakter wird gelobt, auch nicht seine betrügerischen Handlungen. Es geht allein um seine Klugheit. Worin besteht diese Klugheit? Der Verwalter konzentriert sich ganz auf die Zukunft. Er handelt so, dass er eine gute Zukunft hat, dass er ein einträgliches Leben hat nach der großen Katastrophe seines Lebens, nach seiner Entlassung. Diese Klugheit, ganz auf die Zukunft ausgerichtet zu handeln, alles zu tun, damit man eine gute Zukunft hat, sie ist vorbildlich. So soll auch der Jünger leben, ganz auf die endzeitliche Zukunft bei Gott ausgerichtet. Der Jünger Jesu soll in diesem Leben alles daran setzen, dass er eine Zukunft bei Gott hat, dass er teilhat an der Vollendung des Reiches Gottes. Der Jünger soll nicht in der Gegenwart aufgehen, in den Sorgen dieser Welt, er soll sich Schätze im Himmel sammeln (Mt 6,19-20), er soll für bleibende Werte sorgen. Er soll eine eschatologische Existenz führen, also so leben, dass er sich ganz am künftigen Heil und damit letztlich ganz an Gott ausrichtet. Das Ziel ist identisch mit ihm; immer wieder neu tritt es hin vor die Seele, tröstend, aufrichtend, wegweisend, kräftigend, nährend wie das Leben selbst und Distanz gebend zum Gegenwärtigen, so dass seine Bewältigung möglich, Widriges in Geduld ertragen, Unwichtiges aus den Händen gelassen wird.

Von der zeitlosen Währung

Dieses Jahr bin ich 66 Jahr alt geworden, das Alter über das Udo Jürgens sang: „Mit 66 Jahren, da fängt‘s erst richtig an...“. Bei mir hat es schon früher angefangen: ich habe die Liebe meines Lebens gefunden, genieße kostbare Freundschaften und habe einen Beruf, der mir zur Leidenschaft wurde, dazu 6 Kinder und z. Zt. 13 Enkel, die sich freuen, wenn sie mich sehen und ich mich ebenso auf sie. Das ist mehr Glück als ich wahrscheinlich verdient habe. Mein älterer Bruder ist nach Neuseeland ausgewandert und Buddhist geworden, er behauptet, ich hätte ein „gutes Karma“. Natürlich glaube ich nicht, dass mein Handeln in einem vorausgegangenen Leben mein gegenwärtiges Schicksal bestimmt. Im Rückblick bin ich sehr dankbar für mein Leben, doch um so mehr beschäftigt mich die Frage: Wie werde ich einmal vor meinem Richter stehen?

Für uns Menschen ist die Lebensspanne zwischen Geburt und Tod der Zeitraum, in dem wir den Anruf Gottes hören und uns entscheiden müssen. Dieser Zeitraum ist die begrenzte Frist, innerhalb deren alles passieren muss, worauf es ankommt. Er ist die begrenzte Frist, in der wir - wie die fünf Brüder vom reichen Prasser in der Geschichte mit dem armen Lazarus - am Kreuzweg stehen, wo wir alles gewinnen und alles verlieren können. Wir haben nicht die Verheißung, dass diese Frist verlängert werden könne und dass wir sie darum vertrödeln dürften, dass es also noch so etwas wie Nachholkurse im Jenseits gäbe. C.S. Lewis schreibt in seinem Buch „Die große Scheidung: „Am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen: Diejenigen, die zu Gott sagen: Dein Wille geschehe, und diejenigen, zu denen Gott sagt: Dein Wille geschehe“. In Lewis' Erzählung kommt zum Ausdruck, dass es nicht um bestimmte „gute Taten“ geht und die Hölle keine Bestrafung für moralisches Fehlverhalten bedeutet, sondern dass der Mensch, der beim „lch, Ich, Ich“ stehenbleibt, sich selbst bestraft, da er damit unfähig wird, das Geschenk anzunehmen, das der Herr ihm bereitet hat. Die Dinge, die den Menschen davon abhalten in den Himmel zu kommen, sind nicht Mord und Totschlag, sondern das unablässige Kreisen um sich selbst bzw. um Dinge, die ihm zum Götzen geworden sind. Die Wirklichkeit wird auf den kleinen Bereich des eigenen Ego und seiner Sorgen reduziert. „Immer gibt es etwas, was sie durchaus behalten wollen, selbst um den Preis des Elends. Immer gibt es etwas, was sie der Freude – und das heißt der Wirklichkeit – vorziehen. … Aber im Leben der Erwachsenen hat es hundert feine Namen – Zorn des Achill und Selbstachtung und tragische Größe und berechtigter Stolz.“2 Die Liebe hingegen, die das Leben des Himmels bestimmt, ist offen für die Fülle der Wirklichkeit. Was im Himmel zählt ist die Liebe, entsprechend dem Wort Jesu: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde ..., sondern sammelt euch Schätze im Himmel“ (Mt 6,20).  Am Ende hat nur das vor Gott Bestand, was in uns Liebe geworden ist. Paulus spricht im 1 Kor 3, 10ff. von einer Läuterung „wie durch Feuer hindurch“. Einleitend heißt es: „einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“ (V. 11). Jesus Christus ist letztlich der Maßstab, das Urbild der Liebe, in das wir hineinverwandelt werden sollen. Weiter spricht der Apostel in Vers 12 über die verschiedenen Grundlagen, auf denen wir unser Leben führen: Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut. Damit weist er darauf hin, dass die Art, wie wir unser Leben auf Erden leben, Konsequenzen für die Ewigkeit hat: (13) Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. (14) Hält das Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. (15) Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“ 

Im Licht der Wahrheit

Nicht ohne Erschrecken denke ich daran, wie viel von meinen Werken und meinem Gewordensein wohl die Feuerprobe bestehen würde, wie viel „Holz, Heu oder Spreu“ - Nichtigkeit, Eitelkeit oder Schlimmeres ist und wie viel „Gold, Silber und Edelstein“?  Spätestens wenn wir sterben, müs­sen wir alle durch das Feuer der Liebe Gottes hindurch, die uns in Jesus Christus sichtbar und hörbar geworden ist. Dieses Läuterungsfeuer ist in der Kunst oft materialistisch gedeutet bzw. veranschaulicht worden. Ich glaube nicht, dass es als ein physisches Feuer zu verstehen ist. Gemeint ist hier wohl vielmehr die Intensität des Schmerzes, der aus der Selbsterkenntnis hervorgeht. Wir alle haben das schon einmal erlebt: Wenn mir plötzlich aufgeht, wo überall ich es verpasst habe Gutes zu tun bzw. die Liebe zu leben, und jetzt kann es nicht wiedergutmachen; wenn ich plötzlich feststellen muss, wie sehr mich jemand geliebt hat und ich darüber gedankenlos oder missachtend hinweggegangen bin, dann tut das wahnsinnig weh. Wenn ich daran denke, erschrecke ich, denn ich erkenne: Der Gott, dem ich mich anvertraut habe, ist kein harmloser Gott, kein Glattmacher. Seine Schönheit kommt ohne jede Beschönigung aus. Gott ist nicht harmlos, son­dern glühend liebend. „Die Wahrheit wird euch freimachen“, sagt Jesus im Evangelium des Johannes. Die Wenigsten von uns sind schon frei genug. Einmal wird jeder Mensch die Wahr­heit seines Lebens im Licht der ganzen Wahrheit Gottes schauen. Das Licht der Wahrheit Gottes wird alles durch­dringen, mehr noch als das Licht der Sonne. Tiefer noch als Röntgenstrahlen, die alle Brüche und Fehlbildungen des menschlichen Leibes sichtbar machen können, macht sie uns unsere Unfreiheiten und Verstrickungen deutlich. Aber Gottes glühende Liebe will immer retten und die Brüche heilen und die Wunden reinigen. Unser Teil ist es, darin einzuwilligen solange wir auf dieser Erde leben, solange es Zeit ist (vgl. Epheser 5,16). 

Das Maß der Heiligkeit

„Du willst wohl heilig werden?“, so wurde ich im Laufe meines Lebens schon manches Mal gefragt. Der schnippische Tonfall klingt in meinen Ohren wie eine Mischung zwischen Verwunderung und Verachtung. In Gesprächen mit anderen Christen ist manchmal herauszuhören, dass sie denken, dass Gott sie liebt und dann wird schon alles okay sein. In der Tat, wir möchten nicht so sehr einen liebenden Vater im Himmel als vielmehr einen greisen Wohlmeiner, der es gern sieht, wenn die Leute sich amüsieren und dessen Plan für das Universum einfach darauf hinausläuft, dass am Abend eines jeden Tages gesagt werden kann: Es war für alle wundervoll. In seinem Buch „Über den Schmerz“ spricht C.S. Lewis in diesem Zusammenhang von einem „Limonadenchristentum“. Doch wir sind berufen zur Heiligkeit! Im ersten Petrusbrief lesen wir: „Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden. Denn es heißt in der Schrift: Seid heilig, denn ich bin heilig!“ (1 Petr 1,15-16). Wenn wir Heilige aus Berufung sind, dann findet unser Menschsein darin seine Bestimmung. Andernfalls sind wir gescheitert. Das Gegenteil von heilig ist nicht sündig, sondern gescheitert. Im Brief an die Hebräer sagt Gott: „Strebt voll Eifer (...) nach Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird!“ (Hebr 12,14).

Freundschaftliche Verbundenheit

Man kann im Leben auf sehr viele verschiedene Arten und Weisen scheitern. Wenn wir uns an unserer Heiligkeit scheitern, dann ist das ein radikales Scheitern, dass nicht die Dinge anbelangt, die wir tun, sondern das, was wir sind. Als Mutter Teresa einmal von einer Journalistin gefragt wurde, was für ein Gefühl es sei von allen als lebende Heilige betrachtet zu werden, antwortete sie: „Heiligkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.“ Wir haben keinen Einfluss darauf, ob wir stark oder schwach geboren wurden, ob wir schön oder weniger schön sind, arm oder reich, klug oder wenig klug, aber es liegt an uns, ob wir ehrlich oder unehrlich, gut oder schlecht, christusgemäß oder sündig leben. Unser menschliches Unvermögen ist kein Hindernis, sondern die Chance unsere Armut Gott hinzuhalten. Wir haben nur Gefäße zu sein, um das zu empfangen, was Gott uns schenken möchte. Der heilige Kirchenvater Augustinus präzisiert: „Wir sind mittätige Empfänger der Gnade Gottes.“ Wir bekommen die Gnade als Geschenk! Darum ist es unsere Aufgabe, uns von unserem Herrn ansprechen zu lassen, ihm persönlich zu antworten, unsere Vorbehalte in Freiheit loszulassen und uns vertrauensvoll seiner Fürsorge zu überlassen. Die Liebe stülpt uns nichts über, tut nichts ungefragt oder über uns hinweg, sie zwingt uns nichts auf. Der Dreieinige Gott sucht ein Leben in freundschaftlicher Verbundenheit mit uns. „Er in uns“ bestimmt das Format unserer Heiligkeit. Die Heiligkeit als Fülle des christlichen Lebens besteht nicht darin, außerordentliche Taten zu vollbringen, sondern sich mit Christus vereint seine Einstellungen, seine Gedanken und sein Verhalten in der Kraft des Heiligen Geistes zu eigen zu machen. Das Maß der Heiligkeit hängt davon ab, wie sehr wir uns nach seinem Leben formen lassen. Gemeint ist dieser von innen her notwendige Prozess der Umwandlung des Menschen, in dem er Christus ähnlich wird. Die christliche Heiligkeit ist demnach nichts anderes als die Fülle gelebter Liebe (vgl. 1. Joh 4,16). „Angesichts der Ewigkeit gilt als einzige Währung: getane, gelebte Liebe“3.

„Das Nichtwissen der Stunde unserer endgültigen Begegnung mit Gott ist ein An­trieb, unsere Liebe zu vertiefen, unsere Talente voll einzusetzen, keine Zeit zu verlieren, mit größerer Inständigkeit zu bitten und mit größe­rer, glühenderer Sehnsucht die ‚selige Hoff­nung’ zu nähren.“4 Den Himmel gibt es wirklich und es lohnt sich, darauf hinzuleben. Wir dürfen uns darauf freuen, wenn wir am Ende in den Himmel kommen. Christliche Hoffnung mag für uns bedeuten: nach Hause kommen, dorthin zurückkehren, wohin wir wirklich gehören. Im Blick auf diese wunderbare Aussicht bin ich auf dieser Erde gerne auch noch eine Zeitlang „mit Heimweh daheim“. Doch am Ende werde ich sagen dürfen: „Nun bin ich doch noch nach Hause gekommen! Das ist meine wahre Heimat. Hierher gehöre ich! Nach diesem Land habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.

Anmerkungen:
1 Nikolai Nilkens, Mia Friesen, Outbreakband
2 C.S. Lewis in Die große Scheidung, Johannes Verlag Einsiedeln, 1980, S. 75
3 Dom Helder Camara, brasilianischer Theologe, Erzbischof, 1909 - 1999
4 Johannes Paul II., Predigt, 23.2.1985

Dieser Text ist die ungekürzte Version, aus Platzgründen haben wir im Heft eine kürzere Variante abgedruckt.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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