Gott wird für Ausgleich sorgen

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Das Versprechen, dass einmal Gerechtigkeit herrschen wird, ist eine der größten Hoffnungen des kommenden Königreichs.

Wir verkünden ein Evangelium der Gnade. Aber es ist eine Gnade, die einen furchtbaren Preis hat. Wir sind vor dem Gericht Gottes gerettet, aber nicht, weil er beschlossen hat, die Gerechtigkeit mit Füßen zu treten, sondern weil er sie an seinem eigenen Sohn vollzogen hat, am Kreuz. Diese Gnade wird der ganzen Menschheit zugemessen – solange wir hier in dieser Zeit leben. Aber wenn der Tag des Herrn kommt, wird der Gerechtigkeit Genüge getan. Der Tag der Abrechnung kommt. Und wir brauchen es, dass es so ist.

Mehr als eine Aufwandsentschädigung

Die wenigsten schaffen es, sich durch die 618 Seiten von Alexandre Dumas‘ Roman Der Graf von Monte Christo hindurchzuarbeiten. Aber vielleicht haben Sie ja den Film gesehen. Die Geschichte dreht sich um das Unrecht, das ein Unschuldiger erfährt, Edmond Dantes. Von einem korrupten französischen Beamten fälschlich des Verrats bezichtigt, flieht Edmond zu seinem besten Freund, Fernand Mondego. Aber der verrät ihn – aus Neid und Eifersucht – an die Polizei. Edmond wird zur Haft auf der Gefängnisinsel Chateau d‘If verurteilt. Dort verbringt er vierzehn qualvolle Jahre. Dank eines Priesters kann Edmond schließlich fliehen. Und dank desselben Priesters kann er auch einen unermesslichen Schatz bergen, der ihn schließlich zum Grafen von Monte Christo macht.

Gegen Ende des Films, am Höhepunkt, konfrontiert Dantes Mondego mit der Wahrheit – in Gegen­wart seines Sohnes und der Frau, die Dantes liebt. Edmond hat allen Grund, Mondego das Leben zu nehmen. Aber stattdessen bietet er ihm die Chance zu bereuen. Doch Mondego weigert sich. Edmond gibt ihm Gelegenheit zur Flucht. Aber Mondego hat sich so sehr dem Bösen verschrieben, dass er versucht, Edmond zu töten. In einem Schwertkampf tötet Edmond ihn – zu Recht. Es gibt eine Zeit, in der die Gerechtigkeit siegt. Auch die Gnade hat ihre Grenzen.

Gefährliche Illusion

Hinduismus, Buddhismus und andere Religionen verneinen die reale, personale Existenz des Bösen und irren sich damit gewaltig. (Auch einzelne Ausprägungen des Christentums sind diesem Irrtum erlegen.) Doch ohne das Böse als das zu ­benennen, was es ist, und ohne einen Tag der ­Abrechnung kann es keine Gerechtigkeit geben.

Stellen wir uns eine Welt ohne das Böse vor. Alle dämonischen Mächte sind vom Erdboden vertilgt. Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, dass wir in einer Welt leben, in der es keine bösen Menschen gibt, eine Welt, in der alle Gott lieben und von seiner heiligen Liebe erfüllt sind. Wenn man sich dann umschaut, sieht man nur Menschen, denen man vollkommen vertrauen kann. Leid wird es nicht mehr geben; Heiligkeit wird alles und jeden durchdringen. Wen wundert, dass die vorherrschende Stimmung im Reich Gottes Freude ist? Von ungeheurer Erleichterung und Bestätigung ganz zu schweigen.

Unsere Zeit schreit geradezu nach Gerechtigkeit. Das gilt vor allem für die jüngere Generation. Ich glaube an die großen Bürgerbewegungen für ­Gerechtigkeit; ich unterstütze sie auch. Aber ich fürchte dennoch, dass wir auf einen großen, herzzerreißenden Schmerz zugehen, wenn wir den Ablauf der Dinge nicht verstehen. Solange der Böse nicht gerichtet und in den Feuersee geworfen ist, werden all unsere Anstrengungen nur teil­weise erfolgreich sein. Arme wird es immer bei euch geben (Mt 26,11).

Ein sehr guter Freund hat mir gerade eine E-Mail geschickt. Zusammen mit seiner Frau leitet er in Guatemala ein Heim für Mädchen, die in die Sexindustrie verkauft und missbraucht wurden. Es zerreißt ihm das Herz, dass er jede Woche etliche Mädchen abweisen muss. Sie haben einfach nicht genug Platz, um alle aufzunehmen. Das ist die schreckliche Wahrheit: Wir müssen uns weiterhin nach Kräften bemühen. Aber Gerechtigkeit auf Erden werden wir nicht erreichen, bevor unser Herr wiederkommt. Das ist kaum zu ertragen. Wie sollen wir dann aber weitermachen?

Nur, indem wir unsere Seele verankern. Nur mit der gewissen, sicheren Hoffnung, dass dieser Tag kommt. Die Gerechtigkeit wird kommen. Alle, die an vorderster Front für Gerechtigkeit kämpfen, müssen sich jeden Tag vor Augen halten: ­palingenesia, die Neuschöpfung aller Dinge, – das ist das, was auf uns zukommt.

Zeugen der Anklage

Bis jetzt habe ich eine wichtige Aussage in dem Abschnitt, in dem Jesus die palingenesia, die Neuschöpfung aller Dinge, ankündigt, unberücksichtigt gelassen. Aber jetzt ist der richtige Moment, sie aufzugreifen:

In der Neuschöpfung der Welt, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit regieren wird, werdet ihr, die ihr mir gefolgt seid, ebenfalls regieren (Mt 19,28; MSG). Wir herrschen mit Jesus. Gerechtigkeit wird geübt, wenn der Böse und alle, die in seinem Dienst stehen, ihr Urteil empfangen. Ich glaube, dass wir dabei auch eine Rolle spielen. Wir werden dabei sein, wenn unser Herr über das Übel richtet, das unsere Familie belastet hat. Wir werden als Zeugen der Anklage aufge­rufen werden. Wir werden neben Jesus auf der Richterbank sitzen, wenn das Böse, das hinter den Übeln steckte, die uns auf der Seele lagen – Armut, Missbrauch, Rassismus, Menschenhandel und die Zerstörung der Erde –, der gerechten ­Strafe zugeführt wird.

Und auch uns selbst wird Gerechtigkeit zuteil­werden – auf eine sehr persönliche Weise. Jeder von uns hat im Lauf seines Lebens ganz konkret Unrecht erlitten. Und Gott weiß davon – in jedem Einzelfall. Unser König Jesus wird dafür sorgen, dass wir dafür sehr konkret entschädigt werden. Denn Gott nimmt das ganz und gar nicht auf die leichte Schulter. Wer aber einen von diesen gering Geachteten, die an mich glauben, zu Fall bringt, der käme noch gut weg, wenn man ihm einen Mühlstein um den Hals hängen und ihn damit in der Tiefe des Meeres versenken würde (Mt 18,6). Gott ist aufgebracht darüber, was wir erlitten ­haben. Und er wird es zurechtbringen.

Ich weiß, dass mir so viel in meinem Leben ­geraubt wurde. So viel Segen, so viele Gaben, so vieles, das mir in Beziehungen oder Chancen vorenthalten wurde, so viel persönliche Erneuerung, die durchkreuzt wurde oder unvollständig blieb. Und das gilt auch für euch. So vieles ist euch geraubt worden. Und es wird erstattet werden – hundertfach. Diese Wiedergutmachung, diese Entschädigung gehört dazu, wenn all unsere ­Geschichten richtig erzählt werden – oder die ­Gerechtigkeit wird eben doch nicht zum Zuge kommen. Aber sie wird zum Zuge kommen:

Die Schatztruhen Gottes

Was du da siehst, lässt dein Herz höherschlagen, du wirst vor Freude strahlen. Denn über das Meer segeln Schiffe heran, um dir ihre Schätze zu bringen; den Reichtum der Völker wird man bei dir aufhäufen (Jes 60,5; Hfa).

Stellen wir uns das vor: Unsere Feinde werden verurteilt und verbannt und dann trägt man Schatztruhen herein und stellt sie vor uns hin. Riesige Eichentruhen, für die es zwei Mann oder zwei Engel braucht, um sie hereinzutragen. Und davon gibt es etliche. Jesus sagt: „Öffnet sie.“ Und wir fragen: „Was ist das, Herr?“ Und er antwortet: Das sind die Geschenke, die ich dir schon in deinem früheren Leben geben wollte, aber sie wurden dir geraubt oder gelangten nicht bis zu dir. Aber jetzt erstatte ich sie dir zurück, und das mit ­Zinsen.

Was wird wohl alles in diesen Truhen sein? Aus einer erklingt Lachen, denn so vieles von dem, was uns geraubt wurde, sind Erinnerungen und Freude. Während ich dies schreibe, kommen mir die Tränen.

Dann wenden wir uns nach rechts und fragen: „Herr, und was ist in diesen Truhen?“ Das sind die Belohnungen für die Entscheidungen, die wir getroffen haben, für unsere Siege, unser Durchhaltevermögen und unseren Dienst. „Die sind natürlich eine Zugabe zu deinen Gütern“, sagt er mit ­einem Lächeln.

Diese Schatztruhen gehören uns; ihr Inhalt wird unser Herz bezaubern und uns für so vieles entschädigen, was wir hier ertragen haben. Ja, uns wird Gerechtigkeit widerfahren; Wunden werden heilen; alles, was uns in diesem Leben geraubt wurde, wird uns erstattet werden in einem Maß, das unsere wildesten Hoffnungen übersteigt. Wir werden diese Truhen öffnen, ihren Inhalt bestaunen und strahlen. Unser Herz wird erzittern und vor Freude beben.

Aus: John Eldredge, Alles neu, Brunnen-Verlag, Gießen 2018, www.brunnen-verlag.de, S. 156-161

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