Vorgänger sein…

…heißt Nachfolger haben

Betrachtung zu Deuteronomium 31-34

Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Herr erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht (Dtn 34,10). Welch ein Satz an einem Lebensende! Neben David ist Mose die Lichtgestalt im Alten Bund. Gott hat mit ihm verkehrt wie mit einem Freund: Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet (Ex 33,11). Irgendwann war Mose klar, dass seine irdische Zeit abläuft. Und Mose ging hin und redete diese Worte mit ganz Israel und sprach zu ihnen: Ich bin heute hundertzwanzig Jahre alt, ich kann nicht mehr aus und ein gehen (Dtn 31,1f). Er spürt seine Kräfte schwinden und versammelt noch einmal das Volk Israel. Mose wollte nicht verdrängen – Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden – so hatte er einst gedichtet (Ps 90,12). Nicht: Lehre uns verdrängen!

Der altgewordene Gottesmann will seine finalen Schritte tun: loslassen – vermachen – segnen – freigeben. Wer diese verweigert, wird unvollendet bleiben. Aber das Leben darf nicht einfach abbrechen, auch dort nicht, wo uns ein überraschender Tod beschieden ist. Das Leben will abgerundet und vollendet sein. Damit unser Ende ein Anfang wird – für unsere Nachfahren wie für uns selbst.

Loslassen –
Mose setzt einen Nachfolger ein

Wirklich loslassen kann nur, wer ein versöhntes Leben führt. Dann muss man nicht loslassen, sondern kann und will loslassen. Wie viel Unversöhntes kann sich in einem Menschen ansammeln an verpassten Chancen und unverheilten Wunden, aber auch an Gottes unverständlichen Wegführungen. Und wie schwer tragen Menschen daran. Mehr als einmal habe ich das bei Gesprächen mit Sterbenden erlebt. Man will nicht loslassen, weil so viel vermeintlich Unerledigtes noch da ist. Nach meiner seelsorgerlichen Erfahrung ist dies die schwerste Last im Alter. Darum: mit Versöhnung kann man gar nicht früh genug beginnen.

Loslassen muss man einüben. Das kann, wer nicht sich selbst, sondern Gott als Fixstern betrachtet. Mose wusste: Alles ist Gottes Sache. In seiner Freundlichkeit hat er mich eine Zeit lang mitarbeiten lassen. Aber es liegt an ihm und nicht an mir. Wer festhält, misstraut nicht nur der nächsten Generation, sondern vor allem Gott.

In unserer geistlichen Regel heißt es: „Mit zunehmendem Alter ist die Bereitschaft gefordert, loszulassen. Dieser geistliche Weg gehört zum Schwersten und Befreiendsten in unserem Leben. Wir kommen der Ewigkeit näher. Wirst du älter, so sei großherzig mit den Jüngeren. Freue dich an ihnen und achte ihren Mut und ihre Entschlossenheit, den Mitweg der Gefährten zu wagen. Trage ihre Herausforderungen und Schwierigkeiten im Gebet. Christus will seine Botschaft und seinen Leib mit jeder Generation neu zum Klingen bringen.“1 Ich habe mir diesen Abschnitt auf meinen Schreibtisch gelegt – zusammen mit den Namen der Jüngeren unserer Gemeinschaft, für die ich täglich beten will.

Loslassen heißt nicht fallenlassen, sondern weiterreichen. Und Mose rief Josua und sprach zu ihm vor den Augen von ganz Israel: Sei getrost und unverzagt; denn du wirst mit diesem Volk in das Land gehen, das der Herr ihren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, und du wirst es unter sie austeilen (Dtn 31,7). Zu einem gelungenen Lebensende gehört es, die nächste Generation stark zu machen, damit sie das Werk Gottes weiter­tragen können.

Wer so loslässt, kann das Zeitliche segnen. Er weiß: ich habe meiner Zeit den Segen gegeben, den Gott mir anvertraut hat. Und nun kann ich frei sein für einen nächsten Segen, einen ewigen Segen, der mir geschenkt werden soll.

Vermachen –
Mose teilt sein Vermächtnis

Jede Lebensgeschichte hat einen Vorlauf. Menschen haben uns einen Segen hinterlassen. Ich bin kein Einzelstück ohne Verbindung. Ich habe geerbt und soll vererben. Beim 30jährigen Jubiläum sagte ich denen, die mit mir ins geistliche Amt ordiniert wurden: Wir sind mit der Frage aufgebrochen, was wir bewegen werden – nun stehen wir vor der Frage, was wir hinterlassen werden.

Dazu ein kleiner alttestamentlicher Exkurs. Wenn man die Geschichten der Patriarchen liest, stößt man immer wieder auf die Tatsache, dass es zwei Erbschaften gab, die zu verteilen waren: das Erstgeburtsrecht und den Segen. Ersteres ist, was wir heute unter Erbschaft verstehen, das Vermachen von materiellen Dingen. Der Segen ist aber ein geistig-geistliches Vermächtnis. Wohl dem, der beides zur Verfügung hat und weiterzugeben weiß. Wie die Worte der Weisung im „Lied ­Moses“: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, dass ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes zu halten und zu tun. Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Lande, in das ihr zieht über den Jordan, um es einzunehmen (Dtn 32,46f). Es geht um Zukunft und ein gelingendes Leben. Dabei schwört er das Volk nicht auf sich ein, sondern auf Gott. Nicht so sehr seine Lebenserfahrung ist das Maß, sondern vor allem ihre gemeinsame Gotteserfahrung will er seinem Volk mitgeben. Denn darauf wird es auch in Zukunft ankommen!

Dieser Ermahnung folgt dann sein Segen. Beides gehört zusammen. Und klug ist die nächste Generation, die willig ist, beides auch zu hören!

Segnen –
Mose beschenkt Israel

Wie leicht bleibt man im Alter unversöhnt und damit unvollendet mit seiner Lebensgeschichte. Dann hat man nur Angst weiterzugeben, und das ist nicht hilfreich für eine nächste Generation. Segnen meint, ihnen einen göttlichen Zuspruch geben!

Moses Segen ist sehr persönlich, nicht der immer gleiche Satz für alle. Jeder Stamm bekommt, was Gott ihm durch Mose zugedacht hat. Und der Blick der Gesegneten wird fest auf Gott gerichtet: Zuflucht ist bei dem Gott, der von alters her ist, und unter seinen ewigen Armen (Dtn 33,27). Diese Versicherung des Mit-Gehens Gottes und der ­Geborgenheit in seiner Barmherzigkeit ist die Mitte alles Segnens.

Mose segnet die nächste Generation. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die Jungen diesen Segen annehmen. Das erste ist so wenig selbstverständlich wie das zweite. Und doch müssen beide Seiten zueinanderkommen. Generationen, die Vermächtnis und Segen geringachten oder nicht hören wollen, sind töricht. Sie schlagen ein Geschenk aus, das unerlässlich für ihre eigene Zukunft ist,  weil eben darin die Gabe Gottes für ihre eigene Zukunft verborgen liegt.

Damit Zukunft entsteht, braucht es nach Eugen-Rosenstock-Huessy den Glauben der Alten und die Hoffnung der Jungen – und zwischen beiden die Liebe. Unsere geistliche Regel nimmt Bezug darauf und es wird klar, dass die Jungen und die Alten, die Glaubenden und die Hoffenden, die Erfah­renen und die Wagenden nur zusammen die ­Gemeinschaft der Beherzten mit Zukunft ergeben!

Freigeben –
Moses Ende ist ein Anfang

Die Selbsteinschätzung Moses: Ich bin heute hundertzwanzig Jahre alt, ich kann nicht mehr aus und ein gehen (Dtn 31,1f) zeigte auf die eine Seite seines Alters, die körperlichen Grenzen. Im letzten Kapitel des Deuteronomiums wird ein etwas anderer Akzent gesetzt: Und Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen (Dtn 34,7). Neben der abnehmenden körperlichen Vitalität gibt es eine reife geistig-geistliche Stabilität, auf die dieser Vers anspielt. Moses konnte immer noch scharf beobachten und wach beurteilen. Das Wort von der nicht verfallenen Kraft meint im hebräischen Grundtext: feucht, frisch, saftig sein. So kann man auch übersetzen: Nicht matt geworden war sein Auge, und nicht entflohen war seine Frische. Ja, vor ab­nehmenden körperlicher Vitalität wird sich kaum einer schützen können – vor dem Abnehmen der geistig-geistlichen Vitalität wohl. Wache, frische Beobachtungs- und Denkschärfe – ausgerichtet an Wirklichkeit und Wahrheit – sind ein Leben lang einzuüben. In einer Totenrotel2 aus dem Jahr 1740 ist zu lesen: „Es ist nötig, als Lebender zu sterben, um als Toter zu leben.“3 Dann kann das Ende zum Anfang werden. Der Mensch kann loslassen und vermachen, segnen und zu guter Letzt freigeben. Voller Vertrauen in Gott. Die scheidende Generation ist frei für ihren neuen Anfang: nun kann man nach Hause gehen. Heimkehr. Dahin, woher man kommt, wohin man gehört und wofür man in alle Ewigkeit bestimmt ist. Gott hat uns diese Welt nur auf Zeit geliehen – schließlich will er uns wieder ganz bei sich haben. Und die kommende Generation ist frei für ihren Anfang: sie ist ermächtigt und ermutigt – ihr gehört die Zukunft!

Nachsatz – Moses Tod

In Dtn 34,5 lesen wir: So starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn. In meine hebräische Bibel habe ich vor Jahren einen kleinen Hinweis gekritzelt. Hier steht im Text ein Wort, das eigentlich Mund oder Kuss heißt. Mit Hilfe des hebräischen und griechischen Textes des AT könnte man auch übersetzen: Daraufhin wurde Mose vollendet, der Knecht JHWHs, im Lande Moab, gemäß des ­Kusses JHWHs. So will ich eines Tages sterben! Als Knecht Gottes – am Ziel und vollendet – und der Tod soll kommen als ein Kuss Gottes, der mich zu sich nach Hause zieht. Dafür will ich ­bereit sein – für ein Ende, das ein Anfang ist. Denn: „Altwerden ist ein herrlich Ding, wenn man gelernt hat, was anfangen heißt.“4

Anmerkungen:
1 Die OJC-Kommunität mit Dominik Klenk; Wie Gefährten leben. ­Eine Grammatik der Gemeinschaft; [99: Alter]
2 Die Totenrotel war die schriftliche Todesnachricht von einer ­Klostergemeinschaft zur anderen über den Tod eines Mitbruders bzw. einer Mitschwester.
3 Alkuin Volker Schachenmayr; Sterben, Tod und Gedenken in den österreichischen Prälatenklöstern der Frühen Neuzeit; Heiligenkreuz 2016; S. 314
4 OJC a.a.O. [99]

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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