Ohne Wenn und Aber

Mit Hans ins Glück und mit Paulus ins Ziel

In dem Märchen „Hans im Glück“ tauscht dieser den in seiner Lehrzeit hart verdienten Goldklumpen ein gegen ein Pferd, dieses gegen eine Kuh, diese gegen ein Schwein, das gegen eine Gans, bis er schließlich den gerade erworbenen Schleifstein beim Wassertrinken in den Brunnen fallen lässt. Leicht und ledig dankt der eben noch Müde und vom Tragen Bedrückte Gott für diese Erleichterung und springt fröhlich dem Ziel seines Weges zu, seinem Zuhause.

Hans hat ein Ziel: sein Zuhause. Und auf seinem Weg dorthin lässt er nach und nach alles zurück, was ihm bis dahin etwas bedeutet hat. Jedes Mal schätzt er sich als den glücklichsten Menschen der Welt, wenn er abgeben kann, was ihm zur Last geworden ist und was er auf seinem weiteren Weg nicht gebrauchen kann. Zielgerichtet geht er jedes Wegstück, bis er durch eine weitere Begegnung zu einem neuen Begleiter kommt und mit diesem zu einer neuen Erkenntnis und so wieder seinem Ziel ein Stück näherkommt.

Die Geschichte vom „Hans im Glück“ lässt Wünsche bewusst werden, vielleicht auch bei Ihnen. „Ich möchte auch mal einen Goldklumpen haben“, sagte unser Sohn, als ich ihm vor Jahren diese Geschichte vorlas. „Warum hat der Hans ihn abgegeben?“            
„Der war ihm zu schwer geworden“, sagte ich. „Und mit dem Pferd konnte er erst mal schneller und leichter in Richtung Heimat kommen.“ Unser Sohn dachte immer wieder über diese Geschichte nach, aber verstehen konnte er den Tausch nicht.

Je mehr ich mich mit dieser Geschichte befasse, desto mehr verbindet sie sich mit den Worten des Apostels Paulus: Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu erreichen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat. Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, . . . das neue Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat (Philipper 3,12-14).

Und ich frage mich, wie komme ich auf Paulus Worte bei „Hans im Glück“?        
Ja, auch Paulus hat ein Ziel, und was für eins: seine himmlische Heimat. Dafür lässt er sogar seinen Goldklumpen hinter sich. Sein Goldklumpen, das ist für Paulus sein Geachtetsein in der Gesellschaft, sein sicherer Lebensstand als angesehener Mann und Gelehrter in guter beruflicher Stellung. Was er eintauscht, ist ein Wandern von einem Wegstück zum anderen, von einer Kraft zur nächsten Mühsal und wieder zur Hoffnung auf neue Kraft, schließlich Verfolgung, Gefängnis.
Menschliche Begegnungen stärken ihn, bringen ihn ein Stück vorwärts auf seinem Weg zur himmlischen Heimat. Und Paulus weiß, es zählt nur das Festhalten am Ziel, das Ankommen dort ohne allen irdischen Ballast – in der Gewissheit der Annahme von Gott, der Aufnahme bei ihm.
Ganz eisern ist Paulus. Kein Stück zurückgehen möchte er, um seinen Glauben gegen irgendein Halbwissen einzutauschen. Aber lasst uns auf ­keinen Fall zurückfallen hinter das, was wir schon erreicht haben (V.16) sagt er denen, die mit ihm gegangen sind. Er warnt sie vor Rückfall in die Abhängigkeit von weltlichen Gütern und An­erkennung von Menschen.

Glücklich schätzen sich beide, Paulus und Hans, obwohl sie – von außen betrachtet – immer mehr zu verlieren scheinen. Doch beiden ist ihr Ziel – das Zuhause, das Angenommensein ohne Wenn und Aber – das Höchste aller Güter, das zu er­reichen durch Reichtum und Anerkennungssucht nur verhindert wird.
Und so lassen sie nach und nach alles hinter sich, was in dieser Welt an Ehre und Luxus Geltung hat; und beide, Paulus und Hans, sehen nur noch auf das, was vor ihnen liegt.
Und sie kommen ans Ziel – so, wie sie sind, ohne das, was ihr Leben beschwert hat, nur ausgerüstet mit Vertrauen und Freude auf den, der sie endlich in die Arme schließt und sie so nach langem, entbehrungsreichem Weg schließlich Frieden haben.

Von

  • Beate Rola

    Pfarrerin i. R. mit jahrelanger Erfahrung in der Seelsorge in Kliniken und Gefängnissen. Sie lebt heute in Bremerhaven.

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