Liebe Mitchristen,

jeder von uns hat eine Ursprungsfamilie. Niemandem ist die Erfahrung von Familie fremd. Sie ist in der Regel der erste Ort, an dem wir erfahren, dass wir geliebt sind und lernen, andere zu lieben. Dennoch scheint das Bewusstsein dafür, dass die Person wie die Gesellschaft aus Familie erwächst und wächst, immer mehr zu schwinden. Unsere Welt hat sich in den letzten 50 Jahren in ihrer äußeren Gestalt wie auch im Denken enorm verändert. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Hans-­Jürgen Papier, schreibt: „Das Bundesverfassungsgericht hat […] bis zuletzt in seinen Entscheidungen betont, dass eine Ehe im Sinne des Grundgesetzes nur die Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft ist.“  Bei der „Ehe für alle“ habe sich die Politik ganz klar auf „Kollisionskurs mit der Verfassung“ befunden.

Parteien machen sich derzeit stark für neue ­Familienformen: „Ob Patchwork-, Stief- oder Regenbogenfamilie – Familien sind vielfältig“. „Mehrelternschaft“-Modelle sollen das klassische Familienbild ergänzen oder ersetzen, wie etwa der „Pakt für das Zusammenleben“ als Idee einer neuen Verantwortungsgemeinschaft. Kassenfinanzierte künstliche Befruchtung für „nichteheliche Lebensgemeinschaften und lesbische Paare“ soll ermöglicht werden sowie die Erforschung von Reproduktionstechniken, die aus dem genetischen Material zweier Menschen im Labor und künstlicher Gebärmutter neues Leben entstehen lassen. Die Diskussion über die Eizellen- und Samenspende, Leihmutterschaft und die Finanzierung von all dem füllen die Schlagzeilen. Etliche Feministinnen wollen die Frau von der „Sklaverei der Fortpflanzung“ befreien.

In all dem gelangt eine Wahrnehmung vom Menschen zum Ausdruck, die de facto leugnet, dass dieser eine ursprünglich aus der Liebe hervorgehende Bindung braucht, ein Du, mit dem er zutiefst verbunden ist. Bindungen, die mit Sexualität und Zuneigung verbunden sind, werden oft wie Konsumgüter verhandelt, deren Sinn sich in der Befriedigung individueller Bedürfnisse in kurzzeitigen Beziehungen erschöpft, während man zunehmend blind wird für ihre Bestimmung, die Person aufzubauen und zu ihrer Vollendung beizutragen. Deshalb wollen wir mit diesem Heft die Bedeutung der Familie wieder hervorheben und ihren unersetzbaren und unnachahmlichen Wert in Erinnerung rufen. Dabei geht es uns nicht darum, einem realitätsfernen Familienidyll das Wort zu reden. Neben vielen freudigen Aspekten von Familie gibt es auch jede Menge Probleme: Konflikte, Gewalt, Verwundungen, Brüche, Ehescheidung. Doch es gibt keinen Ort, an dem die Kraft jener Liebe besser kultiviert werden kann, die es ermöglicht, dem Bösen gegenzuhalten, das sie bedroht. Das christliche Ideal – und besonders von der Familie – ist Liebe trotz allem.

Aktuelle Umfragen belegen, dass es der Traum der meisten jungen Menschen und fester Vorsatz junger Ehepaare ist, sich ein Leben lang in treuer Liebe verbunden zu bleiben. Dies steht in schmerzlicher Spannung zu der zunehmenden Skepsis, ob eheliche Treue möglich und zumutbar ist. Doch bereits die Sehnsucht nach unendlicher Liebe legt nah, dass es sie wirklich gibt und geben sollte. Die eheliche Liebe ist ein Bild in unserer Seele, das als Abbild Gottes in uns hineingelegt ist. Treue ist uns möglich, weil Gott treu bleibt. Er wollte die Familie von Anfang an. Sie ist Seine Erfindung! Die Heilige Schrift beginnt mit der Eheschließung von Adam und Eva und endet mit der Hochzeit des Lammes. Gott hat eine Familie in Nazareth erwählt, um auf die Erde zu kommen, um sie schließlich für immer zu verändern. Das Ja von Maria und Joseph waren Voraussetzungen dafür, dass Christus sein Erlösungswerk für uns alle vollenden konnte. Ihre Familie ist keine normale Familie, aber sie ist ein Bild der Sehnsucht für uns. In Maria erfüllt sich alle Mutterschaft, die Verheißung an Eva, den Sohn zu gebären, der der Schlange den Kopf zertritt. Mit ­Jesus, dem neuen Adam, bricht ein neues Zeitalter der wahren Liebe, der selbstlosen Hingabe an, an der alle, die ihm als Braut angehören, bereits Anteil haben dürfen: Eheleute und Ehelose gleicher­maßen. Es ist diese Revolution der Liebe, die die Familie als Wirklichkeit widerständig macht gegen haltlose Utopien und totalitäre Manipulation des Individuums. So müssen wir uns nicht wundern, wenn sie Angriffsziel moderner Ideologien ist, die die traditionellen Werte der jüdisch-christlichen Kultur und damit den Menschen dekonstruieren, indem sie die Gesetzmäßigkeiten der Biologie verneinen und die natürliche Familie, die im dreieinigen Gott verankerte Einheit von Vater, Mutter und Kindern, für verzichtbar erklären.

Damit die Familie zum Vorgeschmack der Liebe Gottes werden kann, in der unsere Sehnsucht nach Glück zur Vollendung geführt wird, müssen wir auf Jesus schauen und das Geschenk seiner Gnade annehmen. Ihm soll unsre erste Liebe gelten. Von ihm lernen wir, einander anzunehmen und zu lieben. So gehört die Erstverkündigung der Vaterliebe Gottes in die Mitte der Familien, wo Menschen erfahren und lernen, dass sein Sohn Jesus Christus, der sein Leben für uns hingegeben hat, jeden Tag lebendig an unserer Seite ist, um uns zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.

Das unveränderliche und immer neue Evangelium Christi kann als lebendige Wirklichkeit an die Familien unserer Zeit, unserer Welt herangetragen werden, wenn in unserem Zusammenleben eine Kraft und eine Schönheit aufleuchten, die ganz offenbar nicht von uns kommen, aber jeden von uns tragen. So kann das, was eine christliche Ehe und Familie ausmacht, erneut Teil der menschlichen Erfahrung werden. Dies geht immer mit Mühe, mit Freude und Leid, mit vielen Hoffnungen und enttäuschten Erwartungen einher. Kurzum – es ist ein ein dynamischer Prozess, ein Wachstumsweg, auf dem wir Gott in unseren Familien bewusst Raum schaffen, damit er täglich neu den Glauben in uns vermehre, die Hoffnung stärke und die Liebe in uns entzünde – wie es das Gebet von Papst Benedikt XVI. formuliert.

In der Familie Gottes mit Ihnen verbunden
Ihr
Rudolf M. J. Böhm
Greifswald, den 9. September 2021

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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