Familie – Glanzlicht der Zivilisation

Ein biblisches Modell hat Zukunft

 

Familie – Ort der Unfreiheit?

Wer öffentlich für die Institution Familie einsteht, wird als hoffnungslos gestrig wahrgenommen. Es wird der Eindruck vermittelt, man würde dafür plädieren, dem Einzelnen die Selbstverwirk­lichung zu verwehren. Als ob die Familie ein Gefängnis wäre, ein Ort der Unfreiheit, der bindet statt ermöglicht.

Im besten Fall ist eine Familie ein konstruktiver Ort, Ausgangspunkt von Entwicklung und Ermöglichung. Der Zeitgeist scheint sich selbst zu widersprechen: Auf der einen Seite sehnen sich die meisten Menschen nach der großen Liebe, nach Glück, Sicherheit und Geborgenheit, beklagen Orientierungslosigkeit und Sinnkrise, auf der anderen Seite wird die Familie als Hort all dieser Werte verschmäht. Tatsächlich gibt es immer weniger Familien, die mindestens aus Vater, Mutter und Kind bestehen. Dementsprechend werden dauerhafte Beziehungen – Stichwort „Ehe“ – ­immer seltener erlebt. Familie ist für viele ein romantisches Ideal von emotionaler Geborgenheit und heiler Welt; sie wird aber immer mehr zum Mythos, etwas, das man niemals erlangt.

Familie – ein Lernort für den Frieden

Der Kern der Familie ist die Paarbeziehung. Familien kann es nur geben, wenn es Paarbeziehungen gibt, die lange genug halten und genügend gemeinsame Zeit ermöglichen, um Kinder großzuziehen.

In Deutschland sinkt derzeit die Zahl der Scheidungen. Aber nirgendwo auf der Welt steigt die Scheidungsrate so stark wie in Europa. Je höher die Scheidungsrate, desto höher ist statistisch auch die Zahl der vorehelichen Beziehungen. Die Neigung zum immer häufigeren Partnerwechsel, egal, ob mit oder ohne Trauschein, ist statistisch Fakt. So gesehen schreiten wir auf dem Weg zu einer promiskuitiven, bindungslosen Gesellschaft immer weiter voran. Was soll dann am Ende des Weges stehen?

Man sucht Familienersatz in freieren Formen des Zusammenlebens: Wohngemeinschaften als ­lockere und doch vertraute und verantwortungsvolle Verbindungen auf Zeit. Durch ihren temporären Charakter und durch Fluktuationen der WG-Mitglieder geben sie natürlich oft nicht den gleichen Stabilitätsanker wie Familien, das gilt vor allem für die Kinder. Das Ergebnis ist Vereinzelung. Noch nie gab es in Europa so viele allein wohnende junge Menschen. Vier Millionen Männer und Frauen in den Zwanzigern leben in Deutschland allein, das ist in dieser Altersgruppe bereits fast jeder Dritte, Tendenz steigend. Die Menschen verlieren den Mut und die Fähigkeit zu verbindlichen, dauerhaften Beziehungen.
Was dadurch immer mehr fehlt, ist die Fähigkeit

  • zum Verzicht zugunsten des anderen,
  • zum Aushalten von Konflikten,
  • zum Erlernen einer gesunden Streitkultur,
  • zum Erarbeiten von gemeinsamen Lösungen,

kurz: die Fähigkeit zum sozialen Frieden.

Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, die erstmalig in der Geschichte der Menschheit nicht mehr auf der Keimzelle Familie beruht. Erstmals findet die Herausbildung der Identität nicht mehr primär im geschützten Rahmen der Familie statt, sondern in aller Öffentlichkeit: in Kitas, Kindergärten, Schulen, im Fernsehen und im Internet. Damit wachsen Generationen heran, die nicht mehr in der Familie gelernt haben, wie Gemeinschaft funktioniert. Die Folgen? Unabsehbar! 

Familie – unverzichtbarer Erlebnisraum

„Der göttliche Heilsplan und die Heilsgeschichte gehen über die menschliche Familie hinaus“ (Papst Johannes Paul II.), d. h. die Stellung eines Menschen in der Welt ist zutiefst abhängig von den Urbeziehungen in Ehe und Familie. Wie ist das zu verstehen?

Die Familie ist der Ort, an dem Kinder leben lernen, an dem ihr Ja zum Leben grundgelegt wird, an dem sich ihr Gemüt und die ersten Bindungen entwickeln, die den sicheren Stützpunkt vermittelt, damit sie sich für die Welt interessieren und sie erkunden.

Die Familie ist der Ort, an dem das Gewissen seine erste Formung und Bildung erfährt. Damit wird eine Antwort auf die Frage gegeben, was gut und was schlecht ist, was hilft, Gemeinschaft zu leben und mitzugestalten.

Die Familie ist der Ort, an dem die Glaubensentfaltung grundgelegt wird. Wo in der Ehe mit allen ihren Höhen und Tiefen Reifung geschieht, vollzieht sich vor allem der Wachstumsprozess der menschlichen Urkräfte des Hoffens, Lebens und Glaubens. Die Entfaltung eines väterlich und mütterlich liebenden Gottesbildes – leider auch mit all seinen Fehlformen und Verzerrungen1 – ereignet sich zuallererst im Erlebnisraum der Familie.

Die in den ersten Entwicklungsphasen gewonnenen Gefühlserlebnisse sind ausschlaggebend für die spätere Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott.

Es gibt noch viele andere Aspekte, die zu benennen wären und die den Lern- und Erlebnisraum der Familie als unverzichtbar kennzeichnen. Zusammenfassend könnte man sagen: Die Familie ist der optimale Ort, an dem junge Menschen ihre Beziehungsfähigkeit und Selbstständigkeit ent­decken, erproben und entfalten können.

Familie – Grundzelle für die Demokratie

Damit steht die Familie an erster Stelle, wenn es um die Frage nach dem Gelingen unserer Beziehungen, unseres Lebens und unseres Zusammenlebens geht. Der Staat kann der Familie die Erziehung der Kinder nicht abnehmen, vielmehr muss er auf den in der Familie gelegten Grundlagen aufbauen können. Der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht E.-W. Böckenförde prägte den Satz: „Der demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann.“ Die Familie ist der Ort, an dem diese Voraussetzungen erworben und gepflegt werden. Für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls und einer gesicherten Identität ist es keineswegs hilfreich, Kinder in den ersten drei Lebensjahren von der Mutter zu trennen. Es müsste jedem intuitiv klar sein, dass nicht nur die Entwicklungs­fähigkeit, sondern auch die Bindungs­fähigkeit eines Menschen gestört wird, wenn in frühester Kindheit die wichtigste und engste Bindung, die ein Mensch haben kann, eingeschränkt wird.

Das Bemühen des Staates, erwerbstätige Mütter (durch die Einrichtung von Kitas) zu entlasten, um deren Potenzial für die persönliche berufliche Entfaltung und ihren Beitrag zum Wirtschaftswachstum besser zu nutzen, ist durchaus verständlich und begrüßenswert. Doch leider wurde aus dem staatlichen Angebot mehr und mehr ein gesellschaftliches Gebot: Betreuung und Kindererziehung? Sache des Staates! Definitiv nicht Sache der Eltern und vor allem nicht Sache der Frau. Aus der Wahlfreiheit, die zu begrüßen ist, wurde eine neue Form von Alternativlosigkeit. Mittlerweile wurden gesetzliche Grundlagen geschaffen, durch die jene finanziell indirekt bestraft werden, die ihre Kinder lieber Zuhause erziehen, anstatt sie in eine Kita zu geben.

Wahrscheinlich werden wir in zwanzig Jahren feststellen, dass die „Folgekosten“ falsch eingeschätzt worden sind. Diese Frage ist weitgehend ein gesellschaftliches Tabu. Es wird sogar behauptet, dass ausgebildetes Erziehungspersonal die Kinder im Allgemeinen besser erziehen kann als die eigenen Eltern. Dem hingegen erklären Fachleute übereinstimmend, dass die Mutter bei Kleinkindern emotional eine herausragende Stellung einnimmt, die durch nichts zu ersetzen ist. Der häufige und störungsfreie Kontakt der Mutter zum Kleinkind ist die Basis für so komplexe Leistungen wie die Sprachentwicklung. Wird die Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind in den ersten drei Lebensjahren ständig oder dauerhaft unterbrochen, können Sprachentwicklungsstörungen sowie Lese- und Schreibbehinderungen die Folge sein. Wie stark sich das Kind in den ersten Lebensjahren der Nähe zur Mutter versichern muss, als Voraussetzung für seine geistige und emotionale, aber auch die motorische und sensorische Entwicklung, wäre ein eigenes Thema.

Wenn das Fundament der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern brüchig wird, kann der ganze Bau unserer Gesellschaft in Gefahr geraten. Und das geschieht derzeit in einem erschreckenden Maß.

Familie – in großer Gefahr

Bei realistischer Betrachtung müssen wir heute zwei schwerwiegende Gefährdungen des Menschen feststellen:

Zum einen droht dem heutigen Menschen mitten im Frieden eine so noch nie dagewesene Vernichtung seiner Existenz durch Menschen: Vor allem am Anfang (vor der Geburt durch Abtreibung), aber auch am Endes ihres Lebens (durch die sog. aktive Sterbehilfe) sterben heute viele Menschen durch Menschenhand.

Zum anderen sind die kreatürlichen Grundlagen des Menschseins (und damit die menschliche „Natur“) elementar bedroht durch emanzipatorische Ideologien (ganz konkret: Feminismus, Genderismus).

  • Bedroht wird die von Gott geschaffene und gewollte Zweigeschlechtlichkeit als grund­legende Voraussetzung von Ehe und Familie und damit auch die Würde des Menschen als Mann und Frau und als Vater und Mutter und 
  • elementar bedroht ist auch die Schöpfungs­ordnung von Ehe und Familie und die Hin­ordnung der Sexualität auf die Weckung neuen Lebens als unverzichtbare Voraussetzung jeder menschenwürdigen Gesellschaft und Zivilisation.

Ich kann hier nur umrisshaft deutlich machen, was für ein unverzichtbarer Wert die Familie ist. Vielleicht kann uns das helfen, entschiedener dafür einzustehen: Familie ist und bleibt ein Hotspot der Hoffnung. Als Christen stehen wir in Verantwortung vor Gott: Wir sind aufgerufen, uns wieder neu auf die Grundlagen unseres Lebens und Zusammenlebens zu besinnen. Dazu gehört das derzeit umkämpfte Zeugnis der Bibel über den Menschen. Die biblische Offenbarung lässt schon in ihren ersten Kapiteln (Gen 1-3) keinen Zweifel daran, dass Gott die Schöpfung insgesamt und den Menschen als sein Gegenüber in Freiheit und Liebe geschaffen hat.

Demo für den Himmel

Als christliche Familien haben wir den Auftrag, uns als Zelle der Widerständigkeit zu verstehen und zu formieren, um zeugnishaft der heutigen Banalisierung des Menschen entgegenzuwirken, der Gott endgültig abschieben will, und munter dabei ist, den Menschen abzuschaffen. Demonstrieren wir, dass wir für den Himmel geschaffen sind, der im Heute beginnt, wenn wir unseren Glauben leben bzw. wenn wir leben, was wir glauben.

Der menschgewordene und gekreuzigte Christus wurde in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen. Dort ist er als unser Hohepriester unsere Hoffnung. Er ist von der Erde nicht abwesend und hat uns nicht allein gelassen. Er sendet uns in die Welt. Und der ganzen Welt soll diese Botschaft verkündet werden. Die Menschheit wird in die Entscheidung gerufen. Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Dieser Auftrag beginnt wesenhaft und grundlegend in der Familie.

Anmerkungen:
1 Das Versagen unserer eigenen irdischen Väter kann unser Verständnis davon, wer Gott der Vater ist und wie er ist, enorm verzerren. Wenn unser leiblicher Vater zum Beispiel mit Zorn oder schlechter Laune zu kämpfen hatte, könnten wir daraus den Schluss ziehen, dass wir uns jedes Mal, wenn wir sündigen, vor Gott verstecken müssen, weil er wütend auf uns sein wird. Oder wenn unser Vater mit seiner Arbeit oft zu beschäftigt war, um mit uns zu spielen oder bei Schulveranstaltungen präsent zu sein, könnten wir daraus folgern, dass das tägliche Gebet ohnehin keinen Zweck hat, weil Gott sowieso nie Zeit für uns hat. Die Übertragung des Versagens unseres Vaters auf Gott ist ein häufiges Problem, das wir Männer haben. Aber dieses Problem ist nicht nur schädlich für unsere Beziehung zu Gott, es ist auch von negativer Tragweite für unsere Beziehung zu unseren Kindern. Solche Projektionen werden unwillkürlich zu Hindernissen, um uns vorbehaltlos – so wie wir sind – von Gott lieben zu lassen. (aus: EXODUS 91/14. Der Vater)

 

 

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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