Unschätzbare Ressource

Über die stete Erneuerung der Gesellschaft

Jedes Land hat ein vitales Interesse, „diejenigen privaten Lebensformen besonders auszuzeichnen, zu schützen und zu fördern, welche Leistungen erbringen, die nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die übrigen Gesellschaftsbereiche notwendig sind“. Die Lebensform, von der hier die Rede ist, ist die Ehe und die aus ihr hervorgehende Familie. Seit Jahrhunderten werden Ehe und Familie in sehr verschiedenen politischen Systemen, in verschiedenen Kulturen und Religionen moralisch wie rechtlich geschützt, gefördert und privilegiert, weil sie nicht nur den Wünschen der beteiligten Personen entsprechen, sondern der ganzen Gesellschaft Vorteile bringen. Aus soziologischer Sicht haben sie eine gesellschaftliche Funktion, aus ökonomischer Sicht produzieren sie positive externe Effekte.

Was sind Ehe und Familie für die Gesellschaft?

Ehe und Familie sorgen zum einen für die physische Regeneration der Gesellschaft, für ihre biologische Reproduktion, mithin für ihre Zukunft, und für die Bildung des Humanvermögens der nächsten Generation. Ehe und Familie sorgen in der Regel für die Geburt von Kindern, nicht, weil die Eltern an die Zukunft der Gesellschaft denken, sondern weil sie sich lieben. Die Zeugung ­eines Kindes ist die Inkarnation ihrer Liebe.

Die Ehe ist keine Ratifizierung einer schon bestehenden, sondern der Beginn einer neuen Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich ohne Vorbehalt einander schenken, die sich sexuelle Treue sowie liebende Fürsorge und Unterstützung versprechen in Gesundheit und Krankheit, in guten und in schlechten Zeiten bis der Tod sie scheidet. Sie vereinigt einen Mann und eine Frau ganzheitlich, nicht nur leiblich, sondern auch geistig und seelisch. Es kommen nicht nur die komplementären Körperteile, sondern zwei Personen zusammen. Mann und Frau werden, biblisch ausgedrückt, „ein Fleisch“. Sie „erkennen“ einander. Der Geschlechtsakt ist ein Akt gegenseitiger Vollendung durch vorbehaltlose Hingabe. Eine solche umfassende Hingabe vermag jenes Glück und ­jene Seligkeit – und jene Schönheit – zu schenken, „auf die unser ganzes Sein wartet“. Sie lässt „uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren“. Die Ehe setzt deshalb die umfassende gegenseitige Bejahung, die lebenslange Treue und die Offenheit für die Weitergabe des Lebens voraus, sie drängt dazu, Familie zu werden.

Um Einblicke in das Wesen der Ehe zu gewinnen, bedarf es keines religiösen Glaubens. Die Ehe ist ein natürlicher Bund von Mann und Frau, der weder durch den Gesetzgeber noch durch den Priester konstituiert wird. Politik und Religion können diesen Bund nur zur Kenntnis nehmen und besiegeln (auf dem Standesamt) bzw. feiern (im Traugottesdienst in der Kirche).

Im Hinblick auf die aus ihrer geschlechtlichen Vereinigung hervorgehenden Kinder schafft die Ehe eindeutige Bande der Zugehörigkeit, der Identität und der Verwandtschaft sowie der Verantwortung. Verheiratete Männer profitieren von einem stabilen familiären Leben, verheiratete Frauen von der Sicherheit und dem Schutz, der Anerkennung der Vaterschaft ihrer Kinder und der gemeinsamen Verantwortung. In der wirtschaftswissenschaftlichen Glücksforschung spielen Ehe und Familie konsequenterweise eine zentrale Rolle. Sie gelten unter sieben Glücksfaktoren als „der allerwichtigste“. Wer das Glück sucht, „findet die Familie“.

Ehe und Familie sind, wenn sie intakt sind, wenn Vater und Mutter sich lieben, eine kaum zu überschätzende Ressource für die Kinder. Eine intakte Ehe heißt nicht, dass es keine Konflikte gibt, aber sie erfordert ein niedriges Konfliktniveau, die Einsicht, dass nicht Selbstbestimmung, sondern Selbsthingabe der Schlüssel für ein gelingendes Leben ist und ein Handeln nach dieser Einsicht. Ehe und Familie erlauben es den Kindern, sich zu entwickeln und zu reifen. Sie befriedigen ihr Bedürfnis, ihre biologische Identität zu kennen. Sie vermitteln soziale Beziehungen und Tugenden, die für deren Humanvermögen wichtig sind. Benedikt XVI. unterstrich diese Einsicht in einer Ansprache am 8. Februar 2010: Die auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründende Familie sei „die größte Hilfe, die man Kindern bieten kann. Sie wollen geliebt werden von einer Mutter und von einem Vater, die einander lieben, und sie müssen mit beiden Elternteilen zusammenwohnen, aufwachsen und leben, denn die Mutter und die Vaterfigur ergänzen einander bei der Erziehung der Kinder und beim Aufbau ihrer Persönlichkeit und ihrer Identität“. Papst Franziskus ergänzte das am 11. November 2015 um den Hinweis auf die Notwendigkeit der familiären Tischgemeinschaft. Nicht nur zusammen wohnen sollen die Kinder mit den Eltern, sondern auch zusammen Mahl halten. Die Tischgemeinschaft sei „ein sicheres Thermometer, um die Befindlichkeit der Beziehungen zu messen: Wenn in der Familie etwas nicht in Ordnung oder eine verborgene Wunde vorhanden ist, versteht man das bei Tisch sofort. Eine Familie, die fast nie zusammen isst oder in der man bei Tisch nicht redet, sondern fernsieht oder mit dem Smartphone beschäftigt ist“, ist kaum Familie. „Wenn die Kinder bei Tisch am Computer hängen oder am Handy und einander nicht zuhören, dann ist das nicht Familie, sondern eine Pension.“

In der Familie werden die Weichen gestellt für die moralischen und emotionalen Orientierungen des Heranwachsenden, für seine Lern- und Leistungsbereitschaft, für seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit und Arbeitsmotivation, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit und seine Bereitschaft zur Gründung einer eigenen Familie, zur Weitergabe des Lebens und zur Übernahme von Verantwortung für andere. In der Familie wird über den Erfolg im schulischen und beruflichen Erziehungs- und Ausbildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Bewältigung des Lebens vorentschieden. Nach der Bedeutung der Familienverhältnisse für den Schulerfolg jenseits der Einkommenslage zu fragen, mag zumindest in Deutschland politisch unkorrekt sein. Aber es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Kinder intakter Familien der Welt mit mehr Hingabebereitschaft, größerer Hoffnung, höherem Selbstvertrauen, besserer Selbstkontrolle und deshalb mit reicheren Berufsperspektiven gegenübertreten.

In der Familie lernt das Kind, was lieben und geliebt werden heißt, was es konkret besagt, Person zu sein. Johannes Paul II. schlägt in Familiaris Consortio den Bogen vom Kind zur Gesellschaft. „Die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Familiengemeinschaft werden vom Gesetz des unentgeltlichen Schenkens geprägt und geleitet, das in allen und in jedem einzelnen die Personwürde als einzig entscheidenden Wertmaßstab achtet und fördert, woraus dann herzliche Zuneigung und Begegnung im Gespräch, selbstlose Einsatzbereitschaft und hochherziger Wille zum Dienen sowie tiefempfundene Solidarität erwachsen können ...“ Papst Benedikt XVI. bringt dieses Gesetz des Schenkens in seiner Sozialenzyklika Caritas in Veritate (2009) auf die knappe, dem Topos vom „Homo oeconomicus“ entgegengesetzte Formel: „Der Mensch ist für das Geschenk geschaffen.“

Nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft sowie das sozialstaatliche Leistungssystem profitieren von diesen Leistungen der Familie, sondern auch der demokratische Staat, der auf interessierte, motivierte, partizipations- und solidaritätsbereite Bürger angewiesen ist, und nicht zuletzt die Kirchen, die für die Weitergabe des Glaubens der Mitwirkung der Eltern bedürfen. Ehe und Familie sind deshalb nicht nur eine Ressource für die unmittelbar Betroffenen, also Eltern und Kinder, sondern auch für das Gemeinwohl in Gesellschaft, Staat und Kirche.

Aus: Der Fels, Kath. Wort in die Zeit, Heft 7/2016

Von

  • Manfred Spieker

    Prof. Dr. phil., Katholik, Sozialwissenschaftler und emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften

    Alle Artikel von Manfred Spieker

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