Nestwärme und Reibungswärme

Kindern ein Zuhause schenken

Meine Kinder kennen das schon von mir: gerne stelle ich ihnen nebenbei Fragen über das Leben, genauer gesagt über unser Leben. Solche Fragen bringen meistens überraschende Antworten, aus denen sich ab und zu gute Gespräche ergeben. Vor einiger Zeit fragte ich beim Mittagstisch: „Findet ihr unser Zuhause eigentlich gemütlich?“ Einhelliges Ja erklang. „Und was genau findet ihr gemütlich?“ Da meinte mein Neunjähriger kurz und bündig: „Dich!“ Auf diese Antwort war ich nicht gefasst, deshalb traf sie mich so ins Herz.

Wohlig warm bis klirrend kalt

„Zuhause“ ist ein großes Wort. Da werden Gefühle geweckt und Namen sind unzertrennlich mit dem Wort verknüpft. Der eine oder andere von uns kann es förmlich riechen, schmecken, fühlen. Der Ort, der beim Wort Zuhause in uns präsent wird, ist etwas Besonderes. Er ruft in jedem etwas anderes wach. Das Gefühlsspektrum reicht von wohlig warm bis klirrend kalt. Es kann sein, dass wir im Erinnern an unser Zuhause Dankbarkeit und Liebe verspüren, aber genauso, dass da Schmerz, Trauer oder Wut in uns hochsteigen.

„Ich war Zuhause immer die Dumme!“ erzählt die mittlerweile 96-jährige Oma meines ­Mannes jedes Mal, wenn wir sie besuchen. Oder sie erzählt etwas aus ihrer Kindheit. Was, genauer betrachtet, doch ziemlich erstaunlich ist. Diese demente, alte, liebenswürdige Frau erzählt nichts von ihrer sechzigjährigen Ehe, nichts von ihrem Ehemann, nichts von ihren drei Kindern, Enkelkindern und Urenkeln, sondern nur und immer wieder Dinge aus längst vergangenen Tagen. Das zeigt uns, wie groß und wichtig unsere Berufung als Eltern ­unseren Kindern gegenüber ist. Gleichzeitig kann es sein, dass es auf unsere Schultern eine Last legt, wissen wir doch um unsere Schwächen und ­Fehler.

Kindern mit einem Zuhause ein gutes Fundament für ihr Erwachsenwerden zu bieten, ist die große Challenge des Elternseins. Wer jedoch glaubt, dem Nachwuchs alles bieten zu müssen oder zu können, wird mürbe und unter dieser Last womöglich zerbrechen. Wir können nicht immer nett und freundlich sein, nicht immer alles perfekt im Griff haben. Das wäre nicht menschlich und vor allem nicht gut für unsere Kinder. Menschsein heißt, Fehler zu machen, auch mal zu scheitern. Menschsein heißt aber auch, nach einem Fehlschlag wieder aufzustehen, wenn nötig, Versöhnung zu suchen und dann mutig neu zu beginnen.

Ein Nest voller Wärme

Vogelnester haben mich schon immer fasziniert. Sie thronen teils hoch oben in schwindliger Höhe. Ihr Baumaterial wird von den Besitzern unter großen Anstrengungen und Geschick zu einem kuschelig weichen Nest geflochten. Auch wir Eltern bauen ein Nest für unsere Kinder. Alles startklar machen für das neue Leben. Es gilt, ein Zuhause zu schaffen, das ein Stützpfeiler ist, auf dem das Leben der Kinder und unser eigenes ruht. Es ist der Raum, wo unser aller Dasein geformt, gebildet, ausgerichtet wird.

Durch Nestwärme, die sich aus Liebe und Geborgenheit nährt, und die ein Daheim so wirkmächtig macht, werden aus Kindern Erwachsene mit Profil. Durch das, wie Zuhause gelebt wird, welche Haltungen hier vertreten werden, welchen Umgang die Familie miteinander pflegt, wird ihr innerer Kompass ausgerichtet.

Zuhause wird Urvertrauen aufgebaut und der „Liebestank“ gefüllt. Aber die Sache mit dem Urvertrauen beginnt schon viel früher: im ersten Zuhause eines jeden Menschen, im Leib der Mutter. Erik H. Erikson bezeichnet Urvertrauen als „ein Gefühl des Sich-verlassen-Dürfens“. Deshalb entscheidet sich an diesem Ort, ob man dem Leben vertraut oder ob man ständig misstrauisch ist. „Von dort ausgehend nimmt das Kind wahr, ob das Leben ein guter oder ein schlechter Ort für es ist. Urvertrauen bedeutet, das Leben kann, trotz schwieriger Umstände, gelingen. Es heißt: Ich kann mich verlassen.“*

Vom Wert gemeinsamen Lebens

Es tut gut, mit Menschen, mit denen wir durch ein Band der Liebe verbunden sind, zu leben, zu essen, zu ruhen, zu spielen, zu lachen, zu weinen. Und nicht nur das: sich zugehörig zu fühlen zu einer ganz einzigartigen kleinen Keimzelle des Lebens ist etwas, das uns innerlich derart nährt, dass wir so manche berufliche, gesellschaftliche oder freundschaftliche Hungersnot überstehen können. Erleben wir zuhause immer wieder einmal ein Füreinander-Einstehen, ein Miteinander-Gehen, ein Aneinander-Freuen, ein Zueinander-Liebe-Empfinden, ein Umeinander-Sorgen, ein Ineinander-Vertrauen, ein Miteinander-Geduld-Haben, dann macht uns das lebensmutig.

Das beste Zuhause ist nicht die perfekte Wohlfühloase. Ein Zuhause, das von den Kindern im Rückblick als gut empfunden wird, ist jenes, das ein verlässlicher Ort ist, wie ein Leuchtturm im Meer des Lebens: beständig, zuverlässig, unzerstörbar, bergend, Ruhe schaffend. Es ist der Inbegriff von fester Zugehörigkeit und Angenommensein. Ich weiß: Dort bin ich immer willkommen, dort kann ich all meine Lasten hintragen, dort darf ich ich sein.

Nicht im Paradies

Wir leben nicht im Paradies, deswegen können wir unseren Kindern auch nicht das Paradies auf Erden schenken. Unsere Welt ist gebrochen. Es gibt viele Wunden. Keiner ist ohne Schwäche. Wir leben im Chaos – mal mehr, mal weniger. Jeder ist irgendwo verwundet und jeder verletzt seine Mitmenschen hier und da. Aber Gott will für uns das Paradies. Das ist das Geheimnis, das von Ostern nachklingt: Auferstehung, Neuanfang.

Mit Gott können wir darauf vertrauen, dass er ­einen guten Plan für unsere Familie hat und dass er auch unsere Schwächen einkalkuliert. Er will uns immer wieder neue Wege aufzeigen, wie wir das Miteinander besser gestalten können.

Wir Eltern sind dazu gemacht, in einer perfekten männlich-weiblichen Symbiose unseren Kindern ein Zuhause zu schenken. Darauf dürfen wir vertrauen. Es geht nicht um Perfektionismus, sondern um Liebe. Und wir können immer wieder neu anfangen, dieses Zuhause mit Liebe zu füllen.

Anmerkung:
* vgl. Reinbacher, Kurt: Kinder brauchen ein Nest. Sie brauchen Schutz und Führung, in: Familie – Weg der Kirche (2020), Nr. 01/20. S. 3

Aus: Sonne im Haus, Nr. 2/2021, gekürzt

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