Jesus, Maria und Josef

Ein unkonventionelles Familienmodell

Für viele Christen stellen Jesus, Maria und Josef das Idealbild einer Familie dar. Aber entspricht die ­Familie von Nazareth überhaupt dem, was als klassisches Familienmodell gilt, oder müsste man nicht vielmehr denen zustimmen, die in ihr eine Art Patchworkfamilie1 sehen – denn schließlich zieht ­Josef einen Sohn groß, der nicht sein leibliches Kind ist? Könnte die Heilige Familie also nicht sogar eine Galionsfigur für andere, unkonventionelle Familienmodelle sein, statt ein Vorbild für die traditionelle Familie?         
Über die ersten dreißig Jahre Jesu, sein Aufwachsen und seinen Alltag in Nazareth wissen wir nur sehr wenig. Versuchen wir also, unvoreingenommen auf das zu schauen, was uns über diese Familie berichtet wird.              
Wenn das Matthäus- und das Lukasevangelium von der Geburt Jesu erzählen, stellen sie klar heraus, dass Josef der Mann Marias, nicht aber der biologische Vater Jesu ist. Er nimmt ganz die soziale und rechtliche2 Vaterrolle an, sorgt und plant für seine ­Familie (vgl. Flucht nach Ägypten) und wird auch von den Menschen in seinem Umfeld eindeutig als der ­Vater wahrgenommen.3 Man kann ihn also zu Recht Stiefvater, Ziehvater oder Adoptivvater nennen, einen sehr guten sogar. Aber gleichzeitig gibt es da auch etwas, was ihn von allen Stiefvätern dieser Welt unterscheidet: Er tritt weder neben, noch an die Stelle eines anderen Mannes, der der leibliche Vater ist. Das Kind, das er als sein eigenes annimmt, ist keine Halbwaise, kein Scheidungskind, stammt nicht aus einer anderen Beziehung oder einer Samenspende; es kennt keinen Loyalitätskonflikt zwischen zwei Männern. Josef könnte kaum näher dran sein am Bild eines „ganz normalen Vaters“ und doch ist er es auf eine völlig einzigartige Weise.

Ähnliches gilt für Marias Mutter-Sein. Wenn Jesus, Gottes Sohn, sein ewiges Wort, durch das alles geschaffen ist, Fleisch wird (vgl. Joh 1,1-14.; Kol 1, 15-20), trifft weder die Vorstellung, dass der männliche Part einfach durch den Heiligen Geist ersetzt wird – und Maria somit Miterzeugerin dessen wäre, durch den sie geschaffen ist – noch die einer bloßen Leihmutterschaft zu. Alle biologischen, medizinischen Überlegungen müssen bei diesem unvergleichlichen Ereignis der Menschwerdung Gottes letztendlich ins Leere laufen.

So gesehen haben wir es bei der Familie Jesu mit der unkonventionellsten Familienkonstellation überhaupt zu tun. Sie ist unvergleichlich und beispiellos … und doch überraschend gewöhnlich. Jesus wächst mit einem Vater und einer Mutter als engsten Bezugspersonen auf, von Beginn der Schwangerschaft an bis mindestens zum zwölften Lebensjahr. In stabilen Familienverhältnissen. Die Erzählungen von der Darstellung im Tempel und der Wallfahrt zum Paschafest in Jerusalem zeigen uns eine fromme, gesetzestreue Familie, in der Jesus wohl gelernt hat, mit der Tora und den Glaubenstraditionen seines Volkes zu leben.4 Sie scheint „eine einfache Familie [zu sein], allen nahe und ganz in das Volk eingegliedert.“5 Das wird jedenfalls als Argument gegen Jesu Sendung in seiner Heimat Nazareth angeführt. Er ist doch einer von ihnen, sie kennen seine Familie, warum soll ausgerechnet dieser Zimmermann etwas Besonderes sein?6 Hier zeigt sich nicht nur, dass Jesus, Maria und Josef nicht abgeschottet von der Gesellschaft lebten, sondern auch, dass der Kreis der Familie über diese drei hinausgeht. Die Bibel erwähnt Schwestern und Brüder Jesu, lässt jedoch offen, ob es sich um leibliche Geschwister, Stiefgeschwister oder Cousins und Cousinen handelt.

Nichts in der Bibel widerspricht dem, dass Jesus für die dortigen Verhältnisse in einer recht normalen Familie aufgewachsen ist. So normal, dass selbst seine Verwandten sein öffentliches Wirken vorerst nicht begreifen.7 Gleichzeitig zeigen uns die wenigen Begebenheiten, die uns aus seiner Kindheit überliefert sind, dass er Gottes Sohn ist. Das Alltägliche und das Göttliche kommen in ihm zusammen. Das bringt mir Jesus und seine Familie ganz nah. Und lässt mich zugleich immer wieder über das große Geheimnis der Menschwerdung staunen, das hier in gewisser Weise vorstellbar, aber nicht begreifbar wird: Durchwachte Nächte, weil der Sohn Gottes zahnt; Maria, die den füttert, der das Brot des Lebens ist, oder Josef, der das „Shema Israel“ dem beibringt, auf den es sich bezieht.
Wenn Jesus von seiner wahren Familie spricht, die den Willen seines himmlischen Vaters tut8, ist das zwar eine Übersteigung der Herkunftsfamilie auf eine übergeordnete, die kein Geburtsrecht mehr kennt, aber es ist keine Geringschätzung seiner ­Eltern. Im Gegenteil. Auf wen trifft das denn zu, wenn nicht auf Maria und Josef, die Gott selbst als Eltern seines Sohnes berufen hat und die sich beide im Vertrauen auf diesen unfassbaren Plan eingelassen und daran festgehalten haben?
In Hinsicht auf diese Berufung ist die Familie Jesu im tiefsten Sinn ungewöhnlich. Und doch ist sie zu Recht Idealbild. Denn in dem, wie sie diese Berufung lebt –  als Liebesgemeinschaft und „Schule der Menschlichkeit“9 im Alltäglichen wie im Außer­gewöhnlichen – kann sie ein Vorbild für alle sein und Hoffnung geben: „Der Bund der Liebe und der Treue, aus dem die Heilige Familie von Nazareth lebt, erleuchtet das Prinzip, das jeder Familie Gestalt gibt und sie befähigt, den Wechselfällen des Lebens und der Geschichte besser zu begegnen. Auf dieser Grundlage kann jede Familie auch in ihrer Schwachheit ein Licht im Dunkel der Welt werden.“10

Anmerkungen:

  1. Vgl. z. B. Aline von Drateln, www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-beruehmteste-patchwork-familie-der-welt-warum-alle-maenner-sein-sollten-wie-marias-josef/26731194.html [21.07.2021].
  2. Sein Stammbaum wird als Stammbaum Jesu angeführt, vgl. Mt 1,1ff.; Lk 3,23ff.
  3. Vgl. Lk 4,22; Mt 13,55.
  4. Vgl. Bruners, Wilhelm: Wie Jesus glauben lernte. Freiburg i.Br. 2006. S. 13ff.
  5. Franziskus, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia über die Liebe in der Familie (19. März 2016), 182.
  6. Vgl. Mk 6,3.
  7. Vgl. Mk 3,21.
  8. Mt 12,50; Mk 3,35; Lk 8,21.
  9. Relatio synodi Die pastoralen Herausforderungen im Hinblick auf die Familie im Kontext der Evangelisierung (18.Oktober 2014), 2 (in Bezug auf Gaudium et Spes, 52).
  10. Relatio finalis Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute (24. Oktober 2015), 38.

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