Stille Revolution am Wickeltisch

Ein Plädoyer für die Mutterschaft

Mutter zu werden ist nicht rational. Es ist eine Sehnsucht, ein Wagnis, vielleicht die größte Aufgabe, der man sich als Frau stellen kann. Einem anderen Menschen das Leben schenken. Das ist ein derart gewaltiges Unterfangen, dass man diese Worte vor Ehrfurcht flüstern müsste. Es ist für viele ein inneres Verlangen. Und im schönsten Fall das Sichtbarwerden einer Liebe.

Der Wunsch, in die Zukunft zu reichen, etwas Lebendiges zu hinterlassen, das über uns hinausweist, ist größer als der Verstand. Der Biologe sagt, es ist ein Trieb. Der Theologe sagt, es ist ein göttlicher Auftrag, und selbst der Atheist kann sich dem Willen der Natur nicht entziehen, auch wenn er ihn sinnlos findet.

Die Frage der Fortpflanzung folgt, wenn überhaupt, einer kosmischen und keiner mensch­lichen Logik. Für Juden und Christen folgt sie der Fortführung der Schöpfungsgeschichte, aber ganz sicher nicht einer Erörterung von Pro und Kon­tra. „Gott sei Dank!“, will man da ausrufen.

Was wäre aus der Menschheit geworden, würde die Frage, ob wir Kinder bekommen, ob wir Leben schenken oder nicht, nur rationalen Gedanken oder dem vielzitierten Zeitgeist folgen? Ich soll mich von meiner Weiblichkeit befreien, die nur ein Klischee sei, das mich daran hindere, das zu tun, was Männer seit Jahrtausenden tun. Ja, es soll angeblich wahnsinnig erfüllend sein, sich täglich auf den Schlachtfeldern des Lebens zu verausgaben. Befreit zum Arbeitsbienchen im Büro. Danke auch.

Warum soll ich mich ausgerechnet von jenen Menschen befreien, die mir die liebsten sind, die ich um mich haben, lieben und behüten will. Deutlicher kann man nicht zeigen, dass diese viel besungene „Befreiung“ in Wahrheit in den Verlust von Liebe mündet. Den Verlust von Beziehungen, denn diese sind immer bindend. Verbindlich. Einnehmend. Fesselnd. Und gerade deswegen so unwiderstehlich schön.

Eine Mutter, die einem Kind das Leben schenkt, gibt völlig kopflos und ohne Berechnung ein geschenktes Versprechen ab: Lebenslänglich Ja. Lebenslänglich Du. Du, mein Kind. Das ist das unbezahlbare Startkapital, das wir unseren Kindern für ein eigenständiges Leben schenken. Die Sicher­heit, dass wir sie nicht fallen lassen. Niemals. Weil wir nicht angetreten sind, um abzuhauen, sondern um dazubleiben. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir wollen. Auch dann, wenn wir denken, wir können nicht mehr.

Undank wird einem aus dem feministischen Lager gerne vorgeworfen. Schließlich sei doch einiges wirklich hart erkämpft worden. Musste erkämpft werden, und zwar tatsächlich gegen den Widerstand von Männern. Richtig! Und das war gut und musste sein. Ja, ja, ja. Wir wissen das alles. Gefühlt ist das für meine Generation allerdings hundert Jahre her, und wir leben bereits mit großer Selbstverständlichkeit in der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie lange sollen wir denn jetzt noch vor lauter Dankbarkeit auf Knien rutschen? Wenn Frauen heute ihre eigenen Wege gehen, ist das nicht Undank, wir könnten den Müttern der Emanzipation stattdessen auch zurufen: Ihr könnt uns doch nicht zu selbstbewussten, klugen Frauen großziehen und dann von uns verlangen, dass wir nicht eigenständig denken. Die einen bekommen immer noch gerne Kinder, und die anderen zelebrieren die Kinderlosigkeit als Akt der Freiheit. Es sind alles Frauenleben. Wir sind alle Töchter der Emanzipation. ­Alle unterschiedlich. Aber alle dürfen sein.

Can we have it all? – Unter diesem Slogan diskutiert man in den USA die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Können wir beides haben als Frauen: Beruf und Familie? Ja, natürlich können wir das. Aber nicht gleichzeitig. Wir haben doch nun schon lange genug zugesehen, wie sich eine Frauengeneration in dieser Doppelbelastung erschöpft hat. Anstatt umzukehren, neu zu denken, treiben wir es aber auf die Spitze. Frauen wollen beides, aber für beides muss es seine Zeit geben. Hintereinander. Menschenwürdig. Weil beide zu ihrem Recht kommen wollen und müssen: die Mütter und ihre Kinder. Was für ein Irrsinn ist es doch zu glauben, eine Mutter, die nicht berufstätig sei, würde nichts erschaffen. Tatsächlich schafft jede Mutter das, was unbezahlbar ist: ­Leben. Kleine, wunderbare Menschenkinder. Und diese werden nicht von alleine groß, sie brauchen uns dafür. Aus hilflosen kleinen Nesthockern müssen eigenständige Menschen werden. Personen. Persönlichkeiten. Das geschieht nicht über Nacht. Und sie wachsen keinesfalls schneller, nur, weil wir keine Zeit haben.

Genauso wenig wie man an Blumen ziehen kann, damit sie schneller groß werden, können wir an Kindern zerren, um sie schneller selbständig und unabhängig von der Fürsorge ihrer Eltern werden zu lassen. Und genauso wie eine zarte Blume ­einen geschützten Raum braucht, um in Ruhe zu gedeihen, brauchen Kinder das, was Mütter am besten schaffen können: ein Zuhause. Einen Ort der Gegenwart und der Präsenz. Einen Ort, an dem man angenommen wird, wie man ist. Eine Mutter ist nicht irgendeine austauschbare Frau, sondern eine Mutter. Die eine Mutter, die jeder hat und jeder braucht. Das, was meine Kinder immer wieder bis heute in zwei Worte fassen: „meine Mama“.

Mit dem gleichen Tempo und Maß, mit dem heute Männlichkeit schlechtgeredet und zunehmend unterdrückt wird und verschwindet, droht die Weiblichkeit sich aus der Welt zu verabschieden und mit ihr das, was Millionen von Frauen auszeichnet: ihre Mütterlichkeit. Dass man uns als Mütter aus dem Haus treiben will und unsere Kinder möglichst schon als Säuglinge direkt gleich mit in fremde Hände schickt, ist ein Angriff auf das, was das Fundament unserer Gesellschaft ausmacht: die Familie. Es ist die Axt, die an die Wurzel gesetzt wird. Die Nachkriegsgenerationen hatten an der vaterlosen Gesellschaft zu leiden. Gerade treibt man uns im Namen der Freiheit in die Ära der mutterlosen Gesellschaft. Damit wären dann bald alle Wurzeln gekappt. Glückwunsch.

Zerschlag die Weiblichkeit, und es wird keine Mutterschaft mehr geben. Zerschlag die Mutterschaft, und es wird keine Familien mehr geben. Zerschlag die Familien, und es gibt kein Zuhause mehr. Zerschlag das Zuhause, und es gibt keine Menschlichkeit mehr. Ohne Mutterschaft keine Kinder, keine Familie, kein Zuhause, keine Zukunft.

Familie ist der Ort, an dem wir scheitern dürfen und aus dem man uns deswegen nicht verstößt, sondern erst recht in die Arme schließt. Wenn dieses Zuhause nicht mehr entstehen kann oder darf, ist das Leben nur noch ein Kampf. Der Raum, den wir Zuhause nennen, ist nicht ein Zimmer, sind nicht die vier Wände, in denen wir wohnen. Sie wären austauschbar. Zuhause ist der Resonanzraum, in dem wir im besten Fall sein dürfen, wie wir sind. Es waren schon immer die Mütter, die dieses Zuhause geschaffen und zusammengehalten haben. Nimm die Mutter aus dem Auge des Sturms, und das ganze Gefüge gerät ins Schlingern. Die Frage, wie viel Nähe, wie viel Liebe, wie viel Zeit, wie viel Emotionalität und auch Mitgefühl die Mütter ihren Kindern entgegenbringen, entscheidet über die Menschlichkeit der nächsten Generation.

Besonders deutlich zeigt sich dies in der Frage, wie Mütter ihre Söhne erziehen. Ob sie ihnen zuge­stehen, schwach sein zu dürfen, Trost zu brauchen, Mitgefühl und Rücksicht zu schenken. Mütter sind es, die darüber entscheiden, welches Verhältnis ihre Söhne später zu anderen Frauen haben werden. Das Urbedürfnis nach den Armen der eigenen Mutter ist nicht delegierbar. Nicht bezahlbar. Das ist kein Produkt von Care-Arbeit. Das ist der Hunger nach Liebe.

Liebe und Nähe sind nicht delegierbar. Geborgenheit kann nicht professionell nachgestellt werden. Trost muss vom richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Worten oder dem richtigen Schweigen kommen, sonst zählt er nicht. Wir Menschen sind keine Maschinen, deren Stromverbrauch man drosseln kann. Der Hunger nach Liebe kann nicht mit Energiesparlampen beleuchtet werden. Es braucht brennende Herzen, wärmende Worte, ewiges Licht.

Deswegen suchen wir doch auch als Erwachsene immer noch nach dem Feuer, an dem wir uns wärmen können, wenn das Leben kalt, dunkel und stürmisch ist. Wir brauchen ein Zuhause, ­einen Ort des Ankommens. Wir suchen es dann aber nicht mehr in unserem Elternhaus, sondern bei einem Gefährten, der dieses lebenslange Ja unseres Elternhauses aufgreift, erweitert und mit dem wir ein eigenes, neues Zuhause schaffen. Der Lauf der Generationen, seit Bestehen der Menschheit.

Warum sind glückliche Mütter so ein Affront? Weil sie ein Mahnmal sind. Weil sie uns vor Augen führen, wie es auch anders sein kann, jenseits unseres gehetzten Lebens.

Jede Mutter am Rand eines Sandkastens ist in Wahrheit gelebter Widerstand gegen das System. Die stille Revolution am Wickeltisch. Sie ist eine Kampfansage gegen die Machthaber und Systeme –  seien sie kommunistisch oder kapitalistisch –, die ihr die Zeit und das Kind entreißen wollen. Sie ist Avantgarde, weil sie die Zukunft hütet, während der vermeintliche Mainstream erfolgreich am eigenen Aussterben arbeitet. Es ist ein Privileg, eine Frau zu sein, und die meisten Frauen sind es trotz allem Gott sei Dank immer noch gerne. Wir sind das schöne Geschlecht, begehrenswert, wir können Leben empfangen und Leben schenken. Wir könnten uns lieben und auf Händen tragen lassen, die meisten Männer sind dazu tatsächlich immer noch bereit. Was für ein Geschenk. Warum lassen wir uns das nun schon seit Jahrzehnten schlechtreden?

Männlichkeit ist kein Problem, sondern eine Notwendigkeit für uns. Gerade für uns Mütter. Nicht nur, weil wir Männer in der Regel begehren, lieben und auch bewundern wollen, wir brauchen ihren Schutz und ihre Stärke. Niemals sind wir als Frauen schwächer als in den Momenten, in denen wir Mütter werden. Das kann man nun beweinen und versuchen zu verhindern – und sich damit selbst die einzigartige Erfahrung nehmen lassen, Mutterschaft auszuleben.

Ich bin Mutter, ich werde es immer sein, bis zu meinem letzten Atemzug. Weil ich nicht Kinder bekommen habe für Deutschland und nicht für die Rente und auch nicht, um den demografischen Wandel aufzuhalten. Sondern weil ich gerne Mutter bin: Weil es mir Freude bereitet, diese Kinder ins Leben zu begleiten. Weil Sauber-Sicher-Satt nicht ausreicht, um ein Kind großzuziehen. Mir nicht und den Kindern auch nicht. Weil ich nicht müde werde, jeden Abend die gleiche Lieblings­geschichte vorzulesen.

Ich bin froh, dass das erste Wort meiner Kinder „Mama“ war und nicht „Sabine“ aus der Kita. Ich bin froh, dass ich dabei war und man mir nicht davon erzählen musste oder man es in der Kinder­gartenmappe in den Beobachtungsbogen notierte. Ich lache mit, wenn sie lachen, und ich tröste, wenn sie weinen. Ich kann gar nicht anders. Ich war nicht nur beim ersten Atemzug, sondern auch beim ersten Schritt dabei. Keine Karriere dieser Welt kann mir den triumphierenden Blick eines Kindes ersetzen, das das erste Mal aufrecht gestanden hat.

Und deswegen bin ich es leid, mir gute Ratschläge von Ahnungslosen anzuhören. Ich habe keine Zeit und keine Lust mehr, mich belehren zu lassen. Das Leben ist zu kurz, um es nach den Vorstellungen der anderen zu leben. Ich habe nur dieses eine.

Aus: Muttertier. Fontis-Verlag, Basel 2018

Von

  • Birgit Kelle

    eloquente Journalistin und Streiterin für Anliegen der Ehe und Familie. Für ihr Engagement hat sie 2017 den ojcos-Stiftungspreis erhalten.

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