Ab heute selber Sorge tragen

Aussöhnung mit den Eltern

Rund um meinen 50sten Geburtstag begegnete ich zunehmend Gespenstern, die meine Wahrnehmung verzerrten. Auch spürte ich eine wachsende Schwere. Meine Wegbegleiter mahnten mich, hinzuschauen und wahr sein zu lassen, was ans Licht käme – lang verschlossene Gefühle und vergessene Erinnerungen, Schmerz und Verun­sicherung.

Meine geistlichen Begleiter stärkten mir in dieser Zeit den Rücken. Sie ermutigten mich, Verantwortung zu übernehmen für mein ganzes Leben, inklusive der Wunden, dem Schmerz, den Überlebensstrategien der Kinderjahre und ab jetzt für all dies – ein guter Vater zu werden.

Eine Begebenheit auf einer Wanderung ermutigte mich: Ich ging durch den Wald und sah zwei Bäume – sie standen nebeneinander und erinnerten mich an meine Eltern. Ich betrachtete sie, als wären sie mein Vater, meine Mutter. Ich begann im Blick auf sie ein Gespräch. Ich dankte meinem leiblichen Vater für das Gute. Dass ich durch ihn lebe und durch ihn viel Gutes in mein Leben ­gekommen ist an Gaben und Fähigkeiten. Ich benannte auch das Schwere, was ich jetzt mehr und mehr erinnern, fühlen und benennen kann.

Ich dankte ihm für seine Liebe, seine Vaterschaft und sagte ihm, dass ich für das, was an Schwerem in mir gewachsen ist, ab heute selber Sorge tragen werde. Einen Lernweg beschreiten will. Gleiches tat ich auch hin zu meiner Mutter.

Während ich dastand und Bäume anredete, fiel mir ein Baum auf, der dahinterstand. Ich erinnerte mich an Satzfetzen besuchter Seelsorgeseminare: Gott hat dir diese Eltern ausgesucht, durch sie wollte er, dass du ins Leben kommst… Nicht das Erlebnis, sondern die Wiederholung, das Sich-Einschleifen von Sätzen und Denkmustern macht dir Probleme… Hab dein Schicksal lieb, es ist der Weg Gottes mit deiner Seele… Deine Eltern haben in ihren Möglichkeiten Vater- und Mutterschaft gelebt, doch ihre Elternschaft ist nur ein Teil der ganzen Wirklichkeit, in der du lebst.

Mein Herz erkannte, dass hinter den zwei Bäumen noch ein Baum ist, durch den alles seinen Platz findet. Dieser Baum stand für meinen himmlischen Vater. Und mein Herz wurde in diesem Moment tief gewahr: Er ist der erste, der mich liebt und Er ist es, der will, dass ich lebe. ­Jeden Tag meines Lebens, lange bevor ich begann, ihn zu suchen, war und ist er für mich da.

Diese Wahrheit berührte in diesem Moment mein Herz. Dieser Baum schien zu leuchten und selbst die Schatten in Licht zu hüllen. Ein Prophetenwort fasst in Worte, was an diesem Vormittag im Wald für mich neu aufleuchtete: Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43,1).

Der Drei-Eine-Gott ist für mich da – das ist die gute Nachricht dieses Erlebnisses. Es führte dazu, dass ich dankbar meine Eltern entlassen und mich erwartungsvoll auf den Drei-Einen einlassen wollte. Dann wandte ich mich von meiner Vergangenheit hin zu meiner Zukunft und verortete mich in diesem Gott neu. Ich legte mich und mein Leben, wie es ist, in seine Hände. Ich bat ihn, wie Jesaja es benannte, Herr zu sein. Ich öffnete meine Hände und sah nach vorn. Ich sah ­einen Weg, der vor mir anstieg. Ich bat ihn mitzugehen, bat ihn, mein guter Hirte zu sein. Und ich bat ihn um seinen guten Geist, der tröstet und aufbaut.

Mir wurde neu bewusst, dass die Gnade Jesu, die Liebe des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes jederzeit mit mir sind, schon damals und bis heute.

Seither übe ich mich – auch mit mir zu sein. Ich schaue hin, bejahe, vor allem halte ich aus, verbinde mich mit dem, was in mir ans Licht kommt und male mir selbst immer wieder vor Augen, dass dieses „Du bist mein“ ehrlich und echt ist und mich meint.

Einige Jahre sind seither vergangen. Mittlerweile kenne ich die Strategien, die ich als Kind wählte, um in der Dreieckskonstellation von meiner Mutter, meinem Vater und seiner Mutter zu überleben und zu wachsen. ­Angelernten Denkmusterschleifen gebe ich ein Upgrade, damit sie zu einem 53-jährigen Mann passen und eben diese Wirklichkeit, die liebende Gegenwart des dreieinen Gottes als mein Anfang, mein Heute und meine Zukunft miteinbeziehen.

Ich bin dankbar für Menschen, die mir beständige Wegbegleiter sind in meinem Auf und Ab in diese ganze Wirklichkeit hinein: Ich bin nicht allein, ich bin geliebt und nichts kann mich von dieser Liebe scheiden – nichts – weil Er es so will.

Ich habe an meinen Stille-Zeit-Platz ein Bild Rembrandts von der Rückkehr zum Vater gehängt. Ich schaue es oft an. Manchmal tauche ich mit meiner Vorstellung in dieses Bild ein, spüre den Herzschlag dieses Vaters, seine Wärme, seine tröstenden und ermutigenden Hände. Mehr und mehr begreife und fühle ich, er meint mich in meiner ganzen Wirklichkeit. Dieses Bild wird mir auch zum Vorbild dafür, wie ich als Vater an mir und an anderen handeln will. Liebe, Wahrheit mit Güte in ganzer Entschiedenheit, so wirkt dieser Vater auf mich. Ein guter Vater werden – dahin bin ich unterwegs. So übe ich jeden Tag zu handeln wie er, so gut es gerade geht. Vor allem meine Frau und meine Kinder sind für mein Üben rückblickend dankbar. Gewachsen sind Beziehung, Nähe und Verbundenheit. Auch in mir ist es friedlicher.

Der Weg bleibt Anstieg und er ist steinig. Ein erneuertes Denken kommt nicht über Nacht. Dieses Erlebnis im Wald stellte meine Lebenskoordinaten ins rechte Licht: Du bist mein! Diese Wahrheit leuchtet je nach Tagesform mal glimmend, mal hell und klar, aber sie leuchtet, jeden Tag neu.

Von

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