Das Kreuz: Gottes Heil im Leid der Welt

Liebe, die verwandelt

Das Kreuz galt in der antiken Welt als die grausamste Form der Todesstrafe. Sie wurde vor allem bei Schwerverbrechern und politischen Aufrührern angewandt. Dieses schändliche Marterwerkzeug wurde durch den Opfertod Jesu am Kreuz zum Kern der christlichen Botschaft. Für viele Menschen von damals bis heute ein unerträglicher Skandal (1 Kor 1,23). Nietzsche meinte, dass die Botschaft vom Kreuz nichts anderes sei als eine Glorifizierung der Schwachheit. Zunächst erscheint die Gestalt des elenden, schwachen und leidenden Menschen (Jes 53) tatsächlich als ein Zeichen der Ohnmacht Gottes. Hatte Gott nicht die Macht, Jesus vor dem Kreuzestod zu bewahren? (Mt 26,53) Um diese Frage zu beantworten, mag eine Besinnung auf den Anfang helfen.

Liebe ist Freiheit

Unser Glaube sagt, dass wir unseren Ursprung im dreieinigen Gott haben. Gott ist die Liebe (1 Joh 1,4). Aus der Liebesgemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes sind wir hervorgegangen; als sein Abbild hat er uns geschaffen (Gen 1,6), weil er seine Liebe mit jemandem teilen wollte. Gott hat uns aus Liebe gewollt und beruft uns, an seiner Liebe teilzuhaben. Um seinen Plan der Liebe zu verwirklichen hat Gott sich das Universum ausgedacht – eine wunderbare Lebenswelt für den Menschen, in der er sich entfalten und Gottes Größe und Schönheit genießen kann. Die wichtigste Eigenschaft seiner Liebe ist die Freiheit. Gott hat den Menschen die Freiheit geschenkt, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Wir können uns für das Gute, aber auch für das Böse entscheiden.

Im weiteren Verlauf der Geschichte (Gen 3,1-24) erfahren wir, dass der Mensch nicht auf Gott vertraut. Von den Worten der Schlange verführt hegt er den Verdacht, dass Gott seine Freiheit einschränkt. Der Mensch will seine Existenz nicht mehr von Gott empfangen. Indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod. Das nennen wir die Erbsünde (vgl. Röm 5,12). Von da an ist unsere Welt keine heile Welt mehr. Die gesamte Schöpfung ist nun mit dem Virus des Misstrauens und Zweifels an der Güte Gottes infiziert: Liebt Gott mich wirklich? Meint er es tatsächlich gut mit mir? Kümmert er sich um mich? Warum hat Gott solch ein Leid zugelassen? Wir alle tragen einen Tropfen des Giftes dieser Denkweise in uns und leben nun in einer Welt voller Spannung. Die ursprüngliche Harmonie und der vertraute Umgang mit Gott sind verloren gegangen; auch die Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen hat einen Bruch erlitten.

Liebe ist Leiden

Die Beziehung der Welt zu Gott wäre zerbrochen, wenn Gott nicht in seinem Sohn Jesus Christus das Böse auf sich genommen und den Tod am Kreuz erlitten hätte. Jesus wusste: Das Böse wird nicht mit Gewalt besiegt, sondern indem er unsere Verlorenheit in sein Leben aufnimmt und es unter Schmerzen durchleidet. Weil wir einen Gott haben, der zum Leiden aus Liebe fähig und bereit ist (Hebr 2,18; 5,2-3), können wir errettet und erlöst werden. Das ist der Glaube der Christen.

Aus meiner Perspektive als Seelsorger spiegelt das Kreuz die Lebenswirklichkeit von uns Menschen. Ohne den Blick aufs Kreuz müsste ich vor dem Leid mancher Menschen gänzlich verstummen: Da stirbt eine junge Mutter an Krebs; da kommt ein Jugendlicher bei einem Verkehrsunfall ums Leben; ein alter Mensch quält sich jahrelang mit Krankheiten und Siechtum und kann nicht sterben; ein anderer wird hilflos in den Abgrund einer Depression hinuntergezogen. Und der Blick auf die Welt macht es nicht leichter. All die Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Kriege und Grausamkeiten, die Menschen verüben. Wenn man das an sich heranlässt, will man schreien: Warum Herr? Wie lange noch? Es heißt, Gott will nicht, dass wir leiden, aber warum lässt er es dann zu? Warum schreitet er nicht ein und hilft, wenn er doch die Macht dazu hätte? Heißt es nicht, dass er nichts anderes will als unser Heil? Gottes Liebe und dieses Elend in der Welt passt einfach nicht zusammen und erschüttert den, der an einen Gott der Liebe glaubt.

Leid und Unglück führen in eine der tiefsten Anfechtungen des Glaubens. Das illustriert der Film Shadowlands. Es geht um die wahre Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe, die uns in eine tiefgründige Auseinandersetzung bringt mit der Frage nach dem Sinn und der Bewältigung von Leid. Der Protagonist des Films, C.S. Lewis, ist Junggeselle aus Überzeugung und lebt das wohlgeordnete Leben eines angesehenen Gelehrten. Unerwartet tritt eine Frau in sein Leben, die eine große Faszination auf ihn ausübt. Doch ihre wachsende Liebe wird von einem schrecklichen Schicksal überschattet: sie hat Krebs und nicht mehr lange zu leben. Bis dahin vermochte dieser exzellente Denker Zweifel, Furcht, Schmerz und Schrecken weitgehend unter Kontrolle zu halten. Er schreibt und hält glänzende Vorträge über das Leid, die in dem Satz gipfeln: „Das Leiden – gerade jenes, dessen ungerechte Wucht uns die Sprache verschlägt – brennt alles weg, was nicht Gott ist.“ Doch als die Frau, die er liebt, sich in ihrem Krebsleiden in Qualen krümmt, kommt ein völlig verängstigter Mann zum Vorschein. Unerträglich, das Leiden des Menschen, den er liebt, mitansehen zu müssen, ohne helfen zu können. Noch unsäglicher wird sein Leid, als seine Frau schließlich stirbt. Er fragt: „Wozu lieben, wenn der Verlust so wehtut?“ Ein Geistlicher versucht ihn zu trösten: „Gott allein weiß, warum uns solche Dinge passieren müssen.“ Er reagiert: „Gott weiß es, aber interessiert es Gott?“ – „Selbstverständlich, wir erkennen so wenig von hier unten, wir sind nicht der Schöpfer der Welt.“ – „Nein, nein, wir sind ja nur die Geschöpfe, wir sind die Ratten in seinem kosmischen Laboratorium. Ich zweifle nicht, dass das Experiment zu unserem Besten ist, aber trotz alledem ist Gott ein Vivisektionist, nicht wahr? … Es ist eine verdammte Schweinerei, ich will nicht drumrum reden.“

Wenn Liebe schweigt

Menschen, die unfassbares Leid erleben, sind nicht philosophisch interessiert, sondern im Herzen getroffen. Darum erregen auch die besten Erklärungen nur Widerspruch und Abwehr. Der bittere Stachel der Sinnlosigkeit lässt sich von keinem noch so ausgefeilten Argument entfernen. Gut gemeinte und fromme Redeweisen wirken meist zynisch. Was will man auch einem Menschen noch klarmachen, den das Gefühl beschleicht, hilflos einem grausamen Gott ausgeliefert zu sein, der schweigt und sein Spiel mit den Menschen treibt? Ein guter Gott und das Leid in der Welt passen einfach nicht zusammen. Unser natürliches Empfinden sagt: „Ich will nicht leiden.“ Das Leiden und das Böse sollen eigentlich nicht sein; und dennoch sind sie da.

Von der Welt her ist das menschliche Leiden im Letzten untröstbar. Trotzdem suchen wir danach, wo Gott in all den Abgründen des Leidens ist. Die Antwort darauf hat Gott selbst gegeben, nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Tat. Jesus Christus – von dem wir glauben, dass er Gott ist – hat sich nicht gescheut, für uns und zu unserem Heil das Kreuz auf sich zu nehmen. Gott selbst entfernt nicht das Leid, sondern er trägt es. Der französische Schriftsteller Paul Claudel bringt es auf die Formel: „Gott ist nicht gekommen, um das Leid abzuschaffen; auch nicht, um es zu erklären, sondern um es mit seiner Gegenwart zu erfüllen.“ Gott lässt den Schmerz der Welt durch sein eigenes Herz dringen. Er setzt seine Macht nicht dazu ein, um das Leiden zu beseitigen, sondern er setzt seine Liebe ein, um uns zu verwandeln. Das Leid, das wir tragen, ist mehr als nur die innere Konsequenz unserer Sünde. Seit dem Kreuzesgeschehen gilt das Leid stets auch als Teil der Heilung. Der Kirchenvater Augustinus sagt: „Unser Leben kann auf dieser Pilgerschaft nicht ohne Anfechtung sein, denn unser Fortschreiten braucht die Anfechtung. Niemand erkennt sich selbst, der nicht versucht wurde. Keiner wird gekrönt, wenn er nicht siegt. Er kann nicht siegen, wenn er nicht kämpft, und er kann nicht kämpfen, wenn er keinen Feind und keine Anfechtung hat.“ Das ist sehr kategorisch gesagt, aber hier kann man eine menschliche Sinnfindung entdecken, die auch humanistische Philosophen und Psychologen entdeckt haben: All die Leiden, die vielerlei Konflikte in der Welt und auch die Gefahr des Bösen fordern uns heraus zu Wachstum und Reifung. Helden werden zumeist in schwierigen Zeiten geboren. Was in einem Menschen steckt, kommt erst zum Vorschein, wenn er herausgefordert wird und große Schwierigkeiten zu überwinden hat. „Woran reifen wir denn, wenn nicht an unseren Leiden?“ fragt die Schriftstellerin Luise Rinser.

Nachdem er erfahren hat, dass seine Frau Krebs hat, sagt der Protagonist des Films Shadowlands: „Wenn wir jemanden lieben, wollen wir nicht, dass er leidet; wir können es nicht ertragen und wollen sein Leiden auf uns nehmen. Und wenn schon ich das so empfinde, warum dann nicht Gott?“ Den Unterschied zu Gott können wir darin erkennen, dass Gott unendlich tiefer liebt als wir, und trotzdem sieht er, duldet er, lässt er zu, dass die, die er liebt, leiden. Sollte ich ihm darin nicht vertrauen, dass er die Menschen einfach nur kühner liebt als ich? Wenn Gott uns manchmal nicht zu helfen scheint, bedeutet das nicht, dass er uns im Stich lässt, sondern dass er auf uns vertraut und auf das, was wir planen, entwickeln und finden können. Offensichtlich begnügt sich Gott für uns nicht mit einem kleinen, friedlichen Glück, wie ich es mir vorstelle. Er will, dass wir liebesfähig werden. Lieben ist für den Menschen zugleich das Schönste und das Schrecklichste auf der Welt. Wir sind für die Liebe geschaffen und doch unfähig dazu geworden. Denn die Liebe kostet uns etwas. Es geht nicht darum, das Leid irgendwie zu verkraften. Stattdessen müssen wir lernen, Schmerz und Glück zusammenzudenken, so erklärt es die krebskranke Frau in besagtem Film: „Was ich sagen will, ist, dass der Schmerz, der irgendwann kommen wird, jetzt zu meinem Glück dazu gehört. So sieht es aus!“

Wenn Liebe ja sagt

Wir müssen anerkennen, dass die Wirklichkeit weit größer ist als unsere Logik. Nicht nur wir stellen Fragen an Gott, auch Gott stellt Fragen an uns, die wir nur mit unserem Leben beantworten können. Der Weg des Glaubens ist kein Weg, der erklärt, sondern ein Weg, der annimmt. Nur von dieser Annahme her, von dieser Versöhnung her, können wir auch eine größere Geschichte, einen tieferen Sinn erahnen. Es scheint wie ein Widerhall der leidenschaftlichen Worte Hiobs, der auf die Forderung seiner Frau, sich gegen all das Böse aufzulehnen, das ihm widerfährt, antwortet: Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen? (Hiob 2,10). Nur der Herr kann uns die Kraft geben, das Leben so anzunehmen, wie es ist, und selbst dem, was darin widersprüchlich, unerwartet oder enttäuschend ist, Raum zu geben. Im Annehmen offenbart sich die Stärke, die vom Heiligen Geist kommt, in unserem Leben.

Jesu Kommen in unsere Mitte ist ein Geschenk des Vaters, damit ein jeder sich durch sein Kreuz mit seinem persönlichen Kreuz versöhnen möge, auch wenn er es nicht versteht. Meine Großmutter, der an Leid und Entbehrung nichts erspart blieb, erzählte mir viele Begebenheiten aus ihrem Leben, in denen sie aus ihrem Glauben heraus ihren ­Ärger und ihre Enttäuschung ablegen konnte, um hoffnungsvoll dem Platz zu machen, das sie nicht selbst gewählt hatte und das unabänderlich war. Dabei half ihr ein Zuspruch von Franz von Sales (1567-1622):

„Gottes ewige Weisheit hat von Ewigkeit her das Kreuz ersehen, das er dir als ein kostbares Geschenk aus seinem Herzen gibt: Er hat dieses Kreuz, bevor er es dir schickte, mit seinen allwissenden Augen betrachtet, es durchdacht mit seinem göttlichen Verstand, es gegrüßt mit seiner weisen Gerechtigkeit, mit liebenden Armen es durchwärmt, es gewogen mit seinen beiden Händen, ob es nicht einen Millimeter zu groß und ein Milligramm zu schwer sei. Er hat es gesegnet in seinem allheiligen Namen, mit seiner Gnade es durchsalbt und mit seinem Trost durchduftet. Und dann hat er noch einmal auf dich und deinen Mut geblickt, und so kommt es schließlich aus dem Himmel zu dir als ein Gruß Gottes an dich, als ein Almosen der allbarmherzigen Liebe.“

Das Leben auf diese Weise anzunehmen führt uns zu einem verborgenen Sinn. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden (Mt 5,4). Wenn man uns nach einer schweren Heimsuchung fragt: „Möchtest du wieder von vorne ­beginnen?“, dann lautet selbstredend die Antwort: „Niemals!“ Aber wenn man uns fragt: „Möchtest du vermissen, was du durchgestanden hast?“ und „Wirst du dich jetzt genauso verhalten wie vor diesem Schicksalsschlag?“ – dann beginnen wir abzuwägen, was uns diese bitteren und angstvollen Stunden gebracht haben, und empfinden Dankbarkeit dafür. Wenn sie uns sehend gemacht haben, werden wir dann nicht zugeben, dass ­Leiden auch ein Licht sein kann?

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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