Bis zur Neige

Der Kelch unseres Lebens

Nachdem ich zehn Jahre mit geistig behinderten Menschen und deren Assistenten (in der Arche-Gemeinschaft Daybreak) zusammengelebt habe, ist mir mein eigenes Leid sehr bewusst. Es gab eine Zeit, da ich mir sagte: „Nächstes Jahr werde ich es endlich geschafft haben“, oder: „Wenn ich älter bin, werden diese Perioden innerer Dunkelheit von selbst verschwinden“, oder: „Mit den Jahren werden sich meine emotionalen Bedürfnisse mehr und mehr legen.“ Jetzt weiß ich aber, dass meine Leiden zu mir gehören und nicht von mir zu trennen sind. Ja, ich weiß, dass es nicht nur sehr alte, sondern auch sehr tiefe Leiden sind, und ihnen auch mit noch so viel positivem Denken und noch so viel Optimismus nicht beizukommen ist. Das ausgeprägte Verlangen aus meiner Jugend, jemanden zu haben, der mich mag und der zu mir hält, regt sich noch; mein unerfülltes Bedürfnis nach Bestätigung, das ich als junger Erwachsener kannte, ist nach wie vor lebendig. Der Tod meiner Mutter und mehrerer Angehöriger während der vergangenen Jahre schmerzt mich weiterhin. Darüber hinaus leide ich darunter, dass ich nicht der Mensch geworden bin, der ich gern sein wollte, und dass Gott, zu dem ich so viel gebetet habe, mir nicht gegeben hat, wonach ich sehnlich verlangte. Aber was bedeutet schon das Leid in dieser kleinen Gemeinschaft in Kanada verglichen mit dem Leid in einer Stadt, einem Land, in der Welt? Und denken wir auch an das Leid der Heimat- und Obdachlosen? Das Leid der jungen Menschen, die erkrankt sind und dem Tod entgegengehen, der Tausenden, die in Gefängnissen, Heilanstalten oder Pflegeheimen leben; das Leid gescheiterter Ehen, der zahllosen Notleidenden und Arbeitslosen, der vielen behinderten Frauen und Männer, die nicht die Fürsorge wie in Daybreak erfahren? Und blicke ich über die Grenzen meiner Stadt und meines Heimatlandes hinaus, wird das Bild des Leids noch düsterer und erschreckender. Ich sehe elternlose Kinder, die in den Straßen von Sao Paulo wie Wolfsrudel umherstreunen. Ich sehe halbwüchsige Mädchen und Jungen, die in Bangkok als Prostituierte feilgeboten werden. Ich sehe die ausgemergelten Gesichter der Kriegsgefangenen in den Lagern des ehemaligen Jugoslawien. Ich sehe die nackten, erschöpften Menschen in Äthiopien und Somalia, die ziellos durch das ausgedörrte Land wandern. Ich sehe Millionen einsamer, darbender Gesichter in aller Welt und Berge von Leichen, Opfer grausamer Kriege und Völkermorde.  Wessen Kelch ist das? Es ist unser Kelch, der Kelch menschlichen Leids. Jeder von uns hat sein eigenes, ganz persönliches Leid und muss es leben. Aber für jeden von uns gilt, dass unser eigenes Leid zugleich das Leid aller, das Leid der Welt ist.

Der Gekreuzigte und wir

Nun blicke ich auf den Menschen, der alles Leid in sich verkörpert. Er hängt mit ausgestreckten Armen an einem Kreuz. Es ist Jesus von Nazareth: von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt, von römischen Soldaten gekreuzigt und von Juden und Heiden in gleicher Weise verspottet und verhöhnt (vgl. Mt 27,40; Lk 23,35.39). Aber dieser Gekreuzigte sind auch wir, ist die gesamte Menschheit. Menschen aller Zeiten und Orte, die samt ­ihren Wurzeln aus der Erde gerissen wurden in einem für die ganze Schöpfung zu beobachtenden erschreckenden Schauspiel der Todesangst. Jesus sagt: Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alle zu mir ziehen (Joh 12,32). Jesus, der Mann der Schmerzen, und wir, die vom Leid verfolgten Menschen, hängen dort zwischen Himmel und Erde und rufen laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (vgl. Mt 27,46). Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?, fragte Jesus seine beiden Freunde. Sie antworteten: Ja, hatten aber keine Ahnung, was er damit meinte. Der Kelch Jesu ist der Kelch des Leids, nicht nur des eigenen, sondern des Leids der ganzen Menschheit. Es ist ein Kelch voll körperlicher, seelischer und geistiger Angst und Pein. Es ist der Kelch des Hungerns, der Misshandlung, der Einsamkeit, der Zurückweisung, der Verlassenheit und der unermesslichen Todesangst. Es ist ein Kelch voller Bitternis. Wer will diesen Kelch schon trinken? Es ist der Kelch, den Jesaja den Becher des Zornes Gottes nennt, den Taumelkelch, den du bis zur Neige geleert hast (vgl. Jes 51,17) und den der zweite Engel im Buch der Offenbarung als den Zornwein ihrer Hurerei bezeichnet (vgl. Off 14,8), den Babylon allen Völkern zu trinken gegeben hat. Als die Stunde gekommen war, da Jesus diesen Kelch trinken musste, sagte er: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod (Mt 26,38). In seiner Angst war sein Schweiß wie Blut, das auf die Erde tropfte (Lk 22,44). Seine engen Freunde Jakobus und Johannes, die er gefragt hatte, ob sie den Kelch trinken können, den er trinken werde, waren zwar bei ihm, schliefen aber vor Traurigkeit (Lk 22,45). In tiefer Einsamkeit warf sich Jesus zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber (Mt 26,39). Er konnte sich mit ihm nicht abfinden. Zu viel Pein galt es zu ertragen, zu viel Leid zu umarmen, zu viel Todesqual zu erleiden. Spürte er, dass er diesen bis zum Rand mit Schmerzen gefüllten Kelch nicht trinken kann?

Jesus und sein Abba

Warum sagte er schließlich dennoch „Ja“? Ich kann diese Frage nicht vollständig beantworten, sondern nur sagen, dass abgesehen von aller Verlassenheit, die er an Leib und Seele erfuhr, Jesus dennoch mit dem im Geiste verbunden war, den er Abba, lieber Vater, nannte. Er besaß ein Vertrauen, größer als aller Verrat, eine Hingabebereitschaft, größer als alle Verzweiflung, eine Liebe, größer als alle Angst und Traurigkeit. Diese innige Verbundenheit, die alles menschliche Maß übersteigt, ermöglichte es Jesus, die Bitte, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen, zu einem Gebet an den zu machen, der ihn „mein geliebter Sohn“ genannt hatte. Selbst seine Todesangst vermochte dieses Band der Liebe nicht zu durchschneiden. Es konnte weder im Körper erspürt noch im Geist bedacht werden. Und dennoch bestand dieses Liebesband jenseits allen Empfindens und Denkens und hielt die Verbundenheit trotz aller Verzweiflung aufrecht. Dank diesem geistlichen Rückhalt, dieser innigen Verbundenheit mit seinem Vater konnte er den Kelch in Händen halten und beten: Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39). Jesus warf den Kelch nicht verzweifelt von sich. Nein, er behielt ihn in seinen Händen und war bereit, ihn bis zur Neige zu trinken. Dies war kein Zurschaustellen von Willensstärke unbeirrbarer Entschlossenheit oder überragendem Heldentum. Es war ein tiefes Ja zum Abba, seinem lieben Vater, zu dem, der sein verwundetes Herz erfüllte.

Betrachte ich mein eigenes leiderfülltes Herz, denke ich an meine kleine Gemeinschaft geistig behinderter Menschen mit ihren Assistenten, dann frage ich mich, woher dieses entschiedene „Ja“ kommen soll. In meinem eigenen Herzen und in den Herzen meiner Mitmenschen höre ich den Aufschrei: „Mein Gott, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch des Leids an uns vorüber!“ Ich höre ihn in der Stimme des jungen Mannes mit Aids, der auf einer der großen Geschäftsstraßen Torontos um Essen bettelt. Ich höre ihn im leisen Stöhnen hungernder Kinder, in dem Schreien gefolterter Gefangener, in dem lauten Protest vieler gegen die Gefahren der Atomenergie und die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts und ich höre ihn in den zahllosen Appellen zu Gerechtigkeit und Frieden in allen Teilen der Welt. Dieses die ganze Welt umfassende Gebet steigt nicht wie Weihrauch auf zu Gott, sondern wie ein hell loderndes Feuer.

Wir und Gottes Engel

Woher soll aber dieses entschiedene „Ja“ kommen? „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Wer kann denn „ja“ sagen, wenn er die Stimme der Liebe noch nicht gehört hat? Wer kann denn „ja“ sagen, wenn er keinen Abba, keinen lieben Vater kennt, an den er es richten kann? Wer kann denn „ja“ sagen, wenn keine Andeutung von Trost zu erkennen ist? Mitten im Gebet seiner Todesangst, in dem Jesus den Vater bittet, seinen Kelch des Leids von ihm zu nehmen, gab es eine Andeutung von Trost. Nur der Evangelist Lukas spricht davon. Er sagt: Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn (Lk 22,43). Mitten im Leid ist Trost. Mitten in der Dunkelheit ist Licht. Mitten in der Verzweiflung ist Hoffnung. Mitten in Babylon leuchtet ein Strahl von Jerusalem auf, und mitten in der Heerschar von Dämonen erscheint der Engel des Trostes. Der Kelch des Leids ist zugleich – so unbegreiflich es erscheinen mag – der Kelch der Freude. Nur wenn wir die im eigenen Leben entdecken, können wir den Mut fassen, den Kelch auch wirklich zu trinken.

Von

  • Henri Nouwen

    (1932-1996), ein römisch-katholischer Priester aus den Niederlanden, Psychologe und Schriftsteller geistlicher Bücher.

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