Liebe Mitchristen,

vom Kirchenjahr her gesehen stehen wir kurz vor den „Heiligen Drei Tagen“, an denen Christen in aller Welt Leiden, Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus als einen einzigen Gottesdienst nachvollziehen. Am Karfreitag blicken wir besonders auf das Kreuz, den Kaufpreis unserer Erlösung. Vielleicht würden wir das Kreuz lieber hinter uns lassen und gleich Ostern, das Fest der Auferstehung, feiern. Doch unsere Erlösung lässt sich nur als Einheit von Leiden, Tod und Auferstehung verstehen.

Im vorliegenden Heft geht es vornehmlich um das Kreuz Jesu Christi als das Herz christlichen Glaubens und christlicher Verkündigung. Wir erinnern uns vielleicht noch an den Streit darum, ob in öffentlichen Gebäuden und Klassenzimmern Kreuze hängen dürfen oder nicht. Der Anblick des Kreuzes wird als Zumutung empfunden. Den Gott der Liebe darf man vielleicht noch nennen, aber nicht die Konsequenzen aufzeigen, wohin diese Liebe ihn gebracht hat, nämlich bis ans Kreuz. Das Kreuz ist und bleibt ein Stein des Anstoßes, heute wie schon vor 2000 Jahren (vgl. 1 Kor 1,23+24).

Auch in der gegenwärtigen Theologie werden seit einigen Jahrzehnten zunehmend Stimmen laut, die erhebliche Probleme mit der traditionellen Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Sühneopfertod haben. Immer wieder wird vorgebracht, sie stelle eine kaum überwindbare Verstehensbarriere dar, werde zur theologischen Legitimation von Leiderfahrung und Unterdrückung missbraucht und begünstige Destruktion und Gewalt.

Doch mit diesem Einwand wird geleugnet, dass der Mensch „Rettung“ braucht. Es ist eine Sünde unserer Urahnen, die uns in diesen ­defizitären Zustand gebracht hat, aus dem wir uns selbst nicht befreien können. Wie will man die überwältigenden Zeugnisse der Heiligen Schrift weginterpretieren (vgl. Psalm 51,6; Röm 5,18+19)? Die Möglichkeit der Stellvertretung sind für das moderne Bewusstsein offensichtlich schwer anzueignen. Aber unsere ganze Hoffnung hängt daran.

Wir lesen im Kreuz nicht eine sinnlose Selbstvernichtung, sondern die Liebe Gottes, die uns durch sein Leiden und Sterben Versöhnung und Leben schenken will. Von daher ist Antwort zu geben auf die Frage: Wie gehen das Geheimnis des Kreuzes mit dem Glauben an die Liebe Gottes zusammen? Wie kann die Liebe Gottes und der leidvolle Zustand dieser Welt in Einklang gebracht werden? Schwere Stunden lassen auch den Christen zweifeln. Woher soll der Mensch Hoffnung schöpfen, wenn alles ausweglos erscheint?

„Wir aber haben gehofft…“ Dieses Wort des Emmaus-Jüngers schreibt die menschliche Enttäuschung mitten ins Evangelium. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie leben wir alle in einem Land der verkleinerten Hoffnungen. Ein Lockdown folgt dem nächsten. Einsames Sterben und Leiden, wirtschaftliche Not und Verzweiflung. Nur der Glaube an die Liebe Gottes macht es möglich, am Geheimnis des Kreuzes nicht irre zu werden: Was auch immer mit mir geschieht – Gott liebt mich! Es ist die am Kreuz aufscheinende Liebe, die rettet! Jesus lehrt uns, dem Leiden nicht auszuweichen: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen.“ (Mk 14,36; Lk 22,42). Wenn die Leiden, Enttäuschungen oder Schmerzen kommen, sollten wir sie wie er mit Gefasstheit annehmen. Im Vaterunser lehrte Jesus uns zu beten: Dein Wille geschehe! (Mt 6,10). Wenn wir mit dem Zeichen des Kreuzes beten „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, vertrauen wir uns Gott an und sagen: Wir möchten, dass alles im Namen des Dreieinigen Gottes geschehe und nicht nach unserem Willen, sondern nach dem Willen Gottes handeln, im Namen der Dreieinigkeit. Unter dem Zeichen des Kreuzes leben heißt, mit seinem ganzen Leben die am Kreuz sichtbar gewordene Liebe erwidern. Der Gottessohn hätte kein Leid ertragen müssen. Er hätte mit seiner überlegenen Kraft die Macht des Todes, der Sünde und des Teufels besiegen können. Stattdessen verband er sich mit der Menschheit, erlebte unsere Notlage unter Tränen und hat durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt (Hebr 5,8). Er ist diesen schwierigen Weg gegangen – nicht für sich selbst, sondern für uns. Christus hat das Vorbild für unser eigenes Leben vorgezeichnet. Er zeigte uns den Weg sieghaften Lebens im gewöhnlichen Alltag. Seinem Beispiel folgend können auch wir durch Leiden Gehorsam und Liebe zum Vater lernen.

Hier wird die existenzielle Bedeutung des Kreuzes unübersehbar und deutlich erkennbar. Leben und Glauben sind nirgendwo so verbunden wie in den Menschen, die um Christi willen leiden. Und darum ist das Kreuz so wertvoll für die Seelsorge, weil sie uns den Weg zeigt, den wir zu gehen haben, um an Christus glauben zu können. So darf der Christ sich in seinen Leiden ausrichten auf das Vorbild Jesu, der ihm den schweren Weg durch Leiden zur Vollendung vorangegangen ist (Hebr 12,2). Gott selbst hat sich unter das Gesetz der Sünde und des Leidens gebeugt, um es mit seiner Liebe von innen her aufzubrechen. Diese Lösung ist reine Gnade; sie wird nicht denkerisch errungen, im Gegenteil, sie bleibt rein rational immer anfechtbar. Doch sie wird dem Leidenden geschenkt, der mit aller Kraft im Angesicht Gottes um sie ringt.

Mit einem Gedicht von Gertrud von Le Fort möchte ich Ihnen zu dieser Sichtweise Mut ­machen:

Nicht nur der lichte Tag,
auch die dunkle Nacht hat ihre Wunder.
Es gibt Blumen,
die nur in der Wildnis gedeihen,
Sterne, die nur am Horizont
der Wüste erscheinen.
Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe,
die uns nur in der äußersten Verlassenheit,
ja am Rande der Verzweiflung,
geschenkt werden.

In solcher Hoffnung von Herzen mit Ihnen verbunden grüßt Sie herzlich,

Ihr
Rudolf M. J. Böhm
Greifswald, den 11. März 2021

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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