Das Ungeheuerliche glauben

Seit Adam und Eva ist es so

Das Wort vom Kreuz ist „Unsinn“ für die, die verlorengehen. Uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben: „Zunichte machen will ich die Weisheit der Weisen, und das Verständnis der Verständigen verwerfen.“ Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer dieser Weltzeit? Hat doch Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht! Denn weil die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, durch ihre Weisheit Gott nicht erkannt hat, hat Gott nun beschlossen, durch den „Unsinn“ der Verkündigung die zu retten, die glauben. Während die Juden (Bestätigungs-)zeichen fordern, und die Griechen Weisheit (zu hören) suchen, verkündigen wir Christus, den Gekreuzigten. Für Juden ist er ein „Skandal“ und für die Griechen „Unsinn“ – für die „von Gott“ Berufenen aber, Juden wie Griechen, ist Christus (der Gekreuzigte) Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn Gottes „Unsinn“ ist weiser als die Menschen und Gottes „Ohnmacht“ stärker als die Menschen (1 Kor 1,18-25).

Liebe Gemeinde!

Diese Sätze des Apostels Paulus haben mich schon als jungen Menschen fasziniert und mein Leben lang begleitet. In ihrer trotzig-wuchtigen Widersprüchlichkeit fordern sie zum Denken heraus: Ihr Christen, die ihr in eurem täglichen Glauben mit dem Bild des gekreuzigten Christus lebt, bemerkt ihr eigentlich noch das Ungeheuerliche, dass ausgerechnet dieser brutal und schändlich Hingerichtete Gottes Sohn und unser aller Erlöser ist? Wie kann das wahr sein? Wie kann er gar unser allerletzter Trost im Leben und im Sterben sein?

Hier im Lübecker Dom ist dieses Ungeheuerliche überdeutlich: Das riesige Kreuz beherrscht den ganzen Raum. Christus ist um vieles größer als Adam und Eva, wie kleine Kinder stehen sie vor ihm. Aber nicht als hilflos Sterbender blickt er Adam an, als wollte er ihm etwa bedeuten: Es ist alles aus, mit mir stirbt jetzt Gott für euch. Sondern er wirft Adam einen Blick voller Ernst und Lebenskraft zu: Sieh, ich bin mit dir, und mit meinen ausgestreckten Armen umfange ich euch alle. Seht, wie der hohe Holzpfahl, an dem ich für euch sterbe, zum Lebensbaum wird, aus dem alle mit neuem Leben hervorsprießen, die je als meine Jünger zu mir und zu Gott gehört haben.

Vom Todesbaum ...

Unter diesem Kreuz feiern wir das Heilige Mahl: „Das ist mein Leib, für euch hingegeben“ – ich ganz in dir, du ganz in mir. „Das ist mein Blut“ des neuen und ewigen Bundes Gottes mit seiner ganzen Kirche. „Seht und schmeckt“ die wunderbare Liebe Gottes, in der er euch von aller Sünde frei und euer Leben heil, frei und voller Zuversicht macht! Aber es ist ein anderes, dies immer wieder in unseren Gottesdiensten zu erfahren und mit erstaunter Gewissheit im Herzen nach Hause in die kommende Woche mitzunehmen – und ein sehr anderes, den Menschen um uns herum zu erklären, was wir da glauben. Vor allem viele Eltern geraten in Verlegenheit, wenn ihre Kinder sie fragen: Was macht ihr da eigentlich? Zu einem Sterbenden blickt ihr auf wie zu einem Gott, zu einem Hingerichteten, in dem man wohl einen Repräsentanten der Millionen und Abermillionen mit brutaler Gewalt unschuldig geschändeter und hingemordeter Menschen zu erkennen vermag – nicht aber einen, der aus all dem herausretten kann. „Gott ist tot“, was anderes kann das Kreuz bedeuten?

Was haben wir darauf zu antworten?

Das Erste ist eine ernste Bitte: Selbst, wenn uns vieles – oder gar alles – recht fraglich ist, was mit dem Kreuz Christi zusammenhängt, so lasst uns doch die Ehrfurcht nicht verlieren vor diesem Gekreuzigten! Ohne ein volles Ernstnehmen dessen, dass er der Sohn Gottes ist, wird das ganze Christentum zur belanglosen Farce. Sogar noch in der äußersten Todesnot weiß sich Jesus als Gottes Sohn. Sein Schrei nach Gott ist ein Gebet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Jesus wusste, als er starb, dass alles sich jetzt vollendet, was er zuvor von Gott verkündigt hatte: dass der heilige Gott den Willen und die Macht hat, auch absolute religiöse Desperados aus ihrer Gottesferne, ja aus Gottlosigkeit zu erretten.

… zum Lebensbaum

Jesus ist bereits kurz nach seinem Tode, am Morgen des Ostertags nach der Karfreitagsnacht, durch Gottes Allmacht zum Leben auferweckt worden. Gott hat den Gekreuzigten nicht verlassen, er hat sich selbst nicht von einer Welt zurückgezogen, die nichts mehr von ihm wissen will. Zum Leben auferweckt hat Gott seinen Sohn. Und besiegt hat Gott darin für uns den Tod definitiver, ewiger Gottlosigkeit. Diese Osterwahrheit gehört mit dem Geschehen des Kreuzestodes Jesu zusammen. Ohne die Auferweckung des Gekreuzigten kann nicht verkündigt werden und auch niemand glauben, dass Christus uns zum Heil gestorben ist. Beides gehört als unverbrüchliche Einheit zusammen: die Ohnmacht Jesu am Kreuz, in der er unsere Ohnmacht teilt, und die Allmacht Gottes, in der Gott die Ohnmacht seines gekreuzigten Sohnes aufhebt und uns aus letzter Ohnmacht rettet; die Liebe Gottes in der Selbsthingabe seines Sohnes für uns bis in den Tod und der ewige Sieg dieser Liebe im Leben des Auferstandenen. Ist Christus nicht wirklich auferstanden, sagt Paulus, dann freilich wird aller Glaube an den Gekreuzigten zunichte. Dann verliert alles Vertrauen zu Christus, dem Heiland unseres verlorenen Lebens, jegliche Kraft, und allen Dankeshymnen, die die Kirche ihm in ihren Gottesdiensten singt, geht der Atem aus.

Warum bedurfte es überhaupt des Todes Jesu?

Warum sollte es der allmächtige Gott notwendig gehabt haben, seinen unschuldigen Sohn so elend sterben zu lassen, um uns Schuldigen zu vergeben? Wenn schon unter uns Menschen ein Händedruck genügt, um Versöhnung unter Streitenden zu besiegeln, wieviel mehr bräuchte Gott uns doch nur zu sagen: „Ok, ich bin dir wieder gut, alles zwischen uns ist wieder in Ordnung!“ Wer so denkt, nimmt weder ernst, was Sünde eigentlich ist, noch ermisst er, wer der heilige Gott ist, den unsere Sünde zutiefst beleidigt.

Zurück zum Anfang

Dazu müssen wir in den Kern des Alten Testaments zurückleuchten. Am Anfang der Geschichte Gottes mit Israel hat Gott Mose offenbart, wer er ist. Sein Name lautet: „Ich bin, der ich bin.“ Das klingt hochmodern. Genauso denkt ja auch der moderne Mensch von sich selbst. Um mich dreht sich mein ganzes Leben; niemand anderem als mir selbst will ich gehören. Ich lebe für mich selbst, und jeder andere neben mir soll das auch können. Dann ist die Welt in Ordnung. Aber Gott meint seinen Ich-Namen ganz anders als wir, ja sogar völlig gegensätzlich: Sein Ich ist zwar in der Tat so absolut, wie es der Mensch der Moderne von sich behauptet. Aber Er-Selbst ist Gott für die, die er liebt. In seinem eigenen Wesen ist Gott Liebe, nicht Selbstliebe, sondern Liebe zu uns. Was Gott denkt, will, fühlt und tut, das gilt alles uns. Darum lautet der Inhalt seines Ich-Namens so: „Barmherzig, gnädig, geduldig und voll von Liebe und Treue.“ In dieser Liebe schenkt er Israel sich selbst ganz und gar.          
So persönlich er aber in seiner Liebe alles Eigene immer wieder und immer neu darangibt, um für seine Erwählten da zu sein, so persönlich müssen und sollen diese freilich auch ihn lieben „von ganzem Herzen (heißt es), aus ganzer Seele und mit allen Kräften“. Liebe will Liebe als Antwort erwecken, das gehört zu ihrem Wesen – wir wissen es alle. Echte Liebe kann aber Gegenliebe nicht erzwingen! Wie tödlich eine Liebe auf den wirken kann, der durch sie gezwungen werden soll, das erfahren wir Menschen ja untereinander oft genug. Ist es nun aber der lebendige Gott, der uns liebt, so ist seine Gabe Leben in Fülle. Wer sich jedoch der Liebe Gottes verweigert, der entzieht sich selbst dieser Lebensfülle. Er handelt sich mit seinem Nein zu Gott immer zugleich auch den Verlust von Leben ein. Das ist in der biblischen Sprache mit Sünde gemeint: der Eigenwille eines Menschen, sich sein Leben so zu schaffen, wie er selbst es will, ohne Gott über sich, woraus jedoch eine tiefe Schädigung des Lebens entsteht: man lebt, ohne wirklich zu leben.          
Das war die Geschichte Adams und Evas, die sich in der Geschichte jedes Menschen wiederholt, der selbst sein will wie Gott, mein eigenes Ich als mein Gott. Adams Nein zu Gott führte zum Ausschluss vom Leben im Paradies, hinaus in ein Dasein in der Wüste, ganz allein nur dem überlassen, was er selbst aus sich machen kann. Dort hat nun alles Leben mit Tod zu tun. Und sogleich tötet so auch der Bruder seinen Bruder, weil er in ihm seinen Konkurrenten sieht. Wer sich von Gott trennt, trennt sich damit von der Quelle der Liebe.
So wie Gott Adam und Eva sich selbst überlässt, weil er ihr Nein gegen ihn ernstnimmt, so überließ er auch Israel, das seiner Erwählungsliebe immer und immer wieder nicht gehorchen wollte, sondern selbstgemachte Götter feierte, der Heillosigkeit eines Lebens ohne Gott. Und wer könnte nicht verstehen, dass Gott, der sich so selbstlos ganz seinen Erwählten in Liebe hingibt, mit Zorn reagiert, wenn er die, die er liebt und die er zum Leben bringen will, dem Tod als der Folge ihres Ungehorsams überlassen muss. Es ist der Zorn verletzter Liebe, ein Zorn voller Trauer.

Ein seliger Tausch

Doch wunderbarerweise ist Gottes Liebe größer, langlebiger als sein Zorn. Immer neu vergibt Gott den Seinen, wenn sie zu ihm nach Rettung schreien, aber immer wieder fallen sie in den tödlichen Eigenwillen Adams zurück. Schließlich verheißt Gott eine völlige Erneuerung seines Bundes mit diesem bundbrüchigen Volk. Und als Erfüllung dieser Verheißung verkündigt Jesus den Anbruch des ewigen Reiches Gottes: Darin sollen Sünder die ersten sein, die Gottes Vergebung erfahren und zum Leben kommen. Die Gerechten sollen diese Entscheidung der Liebe Gottes annehmen. Aber am Ende muss Jesus erleben, was allezeit zuvor Gott mit seinem Volk erlebt hat: Die Mehrheit Israels lehnt seine Heilsbotschaft vom Reich Gottes ab. Da tat Gottes Liebe ein Allerletztes seiner Selbsthingabe: Jesus nimmt in eigener Person den Tod auf sich, den die Sünder der ganzen Welt sich zuziehen, indem sie sich Gott verweigern. Der Sohn Gottes gibt sein eigenes Leben hin, um das unsere zu retten und zu heilen. Das ist das Geheimnis des Kreuzes: Gottes Liebe ist es, die sich im Leiden und Sterben seines Sohnes für uns alle hingibt.

Gottes Liebe erleidet selbst Gottes Zorn, um uns von allem Elend zu erlösen, dem uns Gottes Zorn überlassen muss. Luther spricht von einem „seligen Tausch“: Im Kreuz Christi tauscht Gott mit uns – er nimmt auf sich, womit wir unser Leben zutiefst verdorben haben, und gibt uns das Leben in Fülle, das sein ist. Die Geschichte der Passion Jesu ist eine Geschichte der Passion der Liebe Gottes zu uns. Gottes Liebe ist so stark, so allmächtig, dass ihr Wille, uns zu retten, den letzten Sieg errungen hat. Der für uns Gekreuzigte hat den Tod überwunden. Er lebt, und in seinem Leben lebt Gottes Liebe zu uns.       

Wir alle dürfen uns der Liebe Christi anvertrauen und sie unser Leben retten lassen von allem, was wir immer wieder tun, um es zu verderben; wir dürfen es heil werden lassen von allen Verwundungen, die wir uns selbst und die andere uns immer wieder zufügen. Alle Schuld wird am Kreuz Christi vergeben. Wir brauchen nicht hilflos mit unserer Schuld umzugehen, indem wir sie entweder einfach leugnen, oder indem wir einfach andere beschuldigen, um selbst als rein dazustehen. Dem ganzen unseligen Netz von Schuld und Gegenschuld, das wir nicht entwirren können – im Glauben an Christus, den Gekreuzigten –, können wir wie aus einem Gefängnis ent­kommen.

Daraus wird deutlich, wie wichtig das Wort vom Kreuz auch für den Dienst von uns Christen für unsere Welt ist. Denn genau besehen ist das Unvermögen, mit Schuld so umzugehen, das schwerste Problem unserer modernen Welt. Wo sie meint, mit allem fertig werden zu können, was das Zusammenleben der Menschen stört, da gehört Schuld zu dem, was keiner von uns von sich aus beseitigen kann. Gott aber hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einziggeliebten Sohn für sie hingegeben hat – gerade mitsamt ihrer Schuld. So ist das Kreuz Jesu Christi wirklich das Herz christlichen Glaubens und christlicher Verkündigung in unserer Welt.  –   Amen

Altbischof Prof. Dr. Ulrich Wilckens lehrte Theologie des Neuen Testamentes und war 1981-1991 Bischof des Sprengels Holstein Lübeck in der Nordelbischen Ev. Kirche. Diese Predigt hielt er 2008 im Dom zu Lübeck.

Von

  • Ulrich Wilckens

    Altbischof Prof. Dr.,  wandte sich am 13. 1. 2011 zusammen mit sieben Amts­brüdern in einem offenen Brief an die Synodale aller Landeskirchen in Deutschland zur ­Frage der homosexuellen Partnerschaft im evang. Pfarrhaus.

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