Via Amorosa

Den Kreuzweg mitgehen

Die Via Dolorosa, die schmerzensreiche Straße, ist nicht nur der Weg, den Jesus hinauf nach Golgatha gegangen ist, nein, das ist der Weg jedes Menschen. Wie viele Stürze auf diesem steinigen Pfad nach oben! Sicherlich mag es manchen geben, der leichtfüßig durchs Leben läuft. Aber auch er wird Menschen begegnen, die abgrundtiefes Leid zu tragen haben und nur schleppend die steile Straße vorankommen.

Durch die engen Gassen von Jerusalem, durch die die Via Dolorosa führt, hallt bis heute die bittere Frage: „Warum?“ Die uralten Steine wiederholen wie ein Echo den Schrei des unschuldig Leidenden, der unter der Last des Kreuzes zusammenbricht. Christi Auftrag lautet: Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! (Mt 16,24). Jesus will, dass wir die schmerzensreiche Straße mit ihm gehen. Er will, dass wir unser Kreuz tragen und die bittere Frage des „Warum?“ mit dem Blick auf ihn aushalten.

Das Kreuz –
Triumph der Liebe

Das Christentum ist die Religion des Kreuzes. Zunächst und vor allem deshalb, weil Jesus die Menschheit durch das Opfer seines Leibes am Kreuz von ihren Sünden erlöst hat. Er hat es auf sich genommen zu sterben, um in seiner Auferstehung den Tod endgültig zu vernichten. Am Kreuz offenbart sich sein Sieg. Am Kreuz triumphiert die Liebe.

Das Christentum ist aber auch die Religion des Kreuzes, weil es auch auf den Schultern eines jeden Jüngers Jesu liegt. Christus verspricht nicht Freiheit vom Leid, im Gegenteil! Er sendet seine Freunde wie Schafe unter die Wölfe (Mt 10,16), er sagt ihnen Verfolgung und Folter voraus (Mt 10,17), und er prophezeit ihnen Hass und Feindschaft, selbst im Kreis der eigenen Familie (vgl. Mt 10,35f.). Jesus will, dass wir unser Kreuz tragen. Aber wie kann er wollen, dass wir leiden?

Es nützt nichts, dieser Frage auszuweichen. Stellt sich dem denkenden Menschen schon das bohrende Problem, wie Gott das Leid in der Welt zulassen kann, so muss sich der Christ in noch viel herausfordernder Weise fragen, wie Gott das Leid seiner Freunde wollen kann.

Schon im Alten Testament begegnet uns Abraham, von dem Gott das unerhörte Opfer seines Sohnes fordert. Es ist zu einfach, gleich am Beginn der Erzählung an das gute Ende zu denken, in dem ein Engel das Kind und damit auch seinen Vater rettet. Abraham hat den mehrtägigen Marsch anzutreten, um mit Isaak nach Morija hinaufzusteigen. Während dieser Wanderung leidet er, weil er das Liebste opfern soll. Er geht durch die dunkelste aller Nächte. Er leidet. Und – auch wenn es erschreckend klingt – Gott will es! Das Kreuz ist das schaudererregende Geheimnis unseres Glaubens, dem wir nicht ausweichen ­dürfen. Es übersteigt unseren Verstand und überfordert unseren menschlichen Willen, der vor dem Leid als wirklichem Übel zurückweicht. Nur der Glaube – und zwar jener an die Liebe Gottes – macht es möglich, am Geheimnis des Kreuzes nicht irre zu werden: Was auch immer mit mir ­geschieht, Gott liebt mich! Hiob, der große Leidende des Alten Bundes konnte sogar, obwohl er bereits Gesundheit, Familie, Freunde und Reichtum verloren hatte, in diesem gläubigen Vertrauen sagen: Wenn er mich auch tötet, ich werde auf ihn hoffen (Hiob 13,15).

Das Kreuz –
Schule der Liebe

Gott mutet uns das Leid zu, weil er uns liebt. Wir leiden, damit wir Liebende werden. Aber gibt es denn keine andere Schule dafür?

Sicherlich gibt es viele Wege, die zu Gott führen. Die Größe und Güte Gottes kann an seiner Schöpfung erkannt werden, seine Barmherzigkeit leuchtet in der Person Jesu auf. Der Herr selbst spricht zu uns durch sein Wort, durch die Kirche, durch unser Gewissen. All das aber kann der Mensch ignorieren, ja Irrtum und Sünde sind derart beschaffen, so C. S. Lewis, dass ihre Opfer sie umso weniger wahrnehmen, je schlimmer sie ihnen verfallen sind. Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind sein Megaphon, eine taube Welt aufzuwecken. Das Leiden – gerade jenes, dessen ungerechte Wucht uns die Sprache verschlägt – brennt alles weg, was nicht Gott ist. Wer leidet – zumal wenn kein Mensch ihm mehr zu helfen vermag – kann sich nur noch nach Gott ausstrecken. Wer leidet, erfährt schmerzhaft, dass er eine Kreatur ist, die sich nicht selbst geschaffen hat und sich nicht selbst erlösen kann. Ja, selbst die Auflehnung, wie denn ein guter Gott solches Leid zulassen kann, ist in der Stunde der Not keine philosophische Frage mehr, sondern ein Schrei nach der helfenden Hand, die aus dem Untergang retten möge. Oft müssen wir durch die schmerzensreiche Straße gehen, um zu Gott zu finden, weil alle anderen Lebenswege Sackgassen waren.

Natürlich kann das Leid verbittern. Leiden ohne Liebe ist die Hölle – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber leiden und dennoch lieben ist eine Kraft, die den Himmel auf die Erde herabzieht. Leiden und lieben bedeutet, das Böse von innen her zu überwinden, indem ein Übel – und das ist der Schmerz – zu einem Gut gewandelt wird. Leiden und dennoch lieben heißt, die Bosheit mit Güte zu besiegen, die zerstörerische Macht der Sünde, deren Folge Schmerz und Tod in der Welt sind, gleichsam umzuwenden in Gnade und Segen. Der Liebende, den die Wucht des Leidens trifft, fängt die Bosheit auf und verwandelt sie. Die Liebe macht das Symbol des Todes zum Zeichen des ­Lebens.

Das Kreuz –
Werkzeug der Erlösung

Christus ist der Herr, der sich der Gewalt des Feindes ausliefert, um sein Leben zum Opfer werden zu lassen und um ihn, den Verderber des Menschengeschlechtes, in gleichsam göttlicher List, zum Handlanger der Erlösung zu machen. Er ist Sieger, weil er zum Opfer geworden ist, denn das Lamm ist stärker als der Drache (Papst Benedikt XVI., 22. Dezember 2005). Die Wut des Widersachers hat den Leib Christi ans Kreuz genagelt und seine menschliche Seele bis an den Rand jenes dunklen Abgrunds hinabgezerrt, an dem der Herr, der Verzweiflung nahe, nicht mehr der Nähe seines Vaters sicher war: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk 15,34). Gerade so aber hat Jesus gesiegt und den, der meinte, durch Angst und Schmerz über ihn herrschen zu können, um seinen Triumph gebracht. Weil Jesus im Moment tiefsten Leidens noch immer geliebt hat – nicht nur Gott, sondern uns Sünder –, hat er uns aus diesem Abgrund reißen und erlösen können. Und wir können, so unfassbar es scheint, an seinem Opfer teilhaben und in der Kraft der Gnade ergänzen, was an seinen Leiden noch fehlt (vgl. Kol 1,24). Ja, er will, dass wir leiden und lieben, um so mit ihm auf Golgatha zu stehen: nicht als Verurteilte eines ungerecht wütenden Schicksals, sondern als Priester und Könige, deren Lasten und Leiden Gott als wohlgefällige Opfergabe annimmt. All das bleibt ein Geheimnis, das umso unergründlicher und dunkler erscheint, je heftiger Schmerz und Furcht den Blick verdunkeln.

Dieser Kampf ist nur mit dem zu bestehen, der all das Schwere unseres Lebens schon längst auf seine Schultern genommen hat. Nur wer ein der Liebe Glaubender geworden ist, vermag auch ein mit der Liebe Leidender zu sein und mit dem heiligen ­Johannes antworten können: Wir haben der Liebe geglaubt (vgl. 1 Joh 4,16).

Nur die Liebe macht die schmerzensreiche Straße zu einem Weg, der zu Gott führt. Der heilige Augustinus antwortet auf die Frage nach dem Sinn des Leidens, zumal des ungerechten und schier über alle menschliche Kraft hinausgehenden, dass „damit die menschliche Seele sich erprobe und klar darüber werde, mit welcher Kraft der Hingabe sie Gott uneigennützig liebe“ (De Civitate Dei, 1. Buch, Kap. 9). Es geht hier nicht um eine Apologie des Leidens, das ein Übel ist, vor dem die menschliche Natur immer und zu Recht zurückschreckt. Es geht nicht um eine Verklärung des Schmerzes, so als ob er nicht auch Hass und ­Aggression hervorrufen könnte. Wir Christen können und dürfen das Leiden, zumal das der anderen, nicht einfach rechtfertigen, als ob man dieses Übel um seiner selbst willen annehmen oder gar lieben könnte. Das tut auch Gott nicht. Unser „Held“, der allen Kreuzträgern vorangeht, hat geweint und geschrien (vgl. Hebr 5,7), aus Angst Blut geschwitzt und in seiner Not gebeten, den bitteren Kelch nicht trinken zu müssen (vgl. Lk 22,42ff.). Und doch ist er tapfer den ganzen Weg gegangen, weil er uns liebte. Um der Liebe willen – nur deshalb – hat unser Herr gelitten und sich kreuzigen lassen. Um der Liebe willen sollen wir ihm nachfolgen. Um der Liebe willen kann man das Kreuz annehmen. Jesus will nicht unser Leid; er will unsere Liebe. Beim Beten und Betrachten des Kreuzwegs Jesu ergreifen wir seine Hand, um mit ihm das Kreuz zu tragen. Wir nehmen es an, weil er es tut. Wir gehen mit ihm, weil er uns führt. Wir blicken auf ihn, damit wir lernen, zu lieben und zu leiden wie er.

Nur die Betrachtung des Leidens Jesu gibt eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ unserer Leiden und Schmerzen. Nur der Blick auf ihn macht es möglich, den ganzen schmerzensreichen Weg zu gehen, ohne zu zerbrechen; zu leiden, um mehr zu lieben – und zu lieben allen Schmerzen zum Trotz! Nur die Liebe – und hier liegt das Geheimnis des Kreuzes – führt die schmerzensreiche Straße hinauf. Die Liebe gibt aber nicht nur die Kraft, Schritt für Schritt zu gehen, sie wächst geradezu mit jeder neuen Last, die ihr aufgebürdet wird, denn je wunder das Herz wird, umso offener und weiter wird es auch.

Die Kreuzwegbetrachtungen wollen Jesus sprechen lassen, erklären, warum es keinen anderen Weg als die Via Dolorosa gibt. Dabei geht es um den Blick auf ihn, der uns bittet, mit ihm zu gehen und so die schmerzensreiche Straße in eine Via Amorosa zu verwandeln.

Gebet

Herr, ich habe gesagt, ich will Dir nachfolgen, wohin Du auch gehst.

Ich bin Dir nachgerannt, weil Du mich gerufen hast. Nie habe ich daran gezweifelt, dass Du der große Schatz im Acker meines Lebens bist, der mich reich und glücklich macht.

Wie Petrus kann ich ohne Zögern bekennen, dass Du der Sohn des lebendigen Gottes bist, mein Heiland, mein Erlöser, mein Herr.

Und genau wie Petrus zweifle ich jetzt, weil Dein Wort vom Kreuz mich erschreckt und entmutigt.

Warum nur willst Du mir diese schwere Last aufbürden? Haben wir einander nicht Freundschaft versprochen?

Du aber stellst mich auf einen Weg, der zu steil für mich ist. Du reichst mir einen Becher, dessen bitteren Inhalt ich nicht trinken kann. Du bürdest mir eine Last auf, die viel zu schwer für mich ist.

Könnte ich nur vor Dir fliehen und mich verstecken. Ich komm nicht von Dir los! Hilf mir. Lass nicht zu, dass ich an Dir irre werde.

Gib mir die Kraft, niemals an Deiner Liebe zu zweifeln, was auch immer mit mir geschehen mag.

Mach Du, dass Dein Wille geschieht.

Von

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