Zum Zeugnis für die Welt

Solidarität mit der  verfolgten Kirche

Wir Christen im Westen haben seit dem Zweiten Weltkrieg Jahrzehnte erleben dürfen, in denen uns eine Verfolgung – wenigstens im äußeren Sinne – erspart geblieben ist. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir verdrängen, dass sich dieser Zustand einmal drastisch ändern könnte, vielleicht sogar schon sehr bald. Wenn dieser Umschlag tatsächlich eintreten sollte, wären wir dann bereit, uns ohne Rücksicht auf die ernsten Folgen für uns und unsere Kinder weiterhin als eine dem Herrn Jesus Christus ganz ergebene Kirche zu bewähren? Würden wir Benachteiligungen und noch Schmerzlicheres um Christi willen bereitwillig annehmen und ihm auf seinem Kreuzesweg nach Golgatha nachfolgen? Um darauf vorbereitet zu sein, ist es nötig, dass wir uns den geistlichen Sinn des Martyriums ins Bewusstsein rufen.

Martyrium gehört zum Wesen der Kirche Christi

Als Jesus seine ersten Jünger in die Nachfolge gerufen hatte, lässt er sie zunächst Zeugen von großen Zeichen und Wundern werden, die sie begreifen ließen, dass hier kein gewöhnlicher Mensch unter ihnen weilte, sondern ein von Gott Gesandter und Bevollmächtigter, der von den Propheten verheißene Messias. Doch dann erfolgte ein unerwarteter Umschlag: In dem Augenblick, wo Simon Petrus – unter der Eingabe des Heiligen Geistes – Jesus als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes bekennt, bestätigt Jesus zwar den Inhalt dieses Bekenntnisses, nicht aber die von den Jüngern daran geknüpften hohen Erwartungen. Vielmehr sagt er ihnen etwas, was sie zunächst nicht fassen können und wogegen sie sich aus tiefster Seele sträuben. Hören wir Jesus selbst: Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohen Priestern und Schriftgelehrten vieles leiden und getötet werden, und am dritten Tage auferweckt werden (Mt 16,21, ELB).

Jesus erklärt seinen Jüngern also, dass sein gegenwärtiges Wirken nicht von einem imponierenden irdischen Erfolg gekrönt werden würde. Im Gegenteil müsse er zunächst sterben bevor der Triumph – das Leben aus dem Tode – ausgerufen werden könne. Das aber werde nicht nur sein eigener Weg sein. Auch sie, seine Nachfolger, müssen sich auf das gleiche Los einstellen (vgl. Mt 16,24f). Hinter dem Hass der Welt steht der Urhass des Fürsten dieser Welt (Joh 12,31; 14,30; 16,11), der sich gegen Gott aufgelehnt hat. Ihm ist es aber beschieden, seine usurpierte Macht abgeben zu müssen an den, welchen Gott dazu bestimmt hat, die Welt von den dämonischen Fesseln zu erlösen und ihr wahrer Herr zu sein. Satan bemüht sich, Jesu Erlösungswerk zunichte zu machen. Da ihm dies aber nicht gelingen kann, wendet er sich mit umso größerer Wut gegen diejenigen, die noch in der Welt sind, um sie von Jesus loszureißen. Denn die Jünger sind ja von dem auferstandenen Herrn in diese Welt gesandt, um alle Völker unter seine Herrschaft zu bringen, indem sie den Menschen das Evangelium verkündigen. 

Das Neue Testament enthält auch die Überzeugung, dass solche Verfolgungen in Zukunft zunehmen würden. Je näher der Tag unserer Erlösung durch die glorreiche Wiederkunft Christi heranrücken würde, umso schärfer würden die Angriffe des dämonischen Widersachers werden. Verfolgungen sind ein Wesensmerkmal der Endzeit, Ausdruck des abschließenden Kampfes zwischen den beiden einander gegenüberstehenden Reichen Christi und des Antichristen. Was Jesus seinen Jüngern vorhergesagt hatte, das sollten sie in vielen persönlichen und gemeinschaftlichen Verfolgungen erfahren.

Das zwanzigste Jahrhundert war das blutigste in der gesamten Geschichte der Christenheit. Niemals seit der Geburt Jesu Christi haben so viele Christenverfolgungen stattgefunden wie in unserer Gegenwart. Und die Aussicht, dass das Ende antichristlicher Verfolgung noch lange nicht in Sicht ist, kann fürwahr erschrecken. Trotzdem kann sie uns Christen nicht entmutigen; denn damit hätten wir ja nur eine Seite, nämlich die der gottfeindlichen Welt in den Blick genommen. Um aber das Martyrium in seiner ganzen Bedeutung zu erkennen, müssen wir auch die andere Seite in den Blick bekommen und von den Tröstungen Gottes sprechen.

Der Segen des Martyriums

Was ist die natürliche Reaktion eines Christen angesichts drohenden Leidens? Er wird sich fürchten und nach Fluchtmöglichkeiten umschauen. So war es ja schon bei Petrus. Denn das Leiden erscheint als das Gegenteil des uns geschenkten und von uns geliebten Lebens. Nun ist aber Jesus nicht bei der Ansage seines Leiden- und Sterbenmüssens stehen geblieben. Er hat keineswegs von einer Tragik gesprochen, vor der es für ihn und die Seinen eben kein Ausweichen, und hinter der es keine Hoffnung gebe. Vielmehr hat er unmittelbar mit seiner Leidensankündigung auch schon den seinem Kreuzestod folgenden herrlichen Ausgang seiner irdischen Geschichte verbunden: ...Und am dritten Tage wird er auferstehen. Das Leiden Christi ist der von Gott verordnete Durchgang zum wahren Leben und zur nimmer endenden Freude.

Das gleiche gilt auch für die Kirche. Auch für sie ist Leiden und Tod um Jesu willen Durchgang zur Freude. Diese Freude nimmt schon jetzt ihren Anfang, auch wenn dies der Welt verborgen bleibt. Gott ist in seiner väterlichen Barmherzigkeit den Seinen nirgends so nahe, als in dem Augenblick, wo sie in kindlichem Gehorsam das ihnen verordnete Leiden annehmen. Das Leiden, das die Kirche für ihren Glauben ertragen muss, erwächst ihr ja aus ihrer unmittelbaren Verbundenheit mit Christus.

Über der grundlegenden Aussage unseres Glaubens, dass Christus ein für alle Mal am Kreuze für uns stellvertretend gelitten hat, übersehen wir die Stellen, in denen uns gesagt wird, dass Jesu Leiden im Leiden seiner Jünger eine Fortsetzung finden, die ebenfalls heilsmittelnde Bedeutung haben. Solche Aussagen finden wir besonders bei Paulus, für den das Leiden ein wichtiger Aspekt seiner Berufung war. Paulus hat später sein Leiden als ein Fortdauern des Leidens Christi zum Segen seiner Kirche verstanden. Im Kolosserbrief lesen wir seinen geheimnisvollen Ausspruch: Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an den Trübsalen Christi, seinem Leibe zugute, welcher ist die Kirche (Kol 1,24). Der Sinn dieser Aussage ist natürlich nicht der, dass Jesus am Kreuze nicht genug gesühnt hat, sondern gerade in dem Maße, wie der Christ bereit ist, sich der Todesmacht auszusetzen, die seinen alten Menschen zerstört, erfährt er die seinen neuen Menschen aufbauende Lebensmacht der Auferstehung. Sie teilt ihm schon in dieser Zeit neue, der Welt unbekannte Kräfte von oben mit, und dereinst soll er sie in der himmlischen Herrlichkeit in vollem Maße erfahren. Von diesen Lebens- und Segenskräften sagt Paulus, dass sie nicht nur dem einzelnen, gerade leidenden Christen zugutekommen. Nein, weil der Gläubige ja Glied am Leibe Christi ist, kommen diese dem ganzen übrigen Leibe seiner Kirche zugute – auch der Ortsgemeinde, in der er lebt: Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es auch zu Trost und Heil (2 Kor 1,5).

Von hier gesehen ist gerade das Leiden der Kirche eines der wesentlichen Mittel ihres ­inneren Aufbaus und ­ihres äußeren Wachstums in der Welt.

Deswegen haben die Apostel ihren angefochtenen Kirchen immer wieder zugerufen, sie sollten sich ihrer Leiden ja nicht schämen, sondern diese als eine himmlische Auszeichnung betrachten: Denn euch ist die Gnade gegeben um Christi willen beides zu tun: Dass ihr nicht allein an ihn glaubet, sondern auch um seinetwillen leidet (Phil 1,29). Das Geheimnis christlichen Leidens um des Glaubens willen ist also, dass es uns noch tiefer mit Jesus Christus vereint. Diese Wahrheit haben Christen seit den Tagen des Neuen Testaments bis in unsere Zeit erfahren.

David Young, chinesischer Märtyrer unter Mao-Tse-Tung, schreibt: „Das Herz des Herrn ist so erfüllt von Erbarmen, dass die Leiden seiner Kinder ihm nicht gefallen können. Doch damit wir innerlich wachsen, zur geistlichen Reife gelangen und wahre Überwinder werden, hält er zuweilen die Befreiung zurück. Er gibt uns die Kraft zum Aushalten bis zuletzt, damit wir die Krone der Herrlichkeit erlangen. Er weiß um die Grenzen unserer Kraft und kennt die Kraft des Feuers, das uns verzehren will. Nicht einen Augenblick zu spät befreit er sein geliebtes Kind aus dem Feuerofen des Leidens. Der Glaube, der im Feuer bewährt ist, ist kostbarer als geläutertes Gold.“ Es ist der gekreuzigte und auferstandene Herr, mit dem Christen im Martyrium vereinigt werden; und wenn sie bereit sind, an seinem Sterben Anteil zu nehmen, so erfahren sie auch die Kraft des himmlischen Lebens, das ihn von den Toten auferweckte.

Der neue Mensch bleibt zunächst verborgen, er wird aber am Tage unserer Auferstehung offenbart werden, wenn wir bei der herrlichen Erscheinung Jesu Christi als Kinder Gottes dargestellt werden. Wir erfahren Christi Sieg über den Tod, und mitten in allen Bedrängnissen über-winden wir weit durch den, der uns geliebt hat (Röm 8,37).

Jesus beruft seine Apostel dazu, seine Zeugen zu sein (Apg 1,8). Sie sollen sein Evangelium nicht nur als ein System von Lehren predigen, sondern als göttliche Wirklichkeit verkündigen. Sie haben die verwandelnde Kraft des stellvertretenden Todes Christi und seiner Auferstehung in ihrem eigenen Leben erfahren. Schon der Freimut, mit dem diese einfachen Männer vor den feindlichen jüdischen Machthabern auftraten, verstärkte die Anziehungskraft ihres Glaubens. Aber diese Überzeugungskraft gewann ihren Höhepunkt, als die jüdische und heidnische Welt die Bereitschaft der Christen sah, sogar ihr Leben als Bekräftigung ihres Zeugnisses hinzugeben. Angesichts des drohenden Todes nahmen die letzten Worte, welche die Angeklagten an ihre Verfolger richteten, eine heilige Würde an, die tief beeindruckte. 

Die Wiederentdeckung der Ganzheit der Kirche bedeutet auch die Entdeckung der Verbundenheit zwischen der kämpfenden, der leidenden und der triumphierenden Kirche.

Wenn wir die „Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen, so sollen wir bedenken, dass der Leib Christi als seine Glieder nicht nur die Christen unserer eigenen Generation umfasst, sondern auch diejenigen Gläubigen, die ihren irdischen Lauf schon vollendet haben. Das Zeugnis des Petrus, des Paulus, das der ugandischen Märtyrer oder des Maximilian Kolbe: sie alle sprechen auch noch heute zur Kirche Jesu Christi. Diese Zeugnisse ermahnen uns, auch in unserer schärfsten Anfechtung niemals unser Vertrauen wegzuwerfen, welches eine große Belohnung hat (Hebr 10,35).

Martyrium ruft nach Solidarität in der Kirche

Nachdem wir uns bewusstgemacht haben, dass Jesus seiner Kirche das Leiden-Müssen vorhergesagt hat, dass solches Leiden heute vielerorts schmerzvolle Wirklichkeit ist und ein besonderer Segen darauf liegt, müssen wir nun noch darauf hinweisen, dass diese dritte Wahrheit nur dann Wirklichkeit wird, wenn wir den Zusammenhang von Leiden und Segen erkannt und bejaht haben. Was heißt das?

Wir dürfen vor dem Leiden der Glaubensgeschwister in aller Welt nicht länger die Augen schließen. Ein Ereignis, das ein Glied tief betrifft, verlangt nach der Anteilnahme aller anderer Glieder (vgl. 1 Kor 12,26).

Vergessen wir niemals, dass die leidensarme Zeit, die hier noch geborgen ist durch die Ordnung unseres freiheitlichen Rechtsstaates, jäh zu Ende gehen könnte. Es gibt viele gottfeindliche Kräfte, die von innen und außen an diesen Ordnungen rütteln. Wir haben gehört, dass nicht Wohlergehen, sondern Leiden der normale Zustand der christustreuen Kirche ist. Bereiten wir uns also innerlich auf diese Zeit vor. Nehmen wir schon heute geistlich teil an solchen Leiden der Kirche, die sich bei uns in dem verbreiteten geistlichen und moralischen Zerfall äußern. Die verwundenden und mörderischen Stöße, die heute gegen die Kirche Jesu geführt werden, sind Vorboten der großen Trübsal, die zur Zeit der letzten Drangsal über die ganze Kirche kommen wird. Uns auf eine solche Situation innerlich vorzubereiten, dazu kann und soll uns auch das Zeugnis unserer verfolgten Glaubensbrüder in anderen Teilen der Welt dienen.

Aus P. Beyerhaus: Die Bedeutung des Martyriums für den Aufbau des Leibes Christi, in: Diakrisis 3/1999, S.131-141 (gekürzt).

Prof. Dr. Peter Beyerhaus (1929-2020) lehrte Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie und war Präsident des Theol. Konvents der Konferenz Bekennender Gemeinschaft.

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  • Peter Beyerhaus

    1929-2020, Prof. Dr. Er lehrte Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie und war Präsident des Theologischen Konvents der Konferenz Bekennender Gemeinschaften.

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