Dennoch

Leben als Wunschkind Gottes

Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an (Psalm 73, 23-24).

Diese Verse standen über der Traueranzeige meines Vaters, der im Februar 2015 im Alter von 69 Jahren an Krebs starb. Meine Eltern hatten gemeinsam entschieden, dass es diese Worte aus Psalm 73 sein sollten. Sie prägten nicht nur die Traueranzeige, sie standen über seinem Leben. Wie kam es dazu? Wieso ein Text, der mit einem Dennoch beginnt? Der Psalmbeter sagt ja nicht: Ich bleibe stets bei dir, denn du hältst mich. Alles ist gut. Punkt. Dieses Dennoch hat Gewicht. Es scheint wie ein Kreuz auf dem Beter zu liegen. Ein Kreuz, das ihn näher zu Gott drängt. 

Mein Vater wurde im Oktober 1945 in Nienburg geboren. Er war das fünfte Kind seiner Mutter. Sie war damals 25 Jahre alt und berüchtigt für viele wechselnde Partner. Der Mann, der als Vater in der Geburtsurkunde eingetragen wurde, verstarb kurz vor seiner Geburt. Ob er wirklich sein Vater war, blieb sein Leben lang ein offenes Geheimnis. Der Krieg war erst seit wenigen Monaten zu Ende und die Mutter war offensichtlich nicht in der Lage, sich angemessen um ihr Baby zu kümmern. Eine Tante fand meinen Vater eines Tages völlig abgemagert in seinem Gitterbettchen. Er lebte dann für einige Zeit bei seiner Großmutter, bis seine Mutter ihn wieder ganz zu sich holte. Sie war inzwischen mit einem englischen Soldaten liiert und lebte mit ihm in einer anderen Stadt. Es muss eine schwierige Zeit gewesen sein. Einmal erzählte mein Vater mir, dass er als kleiner Junge auf der Straße singen musste – für Geld.

Mit sieben Jahren schickte seine Mutter ihn plötzlich in eine neue Schule. Am ersten Tag fuhr sie mit ihm gemeinsam dort hin, zeigte auf das Gebäude und sagte: „Das ist deine neue Schule. Du gehst jetzt da rein und heute Mittag hole ich dich wieder ab.“

Das waren die letzten Worte, die er von ihr hören sollte, denn er betrat in diesem Moment keine neue Schule, sondern ein Kinderheim. Seine Mutter holte ihn nicht wieder ab. Niemand holte ihn ab. Auch nicht an den Wochenenden oder an Weihnachten, wenn andere Kinder aus dem Heim zu Familienangehörigen fahren durften. Seine Mutter hatte alles dafür getan, dass niemand aus der Verwandtschaft ihn finden konnte. Er blieb dort fünf Jahre lang. Man schrieb die 50er Jahre. Die Heimleiterin war, wie viele in diesen Jahren, von der harten Sorte. Seine Mutter ging, wie er viele Jahre später erfuhr, nach England. Sie begann dort ein neues Leben und bekam noch weitere Kinder.

Mutterseelenallein

Ich selbst bin Mutter von vier Kindern und kann mir gar nicht vorstellen, wie es einem Kind gehen mag, das mutterseelenallein zu dieser Zeit in einem Kinderheim lebt. Allein die Vorstellung bricht mir schon das Herz. Ich erinnere mich an wenige Gespräche mit meinem Vater, in denen er mit mir über diese Zeit sprechen konnte.

Einmal sagte er: „Manchmal habe ich Bananenschalen aus dem Mülleimer geholt und daran geleckt. Ich wollte auch mal wissen, wie eine Banane schmeckt. Mir hat nie jemand ein Päckchen geschickt.“ Geschlagen wurde er wohl oft. „Mit mir konnten sie es ja machen. Ich hatte keinen Verwandten, der sich für mich einsetzte.“ Doch in all dem unglaublich Schweren gab es eine Person, die seinem Leben eine positive Richtung gab. Es war seine Fürsorgerin, die ihn regelmäßig besuchte. Das Besondere an ihr? Sie betete mit ihm. Ganz schlicht. „Ab da wusste ich, dass ich nicht mehr alleine bin.“ Er hatte jemanden gefunden, zu dem er in seiner Not beten konnte. Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich… So machte er die ersten Erfahrungen mit Gott.

Die Fürsorgerin war es auch, die schließlich eine Pflegefamilie für ihn fand. Nach einem misslungenen Start in einer ersten Pflegefamilie brachte sie ihn in ein kleines Dorf in Mittelhessen. Ende der 50er Jahre gab es auf den Dörfern viele Pflegekinder. Man brauchte sie als Unterstützung auf den Bauernhöfen. Man könnte auch sagen, sie waren billige Arbeitskräfte. So auch mein Vater. Neben all der Arbeit, die ihm aufgetragen wurde, fand er nur wenig Zeit für die Schulaufgaben, geschweige denn für das Spielen mit Freunden. Die Familienstrukturen waren auch nicht die einfachsten, aber dennoch… er war immerhin Teil einer Familie. Er erlebte dort Menschen, die einen lebendigen Glauben an Gott hatten.

Meine Mutter beschreibt es im Rückblick so: Dort ging sein Herz auf. Er fand Heimat und er fand zum Glauben an Gott. Dieses Geschenk konnte er nicht für sich behalten und hielt schon als Jugendlicher Sonntagsschule für die jüngeren Kinder im Dorf. Er war beliebt und bei vielen sehr geschätzt. Der Pastor seiner Gemeinde ermutigte ihn sogar, die Bibelstunde zu halten. Ihm wurde etwas zugetraut, Menschen haben etwas in ihm gesehen und gefördert. Ihm, dem Jungen, der es nicht wert war, bei seiner eigenen Mutter bleiben zu dürfen. Dennoch…

Schatten und Licht

Wie ging sein Leben weiter? Es folgten die Lehrjahre. Er hätte gerne eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht, doch dies wurde ihm verwehrt, und so begann er eine Lehre als Landwirt auf einem Bauernhof. Leider erging es ihm dort erneut sehr schlecht. In dem Raum, der ihm zum Wohnen überlassen wurde, hatte man den Heizknopf abmontiert, so dass er das Zimmer nicht heizen konnte. Er durfte nicht ins Bad, sondern musste die Waschküche benutzen, um sich zu waschen. Doch auch diese wurde nicht geheizt, und so kam es im kalten Winter vor, dass sein Handtuch steif gefroren war. Es gab für ihn zu wenig zu essen und verbunden mit dem inneren Druck, sich seine Anerkennung durch harte Arbeit verdienen zu müssen, kam es dazu, dass er eines Tages vor Erschöpfung zusammenbrach. Da schenkte ihm die Frau des Bauern ein Bonbon.

Für mich klingt das einfach nur unfassbar und zum Weglaufen. Doch auch hier stellte Gott meinem Vater Menschen zur Seite, die sich für ihn einsetzten. Der Pastor der Chrischona-Gemeinde, die er zu dieser Zeit besuchte, sorgte gemeinsam mit einem befreundeten Diakon dafür, dass er seine Lehre an einem anderen Ort fortsetzen konnte. Dort bekam er einen Chef, der sich sehr viel Zeit für ihn nahm und ihn unterstützte. Er wurde Teil seiner Familie, und obwohl sie selbst keine Christen waren, wiesen sie ihn sogar darauf hin, dass er doch mit der Arbeit früher Schluss machen sollte, um noch den Jugendkreis der Stadtmission besuchen zu können. So schloss er schließlich seine Lehre erfolgreich ab. Neben den praktischen Fähigkeiten festigte sich wohl weiterhin die Erkenntnis, … denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.

Nach der Lehre arbeitete mein Vater für insgesamt zwei Jahre (mit kurzer Unterbrechung bei der Bundeswehr) als Landwirt auf St. Chrischona in der Schweiz. Diese Zeit erlebte er durchweg positiv. Er war angenommen, er konnte seine Begabung einbringen, er erlebte bei seinem Chef Familie im positiven Sinn. Er begegnete väterlichen Menschen, und es festigte sich ein guter Rhythmus aus Arbeit und Ruhe und persönlicher Zeit mit Gott. Auch das Miteinander verschiedenster Menschen wurde gefördert und sie hatten dort gemeinsam jede Menge Spaß. Ich glaube, dass diese zwei Jahre wesentlich für ihn waren, und dass in dieser Zeit wichtige Grundsteine für sein weiteres Leben gelegt wurden. Jedenfalls leuchteten seine Augen immer in ganz besonderer Weise, wenn er von den Jahren auf St. Chrischona erzählte.

Und dann kam natürlich noch meine Mutter in sein Leben. Sie lernten sich als Jugendliche in der Gemeinde kennen und später auch lieben, und ich würde sagen, dass sie die erste Person in seinem Leben war, die ihn sein Leben lang vorbehaltlos geliebt hat. Nun könnte man meinen, dass diese Ereignisse in den ersten 20 Jahren seines Lebens ausgereicht hätten, um das „Dennoch“ zu Beginn des Psalms zu begründen. Nein, an dieser Stelle gibt es kein Happy End. Der Weg ging noch weiter. Meine Eltern heirateten im Jahr 1969 und mein Vater übernahm den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Schwiegereltern. Er war (trotz oder vielleicht auch wegen seiner Lebensgeschichte?) ein vielseitig begabter Mensch. Er war handwerklich unglaublich geschickt, super strukturiert und hatte einen ausgeprägten Sinn für Schönheit und Ordnung. Er war sportlich und gutaussehend und noch dazu gläubig. Aber all das hielt seine Schwiegermutter leider nicht davon ab, ihn zu hassen. Ja, ich kann kein anderes Wort dafür finden. Für sie war er aufgrund seiner Herkunft ein Nichts, und sie hat jede Gelegenheit genutzt, ihm das zu zeigen. Ich selbst habe es miterlebt, denn sie lebte bis zu ihrem Tod im Haus meiner Eltern und teilte mit uns Küche und Bad. Sie hatte dort ein vertraglich geregeltes lebenslanges Wohnrecht. Meine Eltern konnten sie also nicht vor die Tür setzen. Es fielen Sätze, wie „Ich wünsche dir, dass die ganze Ernte kaputtgeht!“ oder „Hoffentlich stürzen die Mauern, die du hier für das neue Silo gebaut hast, wieder ein!“ Gespräche am Küchentisch waren immer überschattet von der Sorge, bloß nichts Falsches in ihrer Gegenwart zu sagen, um ihr kein Futter für weitere Verleumdungen oder Anschuldigungen zu geben. Denn alles, was dazu beitragen konnte, meinen Vater bei den Leuten im Dorf schlecht zu machen, wurde von meiner Oma gerne genutzt. Es waren schwere Jahre und mir würden noch viele Erlebnisse einfallen, um diese Schwere zu untermauern.

In Bund mit Gott

Warum sind meine Eltern in dieser Situation geblieben? Warum sind sie nicht einfach an einen anderen Ort gezogen und haben ein neues Leben begonnen? Ich konnte es lange Zeit nicht begreifen und habe innerlich oft gegen diese Haltung des Bleibens rebelliert. Im Nachhinein erklärte mir meine Mutter, dass es für sie einfach nicht in Frage kam, wegzugehen. Sie haben darüber nachgedacht und Gott gefragt, sich aber aus verschiedenen Gründen immer wieder dagegen entschieden. Ihnen war klar, dass sie trotz aller Schwere an diesem Ort bleiben würden. Du leitest mich nach deinem Rat. So haben sie ihr Kreuz getragen. Aber nie alleine oder eigenmächtig, sondern gemeinsam in einem Bund mit ihrem Gott. Mit Gott. Diese Worte haben sie bei der Eheschließung in ihre Ringe eingravieren lassen und von IHM sind sie nie enttäuscht worden. Das hat mein Vater mir immer wieder glaubhaft versichert. Mein Vater war in seinem Sein für mich und für viele andere Menschen ein Ermutiger und ein Vorbild, wenngleich er natürlich auch seine Schattenseiten hatte.

Wenn ich zurückblicke und meinen Vater vor mir sehe, dann habe ich immer wieder ein Bild vor Augen, und zwar, wie er früh am Morgen mit Losungsbuch und Bibel auf seinem Sofaplatz sitzt und Stille Zeit macht. Dieses Bild habe ich als Kind nur wenige Male gesehen, nämlich nur dann, wenn ich um 5 Uhr in der Nacht aufgestanden bin, um ihn auf einer seiner Fahrten mit dem LKW (sein Zweitjob neben der Landwirtschaft) zu begleiten. Für mich war es als Kind schwer nachzuvollziehen, dass man freiwillig noch früher (!) aufsteht, um in der Bibel zu lesen und zu beten. Heute ist mir klar, dass mein Vater aus dieser Verbindung mit Gott gelebt hat und alles, was er zum Leben brauchte, von dort bekommen hat. Aus dieser Verbindung heraus konnten er und meine Mutter dann auch noch über zehn Jahre meine Oma, die ihnen das Leben so schwergemacht hatte, pflegen und er selbst war als Einziger bei ihr, als ihr Leben zu Ende ging. Er hat sie betend hinüber begleitet. Betend und versöhnt. Alleine mit dieser Geschichte würden sich ganze Seiten füllen lassen.

Darum soll es aber hier nicht gehen, sondern darum, dass wir einen Gott haben, mit dem wir gemeinsam auch die dunkelsten Täler durchschreiten können und der stets an unserer Seite bleibt. Er führt und hält uns, wenn wir es ihm erlauben. An seinem 60. Geburtstag hielt mein Vater eine Rede und bestätigte mit Josef: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen (1 Mo 50, 20). Und so konnte er am Ende seines Lebens nach schwerer Krebserkrankung, die ein weiteres Kapitel seines Lebens war, aus tiefstem Herzen ein Dennoch ausrufen. Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Ich wäre so gerne dabei gewesen und hätte zugeschaut, wie er vom himmlischen Vater in Empfang genommen wurde. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er von (s)einem Vater umarmt. Es muss wunderschön gewesen sein.

Carolin Schneider (OJC) ist Sozialpädagogin, sie arbeitet und lebt mir ihrer Familie im Haus der Hoffnung in Greifswald.

Von

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