Monika-Wonder-Woman

Vom Abendmahl her leben

„Eucharistisch leben heißt, ganz von selbst aus der Enge des eigenen Lebens hinausgehen und in die Weite des Christuslebens hineinwachsen.“                               
Edith Stein (1891-1942)

Die schmerzhafteste und wichtigste geistliche Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, ist folgende: Ich kann mich selbst nicht verändern. Vor allem nicht an den Punkten, an denen ich am dringendsten Veränderung brauche.

Meine erste Reaktion auf diese Erkenntnis war, dass ich Gott angefleht habe, dass Er mich doch „optimieren“ solle, wenn ich das schon nicht selber schaffe. Ich habe mir so ein BÄM-Wunder gewünscht: ein übernatürliches Eingreifen Gottes und plötzlich steht da „Monika-Wonder-Woman“.

Solch ein Wunder habe ich bis heute nicht erlebt. Stattdessen mutet Gott mir zu, dass auch Er mir nicht einfach wegnimmt, was meine Selbstoptimierungsversuche kläg­lich scheitern lässt.

Heute weiß ich, dass Jesus mich zu einem Veränderungsprozess einlädt, der mein ganzes Leben lang andauern wird. Er will gar nicht „Monika-Wonder-Woman“. Er will mich. Und Er ist viel geduldiger als ich. Für Ihn ist es kein Problem, wenn ich Seine Vergebung jeden Tag brauche.

Mein Versagen oder meine Schuld schaden erst dann meiner Beziehung zu Jesus, wenn ich mich damit vor Ihm verstecke. Jesus will mich zuallererst von der Lüge befreien, dass ich das Leben irgendwie alleine hinkriegen muss. Ich darf mit Ihm verbunden leben. Ich darf Seine Vergebung und Seine Hilfe brauchen. Jesus ist die einzige Abhängigkeit, die mich frei macht.

Worüber ich jetzt schreiben werde, ist für mich selbst überraschend, denn ich hatte das ursprünglich überhaupt nicht vor. Es geht um die Frage: Wie können wir ein Leben leben, das vom Abendmahl her geprägt ist?

Wir als Familie waren alle erkältet und ich hatte aufgegeben, weiter an meinem Buch zu arbeiten. Nach ein paar Tagen hatte ich verstanden, dass es Gottes Sache ist, ob es jemals fertig wird. Ich ließ alles in seine Hände los und widmete mich dem Alltag mit hustenden Kindern. Und da, während ich mich in einer Mittagspause einfach nur ausruhte, kam dieser wunderschöne Satz „Meine Liebe ruht auf dir!“ in meine Gedanken.

Dann fiel mir eine Geschichte ein, die mir mein Patenonkel vor Jahren erzählt hatte. Mein Patenonkel ist tiefgläubiger Katholik. Er kann mir Glaubensüberzeugungen, die mir am katholischen Christsein fremd sind, wunderbar erklären. Seine Frau und er haben sechs Kinder großgezogen und heute sind sie Großeltern von vierzehn Enkelkindern. Wo auch immer sie leben, gehen Gäste selbstverständlich ein und aus. Gottes Liebe wird durch dieses wunderbare Ehepaar ganz einfach erfahrbar. Man fühlt sich bei ihnen willkommen und geliebt. Sie begleiten viele Menschen auf ihrem Lebensweg.

Mein Patenonkel

Es gab einen Menschen, den mein Patenonkel nicht mehr ertrug. Selbst wenn er nur die Stimme oder die Schritte dieser Person hörte, löste das in ihm pure Ablehnung aus. Was er dieser Person gegenüber empfand, war keine Liebe, es war viel eher Hass. Und mein Patenonkel schaffte es nicht, irgendetwas an diesen negativen Gefühlen der Person gegenüber zu ändern. Mit dieser Not ging er zur Beichte. Nachdem er in der Beichte sein ganzes Unvermögen Jesus bekannt hatte, gab ihm der Priester den Rat: „Lege in der Heiligen Messe alle diese negativen Gefühle bei der Gabenbereitung in die Hostienschale und lass sie von Jesus verwandeln!“

In der Gemeinde meines Patenonkels nimmt man mit einem Löffel eine Hostie (also eine Oblate oder das Abendmahlsbrot) und legt sie in die sogenannte Hostienschale. Damit macht man deutlich, dass man an der Kommunion (so heißt das Abendmahl in der katholischen Kirche) teilnehmen möchte. Erst danach werden die Hostien geweiht.

Bei dieser entscheidenden Abendmahlsfeier nahm mein Patenonkel ganz bewusst die Hostie, und während er sie in die Hostienschale legte, legte er damit auch all seine Unfähigkeit mit hinein: „Es steht nicht in meiner Kraft. Ich kann meine Haltung dieser Person gegenüber nicht verändern. Jesus, ich bringe dir dieses Scheitern.“

Das Abendmahl beginnt dann mit der Gabenbereitung. Dabei geschieht eine Verwandlung. Das, was du mitbringst und was Jesus schenkt, kommt zusammen. Wenn du als Katholik bei der Eucharistiefeier dann Brot und Wein empfängst, nimmst du ganz real Christus in dir selbst auf und eine heilige Wandlung geschieht: Das, was du mitbringst, verbindet sich mit dem Opfer Christi.

Eine Gotteserfahrung

Was mein Patenonkel als Lehre schon lange kannte, wurde für ihn auf einmal eine entscheidende Gotteserfahrung. Jesus sprach zu seinem Herzen: „Ich liebe diesen Menschen genauso wie dich und möchte, dass du ihn mit meiner Liebe ebenso liebst wie ich.“ Mit dieser neu eröffneten Sicht auf die zuvor verhasste Person veränderten sich mit einem Mal die Gefühle der Ablehnung. Mein ­Patenonkel bekam Zuneigung zu dieser Person geschenkt, die die Beziehung auf Dauer verän­derte.

Seitdem feiert mein Patenonkel das Abendmahl immer bewusst auf diese Weise. Er bringt Jesus ­alles Gute und Schwierige, Freudige oder was ihn sonst umtreibt. All das verbindet sich mit dem, was Jesus ihm schenkt.

Ich selbst bin nicht katholisch. Aber in der Zeit der Corona-Lockdowns beneidete ich unsere ­katholischen Glaubensgeschwister um den Stellenwert, den das Abendmahl ganz selbstverständlich in ihrem Alltag hat. Es war lange her, dass ich ein Abendmahl gefeiert hatte.

Ich bin absolut nicht kompetent dafür, auf die Unterschiede einzugehen, wie wir Christen das Abendmahl feiern und verstehen. Aber dieses ­eine Grundverständnis gilt für uns alle: Jesus bietet uns beim Abendmahl einen wunderbaren Tausch an. Ganz egal, ob wir katholisch, orthodox, evangelisch oder freikirchlich sind oder uns zum allerersten Mal dafür entscheiden, am Abendmahl teilzunehmen.

Wie Gott mich sieht

Wir dürfen Jesus unsere ganze Schuld und unser Versagen bringen und Er schenkt uns Seine Vergebung. Er nimmt all unseren Mist auf sich und tauscht mit uns (2 Kor 5,21).

Das bedeutet, dass du komplett mit Gott versöhnt bist und jede Verdammung oder Abwertung – von wem auch immer – einfach von dir abfallen darf. Gott sieht dich so an, als hättest du so vollkommen gelebt wie Jesus. Alles andere ist komplett von dir abgewaschen. Du darfst eintauchen in dieselbe Liebe, mit der Gott, der Vater, über Jesus ausgerufen hat: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Freude (Mk 1,11).

Wenn du darüber erschrickst, was für ein Wrack du bist, und sogar noch viel schlimmer, als du wahrhaben willst, dann darfst du im Abendmahl erfahren, dass du noch viel geliebter bist, als du denkst. Hier darfst du die Gnade ganz konkret spüren und sogar schmecken. Und du siehst zugleich, was das Jesus gekostet hat, nämlich den Tod am Kreuz. Du darfst beim Abendmahl Jesu Hingabe zu dir schmecken und Gottes Stimme hören, wie Er zu dir sagt: „Du bist meine geliebte Tochter, an dir habe ich Freude.“

Wir dürfen Jesus unsere Unfähigkeit bringen, uns selbst zu verändern, und Er schenkt uns sich selbst. In Joh 6,56-57 sagt er: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Der Vater, der lebendige Gott, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn. Genauso wird auch der, der mich isst, durch mich leben.

Das bedeutet, dass wir nach dem Abendmahl aus dieser Verbindung mit Jesus heraus leben können. Wir sind nicht mehr gezwungen, aus unserem Mangel heraus zu leben. Unsere eigene Unfähigkeit, etwas zu ändern, ist nicht mehr das, was unsere Realität bestimmt. Unser ganzes Sein, unser Denken und unser Tun werden von dieser Verbindung mit Jesus verwandelt.

Ich möchte neu entdecken, was dieser wunderbare Tausch für mein Leben bedeutet. Das brauche ich so dringend – und nicht noch eine Idee, wie ich durch meine Anstrengung ein besserer Mensch werde. Ich will feiern, dass der, der für mich am Kreuz gestorben ist, in mir wirkt. Und dass das alles ist, was zählt.

Jesus kennt uns so gut. Er weiß, dass es nicht ausreicht, uns mit Informationen für den Kopf zu versorgen. Das Abendmahl ist ein Freundschaftsessen mit Jesus, bei dem Er alles gibt und wir Seine Hingabe erleben, fühlen und schmecken dürfen. Als Jesus Seine Jünger aufgefordert hat, Brot und Wein zu sich zu nehmen, damit sie sich dabei an ihn erinnern, da hat er auch schon an uns gedacht. Jesus hat zu Seinen Jüngern gesagt: Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, dieses Passamahl mit euch zu feiern, bevor ich leiden muss (Lk 22,15).

Ich glaube, dass Jesus sich danach sehnt, auch mit dir und mir das Abendmahl zu feiern. Weil er sich darin uns schenken kann. Unser ganzes Sein darf beim Abendmahl begreifen, wie geliebt wir sind. Und wir dürfen aufatmen und feiern, dass wir einen Retter haben.

Mich hat das Zitat von Edith Stein ins Nachdenken gebracht. Ich hatte vorher noch nie bewusst diesen Ausdruck gehört: „eucharistisch leben“. Und wahrscheinlich habe ich kaum etwas von dem begriffen, was das alles beinhaltet. Aber ich glaube, das ist wahr: Ich komme ganz von selbst aus der Enge meines Lebens heraus, wenn ich vom Abendmahl her lebe. Wenn ich täglich den wunderbaren Tausch, der beim Abendmahl passiert, für mich empfange. Bei diesem Lebensstil kommt es eben nicht auf meine Fähigkeiten und auf meine Kraft an, sondern ich lebe schlicht daraus, dass Jesus selbst sich mir schenkt.

Vorschlag für Deine Zeit mit Gott

Suche einen Weg, das Abendmahl zu feiern. Bringe Jesus dabei eines deiner Themen, das du bewusst unter Seinen guten Einfluss stellen möchtest. Tausche mit Ihm. Bring Ihm dein Unvermögen und empfange Seine vollkommene Liebe.

Du kannst das Abendmahl in einer Messe bzw. ­einem Gottesdienst gemeinsam mit anderen feiern. Wenn dir das aber gerade nicht möglich ist, dann such dir jemanden, mit dem du das Brot brechen kannst. Jesus möchte, dass wir sein Mahl feiern und uns dabei an Ihn erinnern. Er ist real dabei.

Aus: Gott begegnen. Bring, was dich bewegt. Erlebe, was Er schenkt. Brunnen Verlag, Gießen 2022, www.brunnen-verlag.de, S. 49-55

Von

  • Monika Wegener

    Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Hamburg. Sie ist von Beruf Schauspielerin und liebt es, als Glaubensermutigerin unterwegs zu sein.

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