Im Rhythmus

Wie Rituale mein Leben prägen

Wochenlang hatte ich trainiert. Ich bin nicht die beste Schwimmerin, aber ich wollte gerne einmal einen Triathlon machen. Also schwamm ich. Und verbesserte mich in Stil, Atmung und Schwimmkoordination. „Alles, was du beim Schwimmen brauchst, ist Rhythmus!“, sagten mir erfahrene Triathleten. „Es kommt nicht auf die Geschwindigkeit an und nicht auf die Länge der Stre­cke. Solange du im Rhythmus bleibst, kommst du voran. Die Geschwindigkeit kommt von alleine.“

Ich habe es vermasselt. Mein Einstieg in meine nicht sehr glorreiche Triathlon-Karriere lief völlig unrhythmisch. Zwischen meinen hektischen Kraulbewegungen ging mein Blick immer wieder nach vorne. Innerlich jubelte ich: „Vor dir ist niemand. Du bist die Erste.“ Stolz ruderte ich weiter wild mit den Armen und japste nach Luft. Bis sie mir ausging. Mir blieb im wahrsten Sinne des Wortes einfach die Luft weg. Ich tauchte auf und musste ein paar Brustschwimmzüge machen. Immer noch niemand vor mir. Außer der ganzen Masse, die sich weit links von mir im Schwarm bewegte ... Ich hatte über meinen wilden, unkontrollierten und unrhythmischen Kraulbewegungen, die ich nicht an meinen Atem angepasst hatte, die Richtung und die Kraft verloren. Mein Herz pochte, mein Atem war nur noch ein Hecheln.

Ich war so froh, als ich – aus dem Wasser taumelnd – das Fahrrad endlich in Empfang nehmen konnte. Hätte ich nur auf den Rat der Triathleten gehört: lieber langsam, dem eigenen Rhythmus folgend und koordiniert schwimmen, als zu früh seine Kraft verlieren!

So oft denke ich an diese Geschichte zurück: Wer nicht im Rhythmus bleibt, verliert Kraft und die Richtung. Vielleicht habe ich deshalb eine große Leidenschaft für Rituale – also Rhythmus im Alltag – entwickelt!

Darf ich dich mit hineinnehmen – in meinen Alltagsrhythmus – in Rituale, die ich für mich entwickelt habe? Sie helfen mir, bei mir zu bleiben. Und vielleicht inspirieren sie dich auch.

Am Morgen

Ich habe drei kleine Kinder und manchmal geht das Chaos schon am frühen Morgen los. Ich stehe deshalb einige Zeit vor meiner Familie auf. Wenn ich die Füße das erste Mal auf den Boden setze, wird mir klar, dass der Boden mich trägt. Immer noch. Mich. Heute. Ich darf von einer Realität ausgehen, die so sicher ist wie der tragende Boden: Gott ist heute da.

Dann strecke ich dem Himmel meine Hände und Arme entgegen und flüstere (manchmal nur in Gedanken):
Herr, komm in mir wohnen,
lass mein Geist auf Erden
dir ein Heiligtum noch werden.
Komm, du nahes Wesen,
dich in mir verkläre,
dass ich dich stets lieb und ehre.
Wo ich geh, sitz und steh,
lass mich dich erblicken
und vor dir mich bücken*1

Und dann: Bücke ich mich tatsächlich. Ich verneige mich vor diesem Tag. Vor Gott. Vor der großen Realität, dass auch heute nicht alles von mir abhängt. Weil ich die Worte nicht jeden Morgen neu erfinden mag und kann (mit drei kleinen Kindern weiß ich, was Müdigkeit bedeutet), hilft mir eben Gerhard Tersteegen mit seinem Wort. So beginne ich jeden Tag.

Am Mittag

Um zwölf Uhr klingelt der Wecker meines Smartphones. Meistens mitten im Chaos. Entweder beim Kochen, in einem Meeting, beim Kinderabholen, bei einer inhaltlichen Arbeit am Rechner oder beim Essen. Mitten drin. Dann lass ich kurz alles sinken. Und bete:
Mein Herz gehört dir, Jesus!
Mitten am Tag – mitten im Chaos!
Die Mitte meines Lebens bist du!
Schenke mir Mut, Sanftheit und Kraft!
Amen.

Und dann geht es weiter. Die Wirklichkeit meines Lebens – zwischen Chaos und Gnade – wird so kurz spürbar in meinem Leben.

Am Abend

Abends vor dem Schlafengehen sehne ich mich so sehr nach Gnade. Es gibt Tage, da habe ich meinen Ansprüchen und meinen Aufgaben nicht genügt. Oder ich brauche Vergebung. Statt Selbstvorwürfe halte ich mir die Wahrheit vor Augen: Ich bin geliebt. Ich bin mehr als meine Taten. Ich bin dein Kind! An diesem Abend. Nach diesem Tag. Und trotz dieses Tages!

Dann lege ich mir beide Hände auf meinen Kopf und flüstere in die Nacht:
Ich lebe aus der Flut deiner Gnade! In deine ­gnädigen Hände gebe ich den Tag zurück.

Dann lege ich mich ins Bett und zähle an meinen zehn Fingern zehn Dinge, Begegnungen, Ereignisse auf, für die ich heute dankbar bin. Das dauert alles nicht lange, verändert aber meinen Schlaf. Und ich glaube zutiefst, auch mein Leben.

In der Nacht

Es gibt Nächte, in denen ich nicht schlafen kann. Dann kommen Zweifel, Vorwürfe, Rastlosigkeit und Angst vor den nächsten Wochen. Ich nenne vor allem die Selbstvorwürfe und Sorgen „die Wölfe“. Dass sie einen Namen haben hilft mir schon, mit ihnen umzugehen. Oft stehe ich dann bewusst auf. Ein kleines Notizbuch und ein Stift liegen immer im Bad. Hier schreibe ich auf, was mich bewegt. Oft nur in Stichworten. Dann sage ich:
Gott, dir überlasse ich den Kampf!  
Ich geh jetzt schlafen!

Dann geh ich wieder ins Bett. Das ist kein richtiges Ritual. Auf Instagram würde es #lifehack heißen. Hilft nicht immer. Aber tut gut!

Rituale helfen im Rhythmus und damit, bei mir selbst zu bleiben. Und dann gibt es Tage, da bin ich nicht konsequent genug. Oder zu müde. Oder ich vergesse etwas. Oder die Arbeit schluckt alles auf. Dann verliere ich Kraft und die Richtung. Ja, das stimmt. Aber ich kann am nächsten Tag ja weitermachen und neu anfangen. Und davor bete ich:
Ich lebe aus der Flut Deiner Gnade!

Und diese Gnade ist wichtiger für mein Leben als jedes Ritual!

Anmerkung:
* Siebter Vers des Liedes „Gott ist gegenwärtig“ von Gerhard Tersteegen (1697-1769). Mystiker und Lyriker.

Aus: Herzheimat © 2018/2021 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, D-71088 Holzgerlingen

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