Sich Gott gefallen lassen

Von dem Herrn, der auch der Herr ist

„Und aller Fragen Ende ist die Gottesfrage.“1 So beschreibt es Stefan Zweig in der Biographie des russischen Dichters Fjodor J. Dostojewski, dessen 200. Geburtstag wir im vergangenen November gedacht haben. Alles in seinem Leben läuft auf diese Frage hin: der Frage nach Gott. Nicht ob er sei – für Dostojewski fraglos – allein wie er sei, dieser verborgene Gott in uns und außer uns.

Nun ist Gott ja kein Name. Es ist ein Gattungs­begriff – so wie Mensch oder Tier oder Bahnhof. Um zu wissen wie Gott ist, muss man aber seinen Namen kennen. Der Name macht erkenn- und unterscheidbar. Der Name offenbart das Gegenüber als Person. Das wussten bereits die Menschen der Bibel. Vor allem im jüdischen Tanach (unserem Alten Testament) gibt es deshalb eine Menge Umschreibungen des Gottesnamens. Sie beschreiben, was man an ihm wahrgenommen und mit ihm erlebt hatte und wofür man ihn schätzte, gar liebte. Wenn man nun aber das Alte wie das Neue ­Testament liest, nimmt man schnell wahr, dass ­eine Formulierung heraussticht, die in beiden Teilen der Bibel maßgeblich ist: der Herr. Dem möchte ich nachgehen – im jüdischen Tanach und im christlichen Neuen Testament.

Ich bin der HERR!        

Wenn Fremde einander begegnen, stellen sie sich vor. Nur so kann man sich kennenlernen, einander begegnen, in Beziehung miteinander treten. Auch Gott stellt sich vor: „Ich bin der Herr.“ Aber was will er uns damit sagen?

Der Gott, der sich uns im Alten Testament vorstellt, hat viele Seiten. Er ist der Schöpfer (Genesis) – er ist der, der Geschichte macht (Israel) – er kann auch ein Ankläger sein (Amos) – oder ein Liebhaber (Hosea) … Es sind so viele Facetten, die uns gezeigt werden, dass sich diese Frage – wer und wie er denn ist – gar nicht so leicht beantworten lässt. Möglicherweise hilft uns die Urerfahrung des Volkes Israel weiter: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir (2 Mo 20,2f). Der Herr ist der, der sein Volk sieht und sich um sein Volk kümmert. Er ist der, der die Seinen in die Freiheit führt. Immer und immer wieder hat sich Israel darauf zurückbesonnen. Bis heute: Was immer gerade unser Leben bedrängt und beherrscht – wir leben im Angesicht des Gottes, der uns nicht vergisst und uns in die Freiheit führt! Dieser Gott ist der Herr!

Geübte Bibelleser wissen, was es mit dieser  Schreibweise für eine Bewandtnis hat. Denn im hebräischen Grundtext steht dort eben nicht Herr – hebr. ‚adon‘ – sondern der Eigenname Gottes: Jahwe – oder gemäß der ursprünglichen hebr. Schreibweise, die nur Konsonanten kannte, als JHWH geschrieben. Aus Ehrfurcht vor diesem Namen hat man ihn im Judentum in der Heiligen Schrift zwar gelesen, aber stets als ‚adonaj‘ (Herr) ausgesprochen. Die christlichen Übersetzer haben sich an dieses Ehrfurchtsgebot gehalten, und um das menschliche ‚Herr‘ von Gott als ‚Herr‘ zu unterscheiden, führte man die Schreibweise mit den Kapitälchen ein.

Ulrich Wilckens weist darauf hin, dass der Name Gottes die theologische Mitte des ganzen Alten Testaments ist.2 Er begründet dies mit der wiederkehrenden Wendung: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue (2 Mo 34,6). Die Mitte, an der alles hängt, ist sein Eigenname. Dieser ist zu verstehen als „wirksam sein, da sein, gegenwärtig sein, mit jemandem sein“3. Man könnte auch schlicht übertragen: „Ich bin für dich da.“      
Exakt das meint die Selbstvorstellung Gottes! Darum wird er auch nicht „Baal“ genannt, sondern „Adonaj“. Beide Worte sind gleichermaßen mit Herr zu übersetzen und unterscheiden sich doch grundlegend. Einschlägige Lexika übersetzen „Baal“ mit Besitzer – da herrscht also das Moment der Unterwerfung vor. Bei „Adonaj“ ist an den zu denken, der Verantwortung für andere übernimmt – da herrscht also das Moment der Beziehung vor. Welch gravierender Unterschied! Deshalb kann auch festgehalten werden: „Die Sorge für das dem Menschen Gute steht danach am Anfang von Jahwes Tun.“ Und: „Israel bleibt in eminenter Weise ein Volk der Hoffnung.“4

Gott stellt sich als der vor, der Fürsorge übt. In unzähligen Bildern wird dies zum Ausdruck gebracht. Ich denke an eines unter vielen (Ps 23,4): Der Herr ist mein Hirte … Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Ja – es gibt dunkle Täler. Und ja – diese sind auch von uns zu durchschreiten. Aber: sie sind noch kein Unglück! Sie wären es dann, wenn der Herr, der JHWH, der Fürsorger nicht mehr bei uns wäre! Deshalb sind dunkle Täler nicht gleich hell – sie bleiben dunkel … aber ebenso durchschreitbar … an der Hand des guten Hirten, der mit uns ist und für uns da ist!

Die Selbstvorstellung Gottes ist ein gut zu hörender Zuspruch. Aber auch eine leicht zu über­hörende Frage: Willst du dir meine Fürsorge gefallen lassen? Das ist ja alles andere als selbstverständlich – wir besorgen uns ja lieber selbst, um uns mit dem zu versorgen, was wir als Hilfe für uns erdenken. Gott – der Gott, der der JHWH ist – lädt uns ein: Lass mich dein Fürsorger sein! Dein Gutes ist mir ein Herzensanliegen.

Das Neue Testament hat diesen Gedanken auf­genommen. Petrus schreibt: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch (1 Petr 5,7). Dieser Fürsorger ist Jesus Christus – von den Jüngern „der Herr“ genannt – griech. kyrios. Und schon die Septuaginta5 nimmt kyrios, um das alttestamentliche JHWH zu übersetzen. Das weist uns also als Brücke von Jahwe zu Jesus.

Er ist der Herr!

So erkennen die Jünger ihren Meister: Er ist der Herr! Im Grunde nehmen sie damit die alttestamentliche Aussage wahr. Und Jesus bestätigt dies: Siehe, ich bin bei euch alle Tage (Mt 28,20) – mit mir ist der Fürsorger eures Lebens zu euch gekommen!

Jesus ist der Herr – nun klein geschrieben in den Bibelübersetzungen, da tatsächlich Herr: Kyrios dasteht. Und dieser kleine Unterschied erinnert uns an einen gewichtigen Aspekt. Haben wir in JHWH eher die Fürsorge betrachtet, so werden wir nun an die Weisung erinnert. „Die Anrede beinhaltet auch die Anerkennung Jesu als Gebieter und schließt die Bereitschaft in sich, ihm zu gehorchen. (…) Die Worte des irdischen Jesus haben auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung unbedingte Autorität für die Gemeinde“6. Man könnte es auch in biblischen Begriffen wiedergeben: zum ‚kyrios‘ gehört der ‚doulos‘, zum Herrn der Knecht, wörtlich gar: Sklave. Und wem das zu ungeheuerlich erscheint, der sei daran erinnert, dass Paulus sich in seinen Briefanfängen immer gerne mal als Knecht Jesu Christi bezeichnet. Dabei gilt auch – ähnlich der Unterscheidung zwischen Baal und Adonaj – die deutliche Differenz zwischen dem Herrn und dem Gewaltherrscher (griech. despotäs). Letzteres ist Jesus nicht – er zwingt seine Jüngerinnen und Jüngern nicht. Er beherrscht sie nicht durch Unterdrückung und nötigt ihnen seinen Willen nicht auf. Unser Herr lädt ein – in seine Weisung, die ja nichts anderem als seiner Fürsorge entspringt! Ja – Jesu Weisung ist Ausdruck und Gestaltwerdung seiner Fürsorge!

Während ich das schreibe, werde ich an das Wochen­evangelium erinnert, an die Hochzeit zu Kana: Jesu Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut (Joh 2,5). Sie mahnt, der Weisung Jesu zu folgen – die Diener tun es und das Hochzeitsfest ist gerettet! Oder wenn wir uns an Petrus und seinen denkwürdigen Fischzug erinnern: Auf dein Wort hin (Lk 5,5). Und dann werfen sie die Netze nochmals aus und erfahren, wie die Weisung Jesu dessen Fürsorge ins Leben bringt!

Dass Jesus der Herr ist, war für die ersten Christen die Mitte ihrer Botschaft: der auferstandene und damit gegenwärtige Herr. Und darum wurden für ihren Glauben tragende Momente mit diesem Titel verbunden: das Abendmahl heißt ­eigentlich „Herrenmahl“ (1 Kor 11,20) und der Sonntag eigentlich „Herrentag“ (Off 1,10). Auch das älteste Glaubensbekenntnis, das die Christenheit kennt, ist knapp und klar: „Herr ist Jesus!“

Wer sind wir?

Und so ergeht über die Jahrhunderte hinweg heute die Frage an mich: Will ich Jesu Weisung ­suchen und mir gefallen lassen? Will ich darauf vertrauen, dass seine Weisungen Ausdruck seiner Fürsorge sind und diese so in meine Wirklichkeit einbricht? Frank Buchman formulierte es so: „Wenn der Mensch horcht, spricht Gott – wenn der Mensch gehorcht, handelt Gott.“7

Mir ist bewusst, wie provokant die Frage der Weisung ist. Wir alle wollen Herren und nicht Knechte sein. Unsere Welt und unsere Kirche sind voll mit solchen. Dabei gilt: „Wenn aber jeder Herr ist, dann ist niemand mehr Herr im ursprünglichen Sinn des Wortes; wohl aber maßt sich jedermann über alles und jedes Herrenrechte an.“8 Können wir uns noch etwas sagen lassen? Sind wir noch empfänglich für Weisungen? Für die Weisungen Jesu – sei es durch sein Wort oder ab und zu auch durch das Wort anderer Menschen? Das Staunen, das der Dichter Ernst Wiechert in seinem Werk „Jerominkinder“ formuliert, müsste uns wach­rütteln: „Ich wundere mich, Jeromin, dass die Sprachforscher auf solche Dinge so wenig achten. Früher hieß nur einer der ‚Herr‘, und das war Gott. Können Sie sich denken, dass man ‚Herr Moses‘ oder ‚Herr Abraham‘ sagte? Und dann ging es auf die Könige über, und dann auf den Edelmann, und heute ist der Pedell an der Alma Mater ein Herr. … Es gibt zu viel Herren auf dieser Erde, Jeromin. Deshalb ist es so herrlich, und deshalb wird es kein gutes Ende mit ihr nehmen“9.

Die Weisungen Jesu sind Einladungen, die Fürsorge Gottes erfahrbar werden zu lassen. Darum müsste man das hebr. Wort für Gebot ‚mizwa‘ am besten auch übersetzen mit Lebensermöglichung!

Uns stellt sich die Frage: Will ich mir sowohl die Fürsorge als auch die Weisung Gottes gefallen lassen? Der für uns da ist, der lädt uns zu sich ein. Unser Gott ist Herr und der Herr – er will uns in Fürsorge und Weisung begegnen. Beides gehört zueinander – das eine wird nur mit dem je anderen ein Ganzes. Weil unser Gott der fürsorgende Herr ist, kann er auch der ins Leben weisende Herr sein! Und wir Christen ein Volk der Hoffnung!

Anmerkungen:
1   Stefan Zweig, Dostojewski, Die Tragödie seines Lebens, Eine Biographie; S. 61.
2   Ulrich Wilckens, Studienführer Altes Testament; siehe S. 17-19.
3  Walther Zimmerli, Grundriss der alttestamentlichen Theologie, Theologische Wissenschaft Band 3,1; S. 14.
4    Zimmerli a.a.O., S. 25+18.
5    Septuaginta: griechische Übersetzung des Alten Testaments.
6    Lothar Coenen et al, Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament; Artikel „Herr“, Hans Bietenhard; S. 662.
7   Frank Buchman, Für eine neue Welt; S. 70.
8   Coenen a.a.O., S. 666.
9   zitiert nach Friso Melzer, Das Wort in den Wörtern; ­
S. 215.

 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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