„Wir ruhen uns da durch“

Im Neinsagen zum Wesentlichen gelangen

lch hoffe, dass die Ruhe niemals Mode wird. Wie Brot aus Sauerteig oder Cupcakes zu backen, Kaminholz-Hacken oder eine kleine eigene Schafherde zu halten, um nur die letzten schwedischen Moden zu nennen. Das Einzige, was man von Moden wissen kann, ist, dass sie bald nicht mehr in Mode sind. Moden kommen und gehen, genau wie all die Tipps für ein glücklicheres ­Leben oder einen Waschbrettbauch.

Die Ruhe ist uralt. Sie führt uns zu etwas, das ­jenseits des Räumlichen und Sichtbaren ist, sie bringt uns in Kontakt mit dem Herzschlag, der seit Urzeiten im selben Rhythmus pocht und dessen Schlag nicht aufhören wird, wenn es uns nicht mehr gibt, weil wir „die ewige Ruhe“ erreicht ­haben, wie das Leben nach dem Tod bezeichnenderweise genannt wird. Arbeit und Ruhe, Arbeit und Ruhe, Arbeit und Ruhe. So monoton, so ­gewöhnlich und unspektakulär ist der Klang des guten Lebens.

Das Wort „Ruhe“ ist so kurz, so schlicht und so bescheiden, dass es im Geschnatter aller Nachrichten fast untergeht. Dabei ist es doch raumgreifend. Es öffnet etwas: einen Raum, einen Windschutz, ein Versteck für die Liebe. Es ist etwas so Außergewöhnliches wie ein Weg zurück ins verlorene Paradies und etwas so Handfestes wie ein Rettungsring.

Die Ruhe kann ein Augenblick sein, an dem ich noch auf dem Steg am See bleibe, oder ein langer, mehrere Wochen dauernder Urlaub. Ein Nickerchen oder eine kleine Joggingrunde, ein paar ­Minuten, in denen ich am Schreibtisch die Augen schließe, dasitze und mir vorstelle, dass ich eine Weile aufs Meer schaue oder auf ein wogendes Weizenfeld. Die Ruhe ist etwas, das wir wählen – um der Liebe willen und weil unser Lebenslauf nur mit Pausen gelingt.

Ruhen heißt loslassen

Vieles in diesem Leben ist unerreichbar, solange man es angestrengt erreichen will. Aber dann ­gelingt es plötzlich, mit beeindruckender Selbstverständlichkeit – wenn man loslässt. Jeder, der Kreuzworträtsel löst, kennt das Phänomen. Wenn man das Kreuzworträtsel zur Seite legt, weil es einfach nicht zu lösen ist, und es später am Tag noch einmal zur Hand nimmt, fallen einem die fehlenden Wörter oft ohne Anstrengung ein.

Ich habe für mich entdeckt, dass die simpelste ­aller Regeln – „Lass es sein!“ – eine glänzende Strategie für viele Dinge in unserem Leben ist. In der Liebe eröffnet sie geradezu schwindelerregende Perspektiven: Wenn man den anderen loslässt, gewinnt man ihn. Immer und immer wieder. Lieben heißt zufallen. Ruhe bedeutet, eine Zeit lang zuzulassen, dass man die Kontrolle verliert – und das Leben auf einen zukommt.

Ruhen kommt zuerst

Es ist erstaunlich, dass alle Ausdrücke, die wir im Zusammenhang mit Ruhe benutzen, etwas beschreiben, das danach kommt: „sich erholen“, „sich entspannen“, „durchatmen“. Wenn man an den Beginn der Zeiten zurückgeht, zu dem Augenblick, in dem die Ruhe geschaffen wurde – ich benutze das Wort „geschaffen“ ganz bewusst –, dann stellt man fest, dass, was den Menschen angeht, alles irdische Leben mit der Ruhe begann.

Ich versuche manchmal, mir die einzelnen Schöpfungstage vorzustellen und sich vor meinem inneren Auge abspielen zu lassen, wie da aus nichts etwas hervortrat. Wie Gott das Licht rief und das Licht hervorbrach, wie er das Meer vom Land schied und den Tag von der Nacht. Mit seinem Wort rief er die Sonne und den Mond, Linden und Ulmen, Tapire und Schildkröten, Ameisen und Stechmücken. Am sechsten Tag, als alles andere geschaffen war, rief er den Menschen ins Leben. Dann machte Gott mit den Menschen einen Rundgang durch das Paradies, das er geschaffen hatte, nannte einige Spielregeln und sagte: „Und morgen früh, wenn ihr wach werdet, ist hier übrigens Feiertag.“ Das sagte er zu zwei Wesen, die bis dahin noch keinen Finger gerührt hatten.

Sie ­waren gerade erst angekommen. Verschlafen, splitternackt und nigelnagelneu standen sie da. Und das Erste, was sie „tun“ sollten, war: ruhen.

Man kann daraus zwei Schlüsse ziehen. Der eine ist theologisch: Bis der Mensch auf die Bühne tritt, ist das Meiste bereits erledigt. Er muss die Welt nicht (noch einmal) schaffen. Die Welt ist schon fertig – ein Gedanke, in den man sich in Ruhe (!) vertiefen kann.

Der andere Schluss ist lebenspraktisch: Es ist klug, die Ruhe an die Stelle zu setzen, die ihr zugedacht ist: an die erste Stelle. Statt den ganzen Herbst über wie ein Verrückter zu arbeiten und an Weihnachten vor Müdigkeit mit dem Kopf in den Gänsebraten zu fallen – erst ausruhen! Niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Deshalb ist es klug, ihm mit einer gewissen Kraftreserve entgegenzusehen. Wenn man verhindern will, dass Ruhen dasselbe ist wie Auf-der-Stelle-Einschlafen, muss man damit beginnen, bevor man am Ende seiner Kräfte ist, denn auch die Ruhe verlangt ein Mindestmaß an Energie.

Waches Ruhen

Das alte Wort für Erholung, „Rekreation“, bedeutet wörtlich „neu schaffen“, „noch einmal schaffen“. Diese Neuschöpfung geschieht, was den Körper angeht, im Schlaf, was die Seele angeht, im Zustand des wachen Ruhens. Und genau wie die Erschaffung der Erde nicht nach einer Woche abgeschlossen war, so müssen auch unser inneres Leben und unsere Gedanken umgestaltet und erneuert werden, immer und immer wieder. Genau das geschieht in der Rekreation. Wir entscheiden uns für das Nichtstun und lassen das, was dann geschieht, mit uns geschehen. Wir ruhen vom Fortschritt, von allen Verbesserungen und Veränderungen und lassen alles für eine Weile so, wie es ist. Und verrückterweise kann daraus etwas wachsen, ganz unverkrampft. Wir lassen uns selbst, unsere Wege und Entscheidungen in gewissem Maße neu schaffen. Am wichtigsten ist mir der Gedanke, dass es Zeit wird, der Ruhe ­wieder den Platz zu geben, der ihr gebührt: den ersten. Alles mit Ruhe beginnen, statt mit einem Seufzer der Erschöpfung zu enden.

Ruhen ist eine Pflicht

„Ruhe ist nicht dasselbe wie Passivität. Ruhe braucht mehr als Entspannung, das Einatmen genauso wie das Ausatmen. Zum ‚von etwas ruhen‘ gehört auch das ‚in etwas ruhen‘“, schreibt der Theologe Göran Larsson in seinem Buch „Zeit für Gott“.

Nachdem das regelmäßige Nichtstun unter die Räder gekommen ist, liegt es nahe, es durch eine Art Turbopause auszugleichen: eine Reise an einen stillen und einsamen Strand, wo „die Batterien aufgeladen“ werden sollen, oder ein Wellness-Wochenende in einem Spa-Hotel. Sicher ist, dass sich weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung so etwas leisten kann. Das regelmäßige Nichtstun ist dagegen für alle erschwinglich und außerdem eine weitsichtige Lösung. Reisen ist wunderbar, wenn man das Umfeld wechseln, die „Touren“, auf denen man fährt, drosseln will und mit denen Zeit verbringen möchte, die man liebt. Aber das Reisen kann keine regelmäßigen Ruhezeiten ersetzen. Eine Reise ist eher so etwas wie eine Schnellladung der Batterien, nichts, das auf lange Sicht Energie zur Verfügung stellt.

Ich habe es so oft beobachtet, dass sich das Muster schier aufdrängt. Jemand schreibt auf Facebook: „Nach einem schrecklich vollen Herbst geht‘s auf zu den Kanaren. Eine Woche Auszeit, dann bin ich wieder auf der Höhe.“ Und wir anderen posten alle umgehend: „Super Idee! Du hast es dir verdient!“ Die Ruhe ist aber keine Belohnung, nichts, was man verdienen muss. Sie ist eine Pflicht – ­eine so unumgängliche, dass man klug ist, wenn man ihr einen kompletten Wochentag widmet. Nichts Spektakuläres, aber wenn sie einem das Leben rettet, kann man sie ja vielleicht aushalten?

Ruhen bedeutet auch Neinsagen

Etwas tun, das man normalerweise nicht tut, aber gerne tut. „Die Ferien sind dazu da, etwas anderes zu machen“, sagte mein Vater immer. Im Liegestuhl zu sitzen und ein erbauliches Buch zu lesen, war nichts für ihn, dabei spürte er eher Hummeln unter seiner Sitzfläche als Frieden in der Seele. Er musste immer irgendetwas tun. Etwas anderes.

An diesem Punkt verändern wir uns mit den ­Jahren. Wir bewegen uns von dem jugendlichen Gefühl, dass immer etwas los sein muss, zu dem Wunsch, es möge doch mal gar nichts los sein. Ein leerer Kalender wird zum größten Luxus. Ein ­unverplantes Wochenende! Aber um dahin zu ­gelangen, muss man sich im Neinsagen üben, darin, die Zeit eben nicht zu verplanen, den Kalender eben nicht zu füllen. Um das Leben zu gewinnen, nach dem man sich im Tiefsten sehnt, muss man bereit sein, andere denkbare Leben aufzugeben. Ein erfülltes Leben ist nicht ein Leben, das so voll wie möglich ist. Beim Ruhen geht es deshalb auch um Grenzen oder, wie es ein guter Freund sagte, darum, „gute Sachen in der richtigen Reihenfolge zu versäumen“.

„Wir ruhen uns da durch“ pflegte ein Kollege zu sagen, wenn eine Aufgabe wie ein undurchdringliches Dickicht vor uns lag und unsere Kräfte viel geringer schienen als der Anspruch, der an uns gestellt wurde. Ich hatte diesen Spruch jahrelang gehört, bis ich plötzlich verstand, dass eine tiefe Lebensweisheit in ihm steckt. Es ist die Küchenbank-Philosophie in einem einzigen Satz. Ruhen ist eine fantastische Methode, wenn es darum geht, uns einer Sache zu stellen, die einfach übermächtig ist.

Aus: Warum Ruhe unsere Rettung ist, © SCM Brockhaus, Witten 2016, S. 19-25

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